Klaus Liebscher zum 80. Geburtstag

Foto: B. Schade

Klangteppich, Toncluster, Klangstruktur, Klangfarbe, Tonfarbe-Farbton, Farbcluster, Farbspiel, wie sich die Wortschätze der Musik- und Kunstrezensionisten doch ähneln! Für den Radebeuler Klaus Liebscher gehören Malerei und Musik zusammen. Ja, sie bedingen einander. Er liebt den Klarinettisten Louis Sclavis oder den Modern Jazz-Saxophonisten Charles Lloyd. Wie in der Musik, so in der Malerei: Es kann nicht abstrakt genug sein. Ein Vorbild in der Kunst ist der US-amerikanische Abstrakte niederländischer Herkunft Willem de Kooning. War das nicht der Erfinder des Action Painting? Mag er Paul Klee? Aber sicher, sagt Liebscher! Intellekt und Emotion, die waren bei Klee im Gleichgewicht. Er mag den Russen Wassily Kandinsky, den Spanier bzw. Katalanen Antoni Tapies, den Deutschen Emil Schumacher und nicht zuletzt den Amerikaner Sam Francis. Das war doch der, der Farben in Rinnsalen malte.

Bevor Liebscher im von der Wismut nach dem Krieg schwer devastierten Niederpöbel bei Schmiedeberg im Erzgebirge zu Malen anfing, spielte er Klavier. Bis zu den Nocturnes von Chopin hat er es gebracht. Doch bereits vor Jahren hat er das Klavierspiel aufgegeben. Nicht, weil er keine Zeit mehr gehabt hätte. Nein, zu eindeutig ist das Ergebnis, wenn Tasten angeschlagen werden. Heute liebt er Rock und Blues, ganz besonders den avantgardistischen Freejazz. Malerei wie Musik müssen sich aus der Situation, aus dem Spiel entwickeln können. Deshalb diese Vorliebe für die Klänge der indischen Sitar mit ihren modalen Skalen, die weder Dur noch Moll kennen und den Kammerton a schon gar nicht. Ganz besonders liebt Liebscher die Slidegitarristen, die mit dem Bottleneck auf Klangsuche gehen.

Etliche, bereits vielfarbig tönende Blätter Zeichenpapier und Malkreiden auf dem Tisch und vom CD-Spieler Freejazz-Improvisationen, so sieht Liebschers Lieblingsaufenthalt im Unfertigen aus. Das Arbeitszimmer gibt ein beredtes Zeugnis ab. Ein Griff und schon geht die Sucherei los. Deshalb arbeitet er auch nicht im Arbeits- sondern im Wohnzimmer, zum Leidwesen seiner Lebensgefährtin, die den Besucher bereits an der Haustür warnt, er würde gleich die „Vorhölle“ betreten. Überall liegen Stapel von Zeichnungen und Bildern herum. Warum sind so wenige gerahmt? Weil sie alle noch nicht fertig sind. Es sind sicher einige Hundert. Stets hat Liebscher mehrere davon auf dem Tisch in der „Mache“. Doch beim Aktuellen fließt die Inspiration trotz Musik nicht. Also blättert er in seinem Stapel, entdeckt ein anderes Bild und plötzlich weiß er, was diesem fehlt: Ein knalliges Orange oben links und in der Mitte ein paar kräftige Striche in Blau. Wie mag da erst der Neubeginn auf einem bedrohlich weißen Papier sein? Gar nicht schwer, sagt Liebscher. Strich, Punkt, Linie. Der Rest ergibt sich. Irgendwie. Irgendwann.

Foto: B. Schade

Klaus Liebscher kann sich die langwierige Suche nach dem Optimum leisten. Er ist quasi Rentner, allerdings fast schon wieder einer von der Sorte „keine Zeit, keine Zeit“. Außerdem war er schon mal fertig. Akademischer Maler und Malsaalvorstand! Auftragswerke von 12 mal 20 Metern. Märchenlandschaften, Dramenhintergründe. Plastische Arbeiten gehörten ebenfalls dazu: Schwäne aus Butterbrotpapier und Gips. Spachtel und Pinsel konnten nicht groß genug sein – Arbeit im Akkord, vor Premieren bis kurz vor Aufzug des Eisernen Vorhangs. Im Kreistheater Annaberg war das, 1951. Doch nach einem Dutzend Vorstellungen wurden die Werke weggeworfen. Nichts für einen Maler, der auf Zeit und Ewigkeit aus ist. Deshalb wählte Liebscher das andere Extrem. Er griff zu Lupe, Skalpell, Pinzette und Spitzpinsel.

In den 70er Jahren beschlossen die Kreiskulturverantwortlichen, dass der vor 200 Jahren geschaffene Johannes Nepomuk-Altar in der ehemaligen Zisterzienser-Abtei Neuzelle bei Eisenhüttenstadt für die Nachwelt zu erhalten sei, mindestens für weitere 200 Jahre. Wer weiß, wann es wieder Geld von der Denkmalpflege gibt! Das war etwas nach dem Geschmack für den zum Restaurator im Verband Bildender Künstler fortgebildeten Maler Klaus Liebscher. Ein 1985 herausgegebener Bildband zum Wiederaufbau der Dresdner Semperoper zeigt auf einer Seite einen rauschbärtigen Glatzkopf mit einer auf die Stirn geschobenen Lupenbrille vor einem rußgeschwärzten Wandbild. Ja, das ist er! Heute erstrahlen die Lünetten der oberen Vestibüle in frischem Glanz und die malerischen Landschaften, Schauplätze berühmter Dramen, erfreuen das lustwandelnde Pausenpublikum. Nur wer nah genug herantritt wird mit geübtem Auge Alt und Neu unterscheiden können. Beim Neuen wurde die Farbe ausschließlich in einer Richtung aufgetragen – eine Reverenz an die Kunst der Alten von 1878 und ein augenzwinkernder Gruß an den zeitgenössischen Fachmann: Siehst du, so macht man das!
Restauratoren müssen Geduld und Ausdauer haben und immun sein gegenüber unbequemen Haltungen, ob auf dem Bauch und oder dem Rücken liegend, sowie gegen Hitze, Kälte, Staub, Hunger und Durst. Denkt man! Bei den Erhaltungsarbeiten am Bünau-Schloss in der Dahlener Heide (es ist leider 1973 abgebrannt), so fanden die Restauratoren heraus, waren beim Bau um 1750 drei verschiedene Sande aus der nahen Heide zu Putzen verarbeitet worden. Diese Sande waren zu suchen und wiederzufinden. Wie? Mit dem Fahrrad natürlich. Quer durch die Heide und wieder zurück. Dabei fanden sich unterwegs auch Beeren, Pilze und gastfreundliche Wirtshäuser am Wegesrand. Was das alles an Arbeitszeit gekostet hat! Aber aus unseren VEB war ja schon immer mehr herauszuholen.

In den Kirchen war zu Beginn jeder Arbeitswoche ein halber Tag Heizen der Sakristei angesagt, wohinein man sich alle paar Stunden zum Aufwärmen flüchtete. Dazu gab es kannenweise heißen Punsch und jeden Tag einen großen Kuchen aus dem Pfarrhaushalt. Das muss dann schon in Ostritz gewesen sein, denn wo gab es in der DDR noch Pfarrersköchinnen? Jedenfalls – umgekommen sind die Restauratoren bei der Arbeit nicht gerade. Daneben betätigten sie sich – Psst! Psst! – als Fremdenführer für die Teilnehmer benachbarter Lehrerseminare, denen Kirchenbesichtigungen neben der Rotlichtbestrahlung strengstens untersagt waren.

Daher kann unserem Freund Klaus Liebscher eine gewisse Härte gegenüber den vier Jahreszeiten auch heute nicht abgesprochen werden. Für die Radebeuler ist der zu jeder Jahreszeit radelnde, jung gebliebene alte Knabe mit dem wettergegerbten Gesicht, der braunen Glatze, dem Rauschebart und den meist kurzen Hosen eine bekannte Erscheinung. Nun, vielleicht doch noch nicht bei allen. Im Friedewald kamen ihm unlängst im Hochsommer zwei etwa sechsjährige Mädchen entgegen. Unschuldig nackt, wie Gott sie schuf, wandelten sie Hand in Hand durch den lichten Wald. Sie erblicken den radelnden Mann in seiner luftigen Tracht und eine empörte sich in breitestem Sächsisch: „Ganz schön nack’sch!“

»action-painting« an den Elbwiesen Foto: B. Schade

Farben in Rinnsalen: Gerne zu den treibenden Rhythmen des befreundeten Schlagzeugers Günter „Baby“ Sommer wie bei den Tagen des offenen Ateliers im Sommer 2020 oder auch am Dresdner Elbufer bringt Klaus Liebscher die bunten Farben kübelweise aufs Papier. Da das im Eifer des Gefechts nicht ohne Spritzer abgeht, ist es nicht zuletzt eine Art des „Body-Painting“ – mit sich selbst als Model.

Sein Rauschebart prädestiniert Klaus Liebscher geradezu für die Rolle des Nikolaus. Denn für solche Späße ist er stets gern zu haben. Den Weihnachtsmann spielt er regelmäßig, beispielsweise auf dem Weihnachtsmarkt von Radeburg.

Alles Gute zum 80. wünschen Dir deine Freunde

Burkhard Schade (Fotos) und
Burkhard Zscheischler (Text)

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