Von Stummfilmkino bis Kurzfilmnacht

Oder: Kino in Radebeul – wen interessiert das noch? (Teil 2)

Neue Außenbeschilderung fürs alte Kino, 1993, Foto: Karin Baum

Nachdem man 1988 in Radebeul-West die „Freundschaft“ geschlossen hatte, war von einstmals vier Lichtspieltheatern in der Stadt nur noch die „Union“ in Radebeul-Ost als schwacher Trost geblieben.
Doch nichts währt ewig. Auch diese Kinoräume waren lediglich angemietet. Mit Kündigung des Mietvertrages durch den privaten Hausbesitzer folgte auch für Gerd Schindler, der im Kreis Dresden-Land für die Wartung der Filmtechnik und nebenberuflich als Filmvorführer im Filmtheater Union sowie während der Saison im Bilz-Bad und Freilichtkino Radebeul-Ost tätig war, am 31. Juli 1991 das Ende seiner Beschäftigung bei der Dresdner Bezirksfilmdirektion. Neuer Arbeitgeber wurde Wolfgang Gerecke, ein ehemaliger Kollege, welcher das Filmtheater als Geschäftsführer bis zum Jahresende auf privater Basis weiter betrieben hat. Doch finanziell ging es zunehmend bergab. 1991 veranstaltete sogar der Radebeuler Gewerbeverein eine Spendensammlung zur Unterstützung der „Flohkiste“ (Filmtheater Union) in Not. Alles Weitere ist schnell erzählt. Im März 1992 wurde der Interessenverein Film gegründet. Neben den mehr oder weniger gängigen „Kassenfüllern“ waren nun auch wieder „gesellschaftskritische und künstlerisch anspruchsvolle“ Filme im Programm. Der Publikumsstamm wuchs allmählig. Die Programmqualität sprach sich in den Insiderkreisen sehr schnell herum. Ab 1. Januar 1993 erfolgte die vollständige Übernahme des Filmtheaters durch den Verein. Gerd Schindler war nun Filmvorführer, Kinoleiter und Vereinsvorsitzender in Personalunion und das alles nach einem langen Arbeitstag als festangestellter Mitarbeiter in der Radebeuler Tourist-Information. Die finanzielle Situation des Kinos begann sich zu stabilisieren. Dann hieß es plötzlich, das Grundstück wird verkauft, das Kino soll abgerissen werden. Die letzte Vorstellung fand in der „Union“ am 4. Dezember 1993 statt. Nicht ohne Hintersinn wurde der deutsch/französische Film „Cinema Paradiso“ (1988) gezeigt. Die Geschichte erzählt von einem kleinen altmodischen Kino in der Provinz und von Menschen, deren Sehnsüchte und Träume mit diesem Ort – der zuletzt nur noch als leere Hülle existiert und abgerissen werden soll – auf eine rührende Weise verbunden sind.

Kinder- und Jugendfilmtheater Union mit Eingangstür (Mitte) und Notausgang (rechts), 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Die Parallelen zum Schicksal der „Flohkiste“ lagen auf der Hand. Geblieben sind viele nostalgisch gefärbte Erinnerungen sowie eine Sammlung von Zeitungsberichten, Programmzetteln, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen. Quasi in letzter Minute hatte die Medieninitiative noch eine siebzehnminütige Dokumentation gedreht. Den einfühlsamen Film mit dem Titel „Für immer ausverkauft“ kann man sich auf YouTube anschauen. Die in einem Anbau befindliche „Flohkiste“ wurde schließlich im Januar 1994 abgerissen. Das Haupthaus hingegen blieb noch sehr lange stehen.

Sitzbänke des ehemaligen Freilichtkinos in der Gartensparte „Am Waldrand“, links im Bild der Holzbau, in dem sich der Vorführraum befand, 1990, Foto: Sebastian Hennig

Fazit: Das älteste, noch im Betrieb befindliche Kino, hatte 83 Jahre Filmgeschichte miterlebt und bis zum gesellschaftlichen Umbruch in der sogenannten Wendezeit überdauert. Wie sich später herausstellte, hätte es gut und gerne noch einige Jahre bespielt werden können.
Unmittelbar nach der Schließung des Filmtheaters fegte von 1993 bis 1994 ein medialer Sturm durch den Blätterwald. Das Entsetzen war groß. Doch wie nun weiter? Der Verein bemühte sich um Alternativen. Bereits am 27. Juli 1994 erfolgte die Eröffnung der Spielstätte „Union 2“ in den Räumen der Großraumdiskothek Mega-Drome an der Stadtgrenze zu Coswig. Eine weitere Spielstätte wurde durch den Verein im Bahnhof Radebeul-West, genauer gesagt in den Räumen des Seniorentreffs (ehemalige Bahnhofsgaststätte) betrieben, wo es auch Vorstellungen für Kinder gab.
Der Schlagzeile in der SZ vom 10. Mai 1995 „Kinopublikum blieb aus – Ehe mit Großdiskothek ist gescheitert – Radebeuler Interessenverein Film löst sich auf“ gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Die neun Sitzplätze im Palastkino, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Danach wurde es still ums Kino in Radebeul. Die einstigen Mahner, zu denen stadtbekannte Filmkenner und Kinoenthusiasten wie Joachim Richter (1926–2015), Lieselotte Schließer (1918–2004) oder Wolfgang Zimmermann gehörten, wurden im Laufe der Jahre müde oder sind durch ihr Ableben endgültig verstummt. Die Zeitzeugen einer lebendigen Radebeuler Kinoszene werden rar. Kommunalpolitische Versprechungen, dass es auch künftig in Radebeul ein Kino geben werde, blieben unerfüllt.
Joachim Richter, der 1964 den Radebeuler Filmclub mit gegründet hatte und diesen über viele Jahre leitete, schrieb 1995, als allerorten 100 Jahre Kino gefeiert wurde, sarkastisch „Das Kino lebt. In Radebeul ist es tot.“ Der ewige Rufer in der nun entstandenen Kinowüste blieb hartnäckig und ließ sich von den stereotypen Antworten, dass der gute Wille ja vorhanden sei, allein es fehle an Geld, nicht abschrecken.
Dem gesellschaftlichen Umbruch folgte eine radikale Neuordnung der Kinolandschaft. Die Verwaltungsstrukturen der Bezirksfilmdirektionen lösten sich auf. Kinogebäude wechselten ihre Besitzer. Die Mieten schnellten in die Höhe. Betonklötze wurden in den größeren Städten aus dem Boden gestampft. Die gewinnorientierte Vermarktung hatte Priorität. Inhalt und Anspruch blieben zunehmend auf der Strecke. Fernsehen und Videotheken ließen die Zahl der Kinobesucher beständig schrumpfen. Multiplexkinos zeigten die aktuellen Blockbuster. Geworben wurde mit 3D-Technik und Supersound. Die Digitalisierung machte vor allem den kleinen privat betriebenen Ein-Raum-Kinos zu schaffen. Umso erstaunlicher erscheint der große Zuspruch, den die Dresdner Programmkinos in zunehmendem Maße erfahren, was nicht zuletzt dem engagierten Filmenthusiasten und Kinobetreiber Frank Apel (1954–2020) zu verdanken ist.
Kino in Radebeul – das ist auch eine Geschichte von vielen kleinen Initiativen, die ohne stabile Strukturen und finanzielle Förderung über kurz oder lang gescheitert sind. Erinnern sollte man hier unbedingt an das „Café Color“, welches Wolfgang Zimmermann zwar in abseitiger Lage am Ende der Gartenstraße (Nr. 75) aber voller Optimismus in der Nachwendezeit eröffnet hatte. Aus der Idee vom kulturellen Szenetreff mit einem alternativen Programmangebot der unterschiedlichsten Genres wie Film, Musik, Literatur oder Bildender Kunst, wurde endlich Realität. Selbstausbeutung stand auf der Tagesordnung. Doch die eigene Kraft, mit der er sich gegen die Marktwirtschaft stemmte, hatte der rührige Kulturorganisator letztlich überschätzt.
Für Experimente immer wieder aufgeschlossen, zeigte sich auch der Jugend- und Kulturverein Noteingang, der sich 1991 gegründete hatte und 1992 im Gemeindehaus der Friedenskirche das „Café Noteingang“ eröffnete. Das Konzept war eine ziemlich schräge Mischung aus Szenetreff und soziokulturellem Zentrum. Der Zuspruch war enorm. Man platzte aus allen Nähten und zog schon bald in das Tonnengewölbe des Familienzentrums um. Der Verein Noteingang glich in seinen besten Zeiten einer sprudelnden Ideenquelle, aus der beständig weitere Vereine und Initiativgruppen hervorgegangen sind. Einen Schwerpunkt bildete dabei u. a. auch das Medium Film. So sind im Eigenauftrag zahlreiche Bild-, Ton- und Filmdokumentationen entstanden. Vor allem Jugendliche wurden ermutigt und unterstützt, eigene Filmideen umzusetzen. Themenabende waren mit Filmaufführungen und Publikumsdiskussionen verbunden. Stummfilmklassiker wurden durch Live-Musik begleitet.
Um den Radebeuler „Kino-Notstand“ ein wenig auszugleichen, wurde an verschiedenen Orten improvisiert. So entwickelte sich von 2000 bis 2006 das „Galeriekino“ in der Radebeuler Stadtgalerie zu einer beliebten Veranstaltungsreihe. Die Auswahl der Filme erfolgte gemeinsam mit dem Publikum. Zum Ehrenmitglied wurde Joachim Richter ernannt, der sich keine Vorstellung entgehen ließ. Die nostalgisch anmutenden Filmmaschinen bediente Gerd Schindler und in die jeweiligen Filme führte Wolfgang Zimmermann ein. Für die Mitarbeiter der Galerie brachte das einen ungeheuren Arbeitsaufwand mit sich, eignete sich die Örtlichkeit doch in keiner Weise für ein derartiges Vorhaben.

Palastkino mit Eingangstür, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Ebenfalls 2000 startete in der Stadtbibliothek Radebeul-Ost die Veranstaltungsreihe „Literaturkino“. Hier hatte der Kulturverein der Einrichtung die Organisation in der Hand, welcher die Existenz des Kinos bis heute sichert. Trotz des durchgängig anspruchsvollen Programms decken die Einnahmen kaum die Kosten.
Ein spektakuläres Kapitel in der Radebeuler Kinogeschichte stellt sicher das „Palastkino“ dar, welches sich im Erdgeschoß des Bahnhofs Radebeul-West befand. Am 30. Oktober 2006 startete hier Johannes Gerhardt mit dem „Kleinsten Kino der Welt“ und schaffte es bis ins Guinness Buch der Rekorde. Das Team von Außenseiter Spitzenreiter kam nach Radebeul und die Presse berichtete deutschlandweit. Geworben wurde mit dem Slogan „Eine Leinwand, ein Filmvorführer, neun Plätze“. Wie im richtigen Kino ertönte ein Gong, es wurde allmählig dunkel, der Vorhang öffnete sich und die Vorstellung begann. Der Name „Palastkino“ wirkte einerseits (gewollt) paradox, sollte aber andererseits auch an das ehemalige Filmtheater „Palast“ erinnern (s. „Vorschau und Rückblick“, Heft 3/2020). Neben den öffentlichen Vorstellungen konnte das Kino auch privat für einen kleinen Kreis gemietet werden. Das Interesse daran war groß. Gefeiert wurden hier u. a. unzählige Kindergeburtstage. Und selbst der Zigarrenclub fühlte sich in dieser besonderen Atmosphäre recht wohl. 2013 war dann Schluss. Der neue Besitzer des Bahnhofsgebäudes hatte andere Pläne. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Das denkmalgeschützte Gebäude steht leer und der Verfall schreitet voran. Geblieben ist beim ehemaligen Bertreiber, die Liebe zum Kino, eine Sammlung nostalgischer Filmvorführgeräte und der Wunschtraum mit dem Kleinsten Kino der Welt noch einmal in Radebeul neu durchzustarten.

Aufgang zum Vorführraum des Filmtheaters Union, im Hintergrund übern Hof die Besuchertoiletten, 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Der Kinogedanke war den Radebeulern nicht auszutreiben und keimte immer mal wieder auf. So standen die Langen Kultur- und Kneipennächte im Jahr 2010 unter dem Motto „Kneipen, Kunst und Kino“. Die Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda hatte als Veranstalter zum Kurzfilmwettbewerb aufgerufen und dem Sieger als Preis den „Silbernen Kötzschbär“ verliehen. Was in den Jahren danach passierte, ist – sieht man einmal vom regelmäßig stattfindenden „Literaturkino“ ab – nicht allzu viel. Im Bilz-Bad erfuhr das Freilichtkino eine Renaissance und in der Hohlkehle konnte man jüngst die Internationale Kurzfilmnacht erleben.
Ein Kino der herkömmlichen Art wird es in Radebeul wohl vorerst nicht mehr geben. Schon eher denkbar wäre ein kommunalgefördertes Filmclub-Kino, das mit „Abspielringen“ kooperiert. Ob in der „Kulturellen Mitte“ oder an einer der „Kulturellen Randzonen“ verortet, sei vorerst dahingestellt. Wo ein Wille ist, da lassen sich auch Räume finden. Eine große Hoffnung für Filmfreunde verbindet sich mit dem neu gegründeten Radebeuler Kulturverein, einer bunten aufgeschlossenen Truppe, die nicht nur redet, sondern schon mehrfach zur kulturellen Tat geschritten ist.
Womit allerdings keiner gerechnet hatte, ist die Corona Pandemie und deren Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Was die Filmbranche anbelangt, ist die gegenwärtige Lage ernst, sehr ernst sogar – aber, wie man so schön sagt, nicht alternativlos. Und Kino in Radebeul – das wird wohl auch in den Nach-Corona-Zeiten ein spannendes Thema bleiben.
Karin (Gerhardt) Baum

Der Beitrag „Kino in Radebeul…“ (Teil 1) wurde in der März-Ausgabe 2020 veröffentlicht und kann jederzeit als Online-Version unter www. vorschau-rueckblick.de abgerufen werden.

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