Die große Treppe – auch als Spitzhaustreppe bekannt

Im Aprilheft von V&R 2019 hatte Herr Axel Fricke – wir kennen uns nicht – begeistert über die Treppe geschrieben, jedoch weniger über das Kulturdenkmal, sondern mehr über den Sport, der da betrieben wird. Er ist offensichtlich jung, treibt selbst Sport und spricht vom sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, aus seinem Blickwinkel ist das völlig okay. Wenn er aber August den Starken und dessen Baumeister Pöppelmann direkt mit dieser Treppe in Verbindung bringt, sollte man das, wie ich glaube, ein wenig genauer betrachten. Da ich schon etwas länger hier wohne, möchte ich Herrn Fricke als einem eventuell Zugezogenen und allen anderen Freunden der Vorschau die lange Geschichte der Spitzhaustreppe in kürzer Form darlegen.

Die ehemals churfürstlichen Besitztümer in der Lößnitz, Haus Hoflößnitz und Spitzhaus, existierten bereits, als man in den 20er Jahren des 18. Jh. auf die Idee kam, beide Objekte durch eine möglichst bequeme Treppe zu verbinden. Der steile, mit Wein bestockte Hang ließ damals eine Wege- oder Straßenverbindung nicht zu. In eine erste Skizze zu einer Treppe soll August der Starke eigenhändig eine Korrektur eingetragen haben. Zu Lebzeiten, er starb 1733, konnte er aber noch kein Baugeschehen an dieser Treppe gesehen haben. Sicherlich war der Hofarchitekt Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) in die Vorgespräche und Skizzen einbezogen gewesen, aber es war nicht sein Projekt für eine große Treppe, das dann endlich von 1747-1750 realisiert worden war. Das Projekt für die barocke Treppe wird viel mehr dem Architekten Johann Christoph Knöffel (1686-1752) zugeschrieben. Die Geschichte bis dahin ist nicht restlos gesichert, so viel steht aber fest, es war nicht August des Starken Treppe, allenfalls die seines Sohnes und er kann diese nicht begangen haben. Wie die fertiggestellte barocke Treppe im Detail ausgesehen hat, ist heute kaum noch nachzuvollziehen, jedenfalls hatte sie unregelmäßig lange Treppenabschnitte. 1751 erhielt die Treppe mit dem Muschelpavillon einen oberen Abschluß, einen Zielpunkt für die Aufsteigenden.

Nach knapp hundert Jahren Benutzung der Spitzhaustreppe muß sie aber sehr schlecht beschaffen gewesen sein, denn der Landbaumeister Carl Moritz Haenel (1809-1880) erhielt 1845 den Auftrag, diese in Stand zu setzen. Daraus wurde aber ein neues Projekt mit geänderten Treppenabschnitten und Absätzen – erst zum Zeitpunkt 1845/46 konnte also von der sogenannten Jahrestreppe mit Abschnitten von je sieben Stufen gesprochen werden! Wenn man weiß, wo man zu zählen beginnen muß, bekommt man mit 52×7=364 ein ideales Jahr heraus. Haenels neue Treppe wirkte nun strenger und regelmäßiger als die alte Treppe, sie trug klassizistische Merkmale. Zum Ensemble der großen Treppe kam 1923 dann noch der gestaltete Torbogen zum Weinberg „Goldener Wagen“ dazu. Wenn man den Muschelpavillon als Endpunkt der Treppe betrachtet, müssen wir beim Torbogen vom Anfangspunkt sprechen.

Seit 1846 gingen reichlich 100 Jahre ins Land, in denen die große Treppe genutzt wurde aber immer nur kleinere Reparaturen ausgeführt worden waren. Ich erinnere mich, dass um 1970 die Spitzhaustreppe in einem fast unbegehbaren Zustand war, es bestand akute Unfallgefahr. Die Ursachen sind wohl im Baugrund, in der Wirkung von Oberflächenwasser und auch unterirdischen Wasseradern zu suchen – natürlich war es kühn gewesen, diese Treppe so in den Steilhang zu setzen. 1971 schließlich rief der Rat der Stadt Radebeul die Bevölkerung zu einer Masseninitiative zur Rettung der Treppe auf. Und ich war auch dabei: Unkraut jäten und Büsche roden, einzelne Sandsteinstufen geraderücken und ein paar Fugen zuputzen. Zu einer grundhaften Instandsetzung aber taugte diese Initiative natürlich nicht.

Nach der politischen Wende 1989 kam bald der Wunsch auf, die für Gäste unserer Stadt aber auch für die Einwohner Radebeuls selbst wichtige Treppe bald in einen besseren Zustand zu versetzen. Schließlich war sie ein touristischer Höhepunkt und ein Kulturdenkmal und es bestanden nun technische und wirtschaftliche Möglichkeiten so eine Aufgabe anzugehen. Die Baumaßnahme erstreckte sich über die Jahre 1991/92. Zunächst wurden die wenigen noch intakten Sandsteinstufen von 1845 geborgen und unterhalb der Hoflößnitz als Ergänzung einer anderen Treppe eingebaut. Dann sah das Projekt den Abbruch der Treppenreste und den Bau einer Seilbahn für Materialtransporte vor. Es folgten Drainagen, Baugrundverfestigung und Fundamente und schließlich der Einbau neuer Treppenstufen, Podeste und Ruhebänke aus festem Postaer Sandstein. Komplettiert wurde die neue Treppe mit beidseitigen eisernen Geländern und einer modernen elektrischen Beleuchtung. Das alles konnte die Stadt Radebeul nicht allein stemmen, sie bekam auch staatliche Fördermittel bewilligt. Zu dem Zeitpunkt ahnte hier keiner, dass die Treppe eines Tages für Sportwettkämpfe genutzt werden würde und es gab keine Fördermittel in dieser Richtung. Ob Fördermittel der Denkmalpflege eine Rolle gespielt haben, kann ich zZ. nicht beurteilen. Eine denkmalpflegerische Instandsetzung der vorgefundenen Treppe schied leider aus, weil deren Zustand so desolat war, dass sich die Beteiligten einig waren, dass hier nur ein Neubau nach altem Vorbild in Frage kam. Ja, die Freude über die neue alte Treppe zum Spitzhaus war damals überall in Radebeul zu spüren. Architekt Wolfram Sammler, im Ingenieurbüro Gütler Radebeul zuständig für die Gestaltung, hatte eine nette Idee als Zugabe beigesteuert. Ein von ihm gereimter Text zum Sinn der Jahrestreppe wurde als Bronzetafel(?) im unteren Abschnitt der Treppe angebracht.

Damit der Volksmund Recht behält,
wird künftig erst ab hier gezählt.
Von hier an ist es wirklich wahr,
bis oben hin ergibt‘s ein Jahr.

Aber es dauerte nicht lange, da war sie gestohlen – Souvenirjäger oder Buntmetalldiebe? Gleichwohl verabscheuenswürdig, wie auch andere Zerstörungen an Sandsteinteilen oder an der Beleuchtung. Inzwischen wurde eine neue Messingtafel mit gleichem Text angebracht, hoffen wir, dass sie länger erhalten bleibt. Mit der Zeit hat der helle Sandstein etwas Patina bekommen, heller wirken nur die bei steinmetzmäßigen Reparaturen eingesetzten Paßstücke an den Stufenkanten.

Dann aber, Herr Fricke sprach von 2005, hatten die Laufsportler die Treppe als Trainingsstrecke entdeckt. Aus Training wurde, logisch, ein Wettkampf auf der Treppe, meist im April jeden Jahres. Der Wettkampf wurde bald international als 24-Stunden-Lauf bekannt und entwickelte sich so zum Extremsport. Am Anfang schien das auch der Stadtverwaltung zu gefallen, trug es doch zur größeren Popularität Radebeuls bei. Wenn sich dieses Event dynamisch weiter entwickeln sollte, und das wünschen sich sicherlich die Veranstalter, droht in der sensiblen Lage von Landschafts- und Denkmalschutzgebiet etwas aus dem Ruder zu laufen. Unvorstellbar der Gedanke, es könnten einmal Zuschauertribünen seitlich der Treppe in den Weinberg gebaut werden und kurz darauf würde das Ganze vielleicht noch eine statisch geniale Überdachung erhalten und, und, und so weiter. Irgendwie ist das wie mit der alten Geschichte mit dem Geist in der Flasche, einmal herausgerufen kriegt man ihn nicht wieder in die Flasche. Wie mir kürzlich ein Anlieger an der Treppe erzählte, üben auf der Spitzhaustreppe nun gelegentlich auch „uniformierte Organe“, also Feuerwehr und Polizei, um im Ernstfall genug Kraft und Kondition zu haben. Wo trainiert eigentlich die Feuerwehr in den vielen Orten, die keine Spitzhaustreppe haben? Ganz sicher bin ich mir, dass August der Starke, als er hier von so einer Treppe träumte, nicht an ein Sportevent gedacht hatte.

Als „älteres Semester“ gönne ich es all denen, die mit Sport auf der Treppe Spaß und Ehrgeiz haben, Kampf und Sieg erleben wollen, darunter ein paar, die vielleicht Radebeul sonst nie kennen gelernt hätten, doch bei der Stadt sehe ich die Aufgabe, für diesen Treppensport das richtige Maß zu finden, keine bei anderen Sportarten üblichen Steigerungsraten (höher, schneller, weiter …) in dieser sensiblen Gegend zuzulassen und immer das Wohl der Stadt jederzeit im Auge zu behalten.

Dietrich Lohse

Fotos: D. Lohse

Verwendete Literatur:
„600 Jahre Hoflößnitz“, H. Magirius u. Autorenkollektiv, Michel Sandstein Verlag 2001

„Stadtlexikon Radebeul“, F. Andert u. Autorenkollektiv, Stadtarchiv Radebeul, 2005

„Denkmaltopografie Radebeul“, V. Helas, M. Müller, M. Nitzsche, Sax Verlag 2007

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