Mit Schweiß gedüngt

„Der Wein ist mit meinem Schweiß gedüngt“, sagte mein Vater, als ich ihm bei einem seiner ersten Besuche in meiner neuen Heimat Radebeul einen Schoppen aus der Lößnitz kredenzte. Der Bäckermeisterssohn aus Dresden-Strehlen, der es im Krieg bis zum Hauptmann in der 24. Panzerdivision brachte, hatte sich nach Kriegsende aus Furcht, für längere Zeit in Sibirien zu landen, in die amerikanische Zone abgesetzt, wo er neue Wurzeln schlug. Weil seine Eltern in Dresden blieben sowie eine weitreichende Verwandtschaft in und um Dresden herum, fuhr er, so oft es ging, in die DDR und sorgte dafür, dass seine Kinder, wiewohl bayerisch geboren und assimiliert, den Kontakt zur Ur-Heimat nicht verloren. Als Journalist, für den unmittelbar nach der Wende die Geschichten buchstäblich „auf der Straße“ lagen, war ich im April 1990 nach Dresden gekommen und bin geblieben. Von einer Generation zur nächsten wurde der Spieß umgedreht: Meine drei in Bayern geborenen Kinder, 1990 zwischen drei und sechs Jahre alt, sind heute sächsisch assimiliert.

Baustelle unter dem Spitzhaus
Bild: Archiv Zscheischler


Mittlerweile ist mein Vater gestorben und mir blieb eine Kiste voller Erinnerungen, nach dem Ausräumen des elterlichen Hauses nach Radebeul gebracht und auf dem Boden deponiert. Beim Umräumen fiel mir einiges in die Hände: Fotoalben, Tagebücher, Notizen, aufgeschriebene Erinnerungen. Und, ja es stimmt, unser Radebeuler Wein ist mit meines Vaters Schweiß gedüngt.

Vorausschicken muss ich, dass mein Vater dem seltenen Jahrgang 1915 angehörte. Selten? Nun, die 15er waren 1935 20 Jahre alt. Was war damals? Hitler rüstete für den Krieg. Dieser Jahrgang, einmal in eine Uniform gesteckt, sollte sie zehn Jahre nicht mehr ablegen dürfen: Reichsarbeitsdienst, Wehrdienst, Krieg. Angesichts von Millionen von Kriegstoten ist schon rein statistisch kaum zu erwarten, dass allzu viele des 1915er Jahrgangs diese zehn Jahre unbeschadet überstanden.

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, beginnt im März 1936, im 260 Hektar Rittergut in Kleinförstchen bei Bautzen. Der 21-Jährige, frisch gebackene Landwirtschaftsgeselle Johannes Oskar ließ, inmitten des Misthaufens stehend, drei Ochsen um sich herum laufen, damit sie den Mist festtraten, getreu dem Motto: „Feucht und fest, das ist das Allerbest“. Hier erreichte ihn der Postbote mit dem Einberufungsbefehl. Am 1. April war Dienstantritt im Reichsarbeitsdienst-Lager, Abteilung 9 der Gruppe 150, genannt „Immelmann“. In Radebeul.

Der Oberbürgermeister von Radebeul verabschiedet sich
Bild: Archiv Zscheischler


Das schmeckte meinem Alten ganz und gar nicht. Ein wenig weiter weg von der Heimat hätte es schon sein können. Damit man etwas sieht von der Welt. Aber so konnte er das Lager in einer ehemaligen Schuhfabrik unmittelbar an der Eisenbahnstrecke in Radebeul-West gelegen, mit der Straßenbahn von der elterlichen Wohnung in Dresden-Strehlen erreichen. Mein Vater wurde dem Trupp 6 unter Truppführer Wintrich zugeteilt. Dazu gehörten junge Männer aus ganz Deutschland. Ein Schwabe aus Baden-Württemberg war darunter sowie ein waschechter Wiener, der bald auf den Spitznamen „Negus“ hörte. Namentlich erwähnt mein Vater die Kameraden Herbert Petzold und Heinz Reps, beide ebenfalls Dresdner und Abiturienten wie er.

Die Abteilung hatte die Aufgabe, die seit etwa 50 Jahren brach gelegenen ehemaligen Lößnitz-Weinberge unterhalb des Bismarckturms und des Spitzhauses einen Meter tief zu „rigolen“. Mit Spitzhacke und Schaufel wurde der Boden umgegraben. Während sich die jungen Männer in der Frühstückspause an den Vesperbroten labten, ließen sie die Blicke übers Elbtal schweifen. Ende Mai konnten sie ihr Frühstück mit frischen Erdbeeren verfeinern, die halb wild auf den aufgelassenen Rebhängen wuchsen. Da waren ihre Tage in Radebeul allerdings bereits gezählt. Denn am 19. Juni 1936 wurde die Fahne eingeholt und das Immelmann-Lager aufgelöst.

So kurz der Aufenthalt in Radebeul gewesen war, so schwer fiel der Abschied. Deshalb konnte er nur mit ausgiebigem Feiern versüßt werden. Ein Elbdampfer wurde gechartet und ab gings bei einem rauschenden Bordfest bis nach Pillnitz und zurück.

Das Immelmann-Lager in Radebeul
Bild: Archiv Zscheischler


„Beim Anblick der letzten Flusspiraten von der Elbe“, berichtet mein Vater, „bemächtigte sich der zivilen Passagiere ein panikartiger Schrecken. Ohne einen Schuß Pulver zu vergeuden, erstürmten die wilden Gesellen des blutigen Jakobs das unglückliche Schiff, fielen über die wehrlosen Fahrgäste her und hissten ihre zerlumpte Piratenflagge. Anschließend wurden wilde Schwert- und Kokosnusstänze aufgeführt.“

Es waren eben noch halbe Kinder.

Der Abschied war sogar dem Radebeuler Amtsblatt einen längeren Bericht wert. „Unter Vorantritt der Gruppenkapelle zogen die Arbeitsmänner zum letzten Male, den blitzenden Spaten geschultert, voran die Fahnengruppe mit den Traditionsfahnen, durch unsere Straßen. Vor dem Rathause in der Adolf-Hitler-Straße brachte man dem Oberhaupt der Stadt, Oberbürgermeister Parteigenosse Severit, einen musikalischen Abschiedsgruß.“ Den Dank der Scheidenden überbrachte der bereits erwähnte Heinz Reps mit folgender Ode:

Wir müssen nun vom schönen Radebeul uns trennen
und wollen heute offenen Herzens Euch bekennen:
Es waren schöne Zeiten, die wir hier verbrachten;
zur zweiten Heimat ist uns Radebeul geworden,
wenn wir marschierten, dann hat Euer Aug’ gelacht
und Euer Frohsinn galt uns aller Orten.
Als Dank nehmt nun die Früchte unsrer Arbeit.
Was wir erreichten, ist nicht unsre Tat allein,
für jedes Werk muss auch ein Meister sein:
der Gau und uns’re Gruppe war’n es eben,
die helfend stets zur Seit’ uns standen.
Die Zahl 9/150 wird zwar nicht mehr leben
so fern von unsern schönen Lößnitzlanden,
doch „Immelmann“ wird auch im Osten siegen.
Wir ziehen freudig nach dem deutschen Osten
und werden dort auf vorgeschob’nem Posten
fortführen einen großen Krieg,
den mutig einst der Alte Fritz begonnen;
wir fechten um den letzten Sieg
und halten das, bis wir die Schlacht gewonnen,
als Pioniere unsres jungen Volks!

Marschierend und singend („Wir fahren nach Ostland“, „Muss I denn“) ging es zum Bahnhof. Mit einem Sonderzug, der noch eine weitere RAD-Abteilung aus Zittau-Hirschfeld transportierte, wurde der 350 Mann starke Trupp über Berlin nach Swinemünde gebracht und auf den 2.400 Tonnen-Dampfer „Kaiser“ verfrachtet. Mit 15 Knoten ging es über einen Zwischenstopp im Danziger Vorhafen Zoppot nach Pillau, wo die jungen Männer von Generalarbeitsführer Eisebeck empfangen wurden. Als junge Deutsche seien sie an den östlichsten Vorposten des Reiches gekommen, schwor dieser sie ein, um den Bauern neue Gebiete zu erschließen. Als RAD-Abteilung 8/13 machten die ehemaligen Radebeuler nun in Mehlauken (Liebenfelde) im Kreis Labiau ihren Dienst im Großen Moosbruch. 1.800 Arbeitsdienstler waren hier im Einsatz. In einem 1935 aufgelegten und auf 15 Jahre angelegten Programm sollte ein 17.000 Hektar umfassendes Kulturland für 1.000 Bauernfamilien gewonnen werden, mit Entwässerungsgräben, Sielen, Deichbauten, Poldern und Pumpwerken.

Mittlerweile war Sommer, die Sonne brannte unbarmherzig und schattenlos und die Mücken hatten ihre helle Freude am soeben eingetroffenen „Frischfleisch“. Bereits nach wenigen Tagen sehnten sich die jungen Leute zurück an die grünen Lößnitzhänge im gemütlichen Sachsenlande. Wie gern hätten sie dort den Wein der nachfolgenden Generationen noch eine Weile mit ihrem Schweiß gedüngt.

Burkhard Zscheischler

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