Zum Gedenken

Kurz nach Drucklegung des letzten Heftes erreichte uns nachfolgender persönlich-familiärer Beitrag in Ergänzung zum Nachruf für Dr. phil. Dr. sc. Manfred Altner, den wir auf Wunsch seiner Frau veröffentlichen.

Als Manfred Altner im Frühling 1977 mit seiner Frau und den beiden Söhnen das Grundstück in der Lindenauer August-Kaden-Straße begutachtete, war die Frage seiner Kinder: Wer war August Kaden? Da hatte er den ersten Forschungsauftrag für die später entstandenen »Sächsischen Lebensbilder« durch die Familie erhalten. Sie weiteten sich zu literarischen Streifzügen von der Lößnitz über die Lausitz bis zu Dresden und Leipzig (Edition Reinsch 2001). Und mit der Familie verbrachte Altner in Lindenau den Reisebeschränkungen zum Trotz die herrlichsten Sommertage. War doch das Bilzbad nebenan, der Dippelsdorfer Teich und Moritzburg nicht weit. Nach seiner Entlassung von der HfBK in der Wendezeit gelang es seiner Frau, durch Rückübertragung ihres Erbes für den Verkaufserlös, ein Haus im Grundstück für die ganze Familie zu bauen, in der ihre Mutter noch 13 Jahre bis zum 94. Lebensjahr mit leben konnte. Tatkräftig unterstützte Altner sie zuletzt bei der Pflege der Mutter.
Manfred Altner brauchte neue Herausforderungen. Seine alte Kollegin Gertrud Haupt, die er zufällig in Radebeul wiedertraf, machte ihn auf die monatlich erscheinende »Vorschau & Rückblick« aufmerksam. Ihr Mann hatte sie mitgegründet. Sie lebten seit Anfang der 50er Jahre auf dem Prof.-Wilhelm-Ring, nachdem sie mit Martin Andersen-Nexö ihre Wohnung auf dem Weißen Hirsch in der Kollenbusch-Straße tauschten, weil Nexö die vielen Stufen bis zum Haus nicht mehr steigen konnte. Durch Frau Haupt lernte Manfred Altner die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach kennen, der er in dem Buch «Das Lächeln der Lößnitz« (den Titel hatte Altner gefunden). Edition Reinsch, 1999, ein Porträt zum 80. Geburtstag widmete. Ein weiterer Aufsatz im ››Lächeln…« war der zu unrecht vergessenen Lyrikerin Maria Marschall-Solbrig gewidmet, deren sensiblen Gedichte über die Landschaft der Lößnitz noch unveröffentlicht und unbeachtet auf mit der Schreibmaschine geschriebenen Blättern im Radebeuler Stadtarchiv schlummern. Es fehlt nur ein Geldgeber, um diesen Schatz zu heben. Heute muss der Autor Druckkosten beim Verlag bezahlen, damit sein Werk veröffentlicht wird:

„Land der braunen Rebenhügel, lieblich- heiter schönes Land,
lösest was die Seele band mit des Frohsinns leichtem Flügel.
Blumenbunter Erdengarten, sanfte Hügel, sonnensatt,
jede Blüte, jedes Blatt, nur auf unsere Sinne warten.
Leicht und heiter scheint das Leben,
holder Traum und Hoffnung winkt,
wenn des Landes Schöne sinkt in den goldnen Saft der Reben.
Mit der süßen Trauben Blut trinken Sonne wir und Glut.“

Außerdem gibt es im „Lächeln“ noch ein Porträt von Manfred Altner: „Leben und Leiden der Martha Hauptmann, geborene Thienemann“. Der zweitältere Bruder von Gerhart Hauptmann, Carl, später promovierter Schriftsteller, lernte, wie seine Brüder, die jüngste der drei Thienemanntöchter, Martha, aus dem großbürgerlichen Zitzschewiger Hohenhaus schätzen und lieben. Die drei Brüder Hauptmann heirateten drei Schwestern Thienemann, die ihnen durch ein beträchtliches Erbe eine sorgenfreie Entwicklung ermöglichten. Nur der Älteste, Georg, blieb seiner Frau treu. Nachdem sich die beiden, Carl und Gerhart, im Leben etabliert hatten, wandten sie sich jüngeren, unverbrauchten Gefährtinnen zu.
2003 erschien im Hellerau-Verlag „Gerhart Hauptmann in Dresden und Radebeul“ mit einem handschriftlichen Faksimile vom Gedicht „Goldene Zeiten“ im Umschlag des Einbandes sowie eine Parkskizze am Ende des Umschlags. Altner entdeckte im Nachlass der Marie Thienemann, der sich wiederum im Nachlass ihres Sohnes Ivo in Hamburg befand, den Trauschein von Marie und Gerhart Hauptmann, den Altner als Ablichtung ins Buch einbringt. Daraus ist ersichtlich, dass die standesamtliche Trauung in Kötzschenbroda in der Harmoniestr. 3 stattfand und die kirchliche Trauung nicht in der Frauenkirche, wie Hauptmann im „Abenteuer meiner Jugend“ beschreibt, sondern in der Johanneskirche, dort wo sich heute das Benno-Gymnasium in Dresden be?ndet.
Manfred Altner gab 2000 die „Schwestern vom Hohenhaus“ von Hans-Gerhard Weiß mit einem Vorwort heraus. Das Buch gibt einen Einblick in die Geschichte vom Hohenhaus und der Geschichte der sechs Thienemann-Kinder: fünf Töchter und ein Sohn. ln den 1990er Jahren schreibt Altner mehrere Artikel für „Vorschau & Rückblick“, die in den Jahresinhaltsverzeichnissen nachzulesen sind.
Für den Creutz-Verlag schreibt er für die Tischkalender 2008 und 2010 die geschichtliche Dokumentation. Manfred Altner gehörte zum Freundeskreis Hohenhaus und unterstützte den neuen Besitzer Torsten Schmidt mit seinen Vorträgen, zum Beispiel, als die Hauptmann-Gesellschaft ihre Jahreshauptversammlung 2003 im Hohenhaus abhielt oder als Nachkommen von Vertriebenen aus Schlesien auf ihrer Rundreise das Hauptmann-Haus in Agnetendorf. das hiesige Hohenhaus und auf Hiddensee „Haus Seedorn“ besuchten. lm Lindenauer Senioren-Club sowie in der Radebeuler Bibliothek-Ost sprach Altner über Hauptmann und die Thienemanntöchter, wo er auch eine Brieffreundin aus seiner Kinderbuchforschung noch aus DDR-Zeiten persönlich kennenlernte: Erika von Engelbrechten aus der Internationalen Kinder- und Jugendbibliothek München. Sie „habe noch viel von ihm geIernt“. Altners Arbeiten zeichneten sich durch gründliche und zuverlässige Recherchen und gute Lesbarkeit aus. Sie ist wiederum Erich Kästner noch begegnet, als sie ihm zu seinem 75. Geburtstag eine Ausstellung in der Blutenburg in München ausrichtete. ln den letzten zehn Jahren war sie im Kästner-Museum auf dem AIbertplatz in Dresden sonntags freiwillige Führungskraft.
Als das Pl Dresden 1968/69 Pädagogische Hochschule wurde, erhielt sie als Forschungsauftrag die Kinder- und Jugendliteratur. Altner schloss seine Habilitation auf diesem Gebiet erfolgreich ab. Zuvor verteidigte er 1967 seine Promotionsarbeit mit „Summa cum laude“ in Jena. Altner erhielt von der Universität Regensburg den Auftrag, die ostdeutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, Illustratoren und Verlage in das Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur miteinzubringen, welches seit 1995-2011 aus nunmehr 13 ständig erweiterbaren Ordnern besteht und dadurch immer auf den neuesten Stand gebracht werden kann. Altner erhielt für seine Mitarbeit am Lexikon in Volkach, wo der Sitz der Akademie war, eine Auszeichnung, die er 2004 persönlich in Begleitung seiner Ehefrau und Frau von Engelbrechten entgegennehmen konnte.
Seit 1973 arbeitete Altner an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und brachte das Buchprojekt „Von der Königlichen Kunstakademie zur Hochschule für Bildende Künste“ als Leiter des Autorenkollektivs in Gang. Von Cheflektor Ehrhard Frommhold erhielt Altner den Auftrag für das erste Kapitel: „Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum Tode Hagedorns“. Er setzte sich beim Kulturministerium für das Buch ein und erhielt grünes Licht. In zehnjähriger gemeinsamer Arbeit nahm das Buch Gestalt an. Und das alles ohne Computer und Internet in mühseliger Schreibmaschinenarbeit. Dazu in wochenlanger Übersetzung der in Sütterlin-Schrift aller Schüler-und Lehrerlisten ins Lateinische Alphabet auf Karteikarten! Davon dürfte das Archiv der Hochschule heute noch profitieren.
1990 erschien schließlich das 684 Seiten umfassende, wunderschön mit Fotos und Bildern ausgestattete Buch, fand jedoch wenig Beachtung, weil durch die Wende und interne Querelen die Hochschulleitung wechselte und sich keiner mehr für das Autorenkollektiv einsetzte. Mit 63 Jahren musste er die nun zweimal gekürzte Rente beantragen, obwohl er sich noch nicht zum alten Eisen zugehörig fühlte. Wie Viele konnte er diese Ungerechtigkeit nicht ertragen. Er widmete sich dem Thema: Frauen in der Exilliteratur: Hermynia zur Mühlen, Ruth Körner und Auguste Lazar in England, Lisa Tetzner aus Zittau in der Schweiz und Annie Geiger-Gogh im inneren Exil. Mit James Krüss war er befreundet und besuchte ihn Anfang der 90er Jahre auf Gran Canaria gemeinsam mit seiner Frau zweimal. Ab 2010 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er ertrug alle Unbilden tapfer und gab sich nicht auf. Aber seine Schöpferkraft ließ immer mehr nach. Er half dem jungen Tobias Günther, dessen schöne Radebeul-Kalender durch Texte zu den Bildern noch interessanter zu machen bis 2019. Altner hing sehr an Radebeul. der lieblichen Elbtal-Landschaft und ihren Seitentälern. Als dann die Aussicht am Wasserturm mit Eisentoren versperrt wurde, konnte er den weiten Blick im Sitzen auf der Alberthöhe nicht mehr genießen. Das tägliche Training bergauf und die Ruhepause fehlten dem fast 90jährigen. Und so ließen die Kräfte immer mehr nach. lm vergangenen Jahr war jeder Tag ein kleiner Abschied. Die 27 Jahre in Radebeul waren die schönsten seines Lebens. Am 27.11.2020 schlief er einen Monat vor seinem 90. Geburtstag am 26.12.2020 bei den Klängen von Tschaikowskys „Pathetique“ daheim ein.

Christine Schäfer

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