Die Glosse

Toll im Trend?

Neulich ist mir doch wieder mal das peinliche Wort aus der Jugendsprache der 1980er Jahre „mega-super-galaktisch“ eingefallen. Es stammte aus jener Zeit, in der es anfing, dass jeder jeden auch sprachlich übertreffen wollte. Also, nicht mit klugen Worten, sondern eher mit einer überzogenen sprachlichen Ausgestaltung der beschriebenen Ereignisse. Da war es üblich, wenn einem etwas ganz besonders gut gelungen schien, dafür dann immer das Wort „mega-super-galaktisch“ anzufügen. Bei diesem Wort sträubte sich mir regelmäßig das „Gefieder“. Diese Bezeichnung war so albern, dass sie sich schon nach kurzer Zeit wieder erledigt hatte.

Wie ich darauf komme? Bei einer Bekannten erlebte ich unlängst, wie sie in jedem zweiten Satz das Wort „toll“ einfügte, um ihr Entzücken über einen Vorgang zu beschreiben. – Na toll!

Nun sind Modeworte natürlich nichts Außergewöhnliches. Derartiges hat es vermutlich zu allen Zeiten gegeben. Früher waren solche Worte wahrscheinlich keine Neologismen (Wortneuschöpfungen), sondern Begriffe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt häufiger gebraucht wurden. Im Barock benutzte man beispielsweise besonders das Wort „Empfindsamkeit“, was für eine Zeit, die von Dekadenz, moralischer Krise und Krieg gekennzeichnet war, einigermaßen verblüfft, aber andererseits möglicherweise gerade deswegen auch erklärlich erscheint. Natürlich ist auch „toll“ keine Neuschöpfung, erhält aber aktuell eine bestimmte umgangssprachliche Ausdeutung.

An umgangssprachliche Floskeln wie „geil“, „ups!“ oder etwa „echt mal“ kann ich mich noch gut erinnern. Jeder kennt vermutlich noch weitere solche Begriffe, und wenn man mal in sich hinein hört, findet man bestimmte Wörter, die man gerne und öfters benutzt, als es notwendig wäre. Zugegeben, auch ich bin davor nicht ganz gefeit. Wer kann schon ständig auf sich selber aufpassen? Meine Bekannte findet eben immer alles „toll“. Damit liegt sie ja auch voll im Trend, wird doch gerade „Der große Neustart“ (The Great Reset) in der Gesellschaft und besonders der Wirtschaft beschworen, der vermutlich aber nur für einige wenige günstig ausfällt.

Gern auch wird statt des Begriffs „Modewörter“ die Bezeichnung „Trendwörter“ verwendet. Damit möchte der Benutzer suggerieren, mit der neusten Entwicklung Schritt halten zu können, im Trend zu liegen oder einfach dazuzugehören. Und wer will sich denn schon selbst ins Abseits stellen? Schließlich wollen wir doch alle geliebt werden. Aber Vorsicht mit den neuen „Sternen“! Die meisten sind nach kurzer Zeit schon wieder verglüht. Wer erinnert sich noch an das Modewort „Kids“ oder „Slow-Food“? Ist ja auch schon eine Ewigkeit her, glatte sechs Jahre! Die „Moden“ wechseln halt heutzutage schneller. Da lohnt es sich nicht, jeden Gaul hinterher zu rennen und mag er noch so „toll“ aussehen.

Mit diesem Wort „toll“ verbinden sich aber auch eine ganze Reihe von Begriffen wie „einfältig“, „töricht“ oder gar „tollwütig“. Hier stand sicher das verrückte Nachtschattengewächs „Tollkirsche“ Pate, welches nach dem Genuss seiner Früchte delirante, halluzinogene Effekte hervorbringt. Bekanntermaßen aber liegen Wahnsinn und Genie dicht beieinander. Umgangssprachlich wird das Wort „toll“ auch gern mit „cool“, „großartig“, „klasse“ oder „spitzenmäßig“ assoziiert. „Toll aussehen“ oder eben ein „toller Hecht sein“, ist in heutigen Zeiten für viele erstrebenswert. Schon weil sich Modewörter in gefährlicher Nähe zu Imponierwörtern befinden, muss ich höllisch aufpassen, nicht am Ende als aufgeblasener Gockel in irgendeiner „literarischen Pfanne“ zu landen. Eh man sich ja versehen hat, schleichen sich die Modewörter in den eigenen Sprachgebrauch ein. So habe ich bei mir beobachtet, dass ich das Wort „geil“ öfters benutzte, was natürlich die ältere Generation verstört hat. Vor der Benutzung solcher unspezifischen Zeitwörter muss ich mich natürlich künftig in acht nehmen, könnten mir doch schnell fachliche Unkenntnisse untergeschoben werden, wenn mir zu dem Vorgang außer „toll“ keine andere Beschreibung einfallen will. Modewörter sind halt auch ein Spiegel vom Geist und Ungeist einer Zeit. Sprachforscher stehen der Sache sowieso kritisch gegenüber. Aber wer hört schon auf die? Meint

Euer Motzi

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