Aus Eins mach Vier, gib Binsenkraut…

Der neulich vom Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses (BKSA) gefasste Beschluss zum „Geschäftsbesorgungsvertrag Touristischer Informationspunkt Radebeul West“ besagt nichts anderes, als dass in den seit einiger Zeit etwas verwaisten „Bürgertreff“ ein „touristischer Servicepunkt der Stadt Radebeul“ einziehen soll. Der oben erwähnte Geschäftsbesorgungsvertrag wird dazu mit der Redaktions- und Verlagsgesellschaft Elbland mbH geschlossen, die ebenfalls einzieht. In dem ehemaligen Laden wird künftig auch die Sanierungsbeauftragte ein Plätzchen erhalten und selbstverständlich soll er weiterhin als Bürgertreff zur Verfügung stehen.

Als ich diese Zeilen aus der Beschlussvorlage des BKSA 04/20-19/24 vom 23. Juni dieses Jahres gelesen hatte, schwirrte mir der der Kopf und sofort kam mir die Zeitungsmeldung über die geplante Liquidierung der preußischen Kulturstiftung in den Sinn. Die Kulturstaatsministerin Grütters hatte mit dem Spruch „Aus eins mach vier“ für das fragwürdige Vorhaben geworben.

Nach solchen Meldungen drängen sich einem so allerhand Gedanken auf. Um was geht es hier eigentlich? Alle wollen, ja brauchen vermutlich ein Dach überm Kopf. Aber Dächer sind nun mal in der Bahnhofstraße rar, weil die meisten davon fremden Menschen gehören. Und da drängt sich schon wieder eine Frage auf: Warum eigentlich muss die Stadt die wenigen eigenen Dächer an Fremde vermieten, statt sie selbst zu nutzen? Dies scheint überhaupt so eine Marotte der Stadtverwaltung zu sein. Lieber zieht man irgendwo mit seinen Abteilungen zur Miete ein, als die eigenen Immobilen dafür zu verwenden. Die werden allzu gern an Fremde verpachtet, vermietet oder gar verkauft. Das verstehe wer will…

Ein Dach überm Kopf zu haben ist heutzutage schon von existenzieller Bedeutung, schließlich kann man sich nicht irgendwo eine Hütte bauen oder gar in einer Höhle hausen. Jeder Mensch, aber auch jede Einrichtung braucht gewissermaßen eine Behausung, eine schützende Hülle. Und natürlich muß die Hülle auch einen Hausherren oder eine Hausfrau haben. Aber wie das halt so ist, hier fängt es an kompliziert zu werden. Auf den wenigen Quadratmetern in der Bahnhofstraße Nr. 8 werden sich künftig vier Herrinnen oder Herren drängen. Sicher sind sie nicht Eigentümer dieser Räume, aber immerhin… In diesem Zusammenhang fällt mir doch glatt das altdeutsche Sprichwort „Ein Haus leidet keine zwei Herren.“ ein. Da bin ich mal gespannt, wie das alles zusammengehen soll. Mein Orakel prophezeit Ungemach. Die DDR wollte sich auch immer selber überholen. Vor lauter Rennerei ist ihr am Ende die Puste ausgegangen. Da befürchte ich, dass es auch diesmal nichts mit der „eierlegenden Woll-Milch-Sau“ werden wird. Dabei wurde der „Bürgertreff“ erst im Januar 2017 vom Radebeuler Oberbürgermeister mit sichtlichem Stolz eröffnet und im Laufe der Zeit so perfekt eingerichtet, dass er multifunktionell genutzt werden konnte. Und was hat hier nicht alles stattgefunden! Zahlreiche Ausstellungen, Figurentheatervorstellungen, Talkrunden, Informationsveranstaltungen und Beratungen wurden durchgeführt. Ein Bürgerservice sowie Kinder- und Stadtteilfeste wurden organisiert und die Räume gar an Dritten für eigene Veranstaltungen vergeben.

Mit den häufigen personellen Wechseln flauten die Aktivitäten zusehends ab. Was zu Beginn fast reibungslos lief, entwickelte sich sukzessive zum Störfall. Der Beschluss des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses kam dann ziemlich abrupt, sodass ich fast vom Hocker gerutscht wäre. Plötzlich soll die ganze Ausstattung entfernt und der Laden neu eingerichtet werden, vermutlich vom Feinsten. Und wohin mit den Bürgern und den „Gelben Säcken“? Sie erinnern sich, dass jeden Mittwoch ein gesprächsbereites „Kommunikationsteam“ unter anderem die heiß begehrte „Ware“ austeilte und dafür auch Ideen einsammelte? Aber vielleicht wird das ja eine Aufgabe dieser neuen Einrichtung, die gewissermaßen auch zum Servicepunkt des ganzen Sanierungsgebietes Radebeul-West erklärt wurde. Nur vom Sanierungsgebiet selber erfährt man in letzter Zeit relativ wenig, wenn man mal von den wunderlichen Vorschlägen für die Verkehrsplanung um die Bahnhofstraße absieht. Ich spüre schon förmlich, wie die Herzen der Händler und Gastronomen höher schlagen werden…

Damit nun auch jedem klar wird, um was es hier eigentlich geht, will ich für unsere Leserinnen und Leser den vollen Wortlaut des Beschlusses wiedergeben:

„Der Bildungs-, Kultur- und Sozialausschuss beschließt in weiterer Umsetzung der Grundsatzentscheidung des Stadtrates zum zukünftigen Standort der Radebeuler Tourist-Information sowie zur Struktur der touristischen Gästebetreuung (SR 21/13-09/14 vom 29.05.2013) und analog zum Geschäftsbesorgungsvertrag zum Betreiben des touristischen Servicepunkts in der Hoflößnitz und Auslobung der Betreibung eines weiteren in Radebeul-Kötzschenbroda (BKSA 01/16-14/19) den Abschluss eines Geschäftsbesorgungsvertrages zum Betreiben eines touristischen Servicepunktes der Stadt Radebeul als integraler Bestandteil des Sanierungskonzeptes bzw. des Händlerleitbildes in Radebeul Kötzschenbroda der Redaktions- und Verlagsgesellschaft Elbland mbH anzutragen. Der Geschäftsbesorgungsvertrag soll im Jahr 2022 evaluiert werden.“ Alles klar?!

Euer Motzi

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