Traurige Braut

Zur Premiere von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ an den Landesbühnen (16.10.21)

»Der zerbrochene Krug« mit Tammy Girke Foto: R. Jungnickel

Die Figur des Dorfrichters Adam aus Heinrich von Kleists Lustspiel “Der zerbrochene Krug” (1808 Uraufführung/1811 Buchausgabe) gehört zu den wenigen Figuren der deutschsprachigen Theatergeschichte, die ein Stück von Anfang bis Ende dominieren und deren hervorstechende Merkmale (blutig geschlagene Glatze und missgestalteter linker Fuß in entsprechend klobigem Schuh) viele Theaterfreunde aus früheren Begegnungen mit dem Stoff leicht abrufen können. Diese Merkmale dienen ja gleichermaßen auch als Indizien in dem von Adam zu führenden Prozess gegen sich selbst, was den komischen Charakter des Stückes als „Lustspiel“ seit jeher begründet. Insofern setzen die Landesbühnen Sachsen in ihrer jüngsten Premiere ein Ausrufzeichen, wenn sie durch die Gestaltung des Programmheftes, die Entscheidung für eine von Kleist als „Variant“ bezeichnete Schlussfassung und durch mancherlei Anspielungen den Fokus weg von Adam (Matthias Avemarg) hin zu Eve (Tammy Girke) richten. Denn Eve blickt den Leser des Programmheftes ernst und traurig als Braut mit dem Torso eines Kruges um den rechten Unterarm an, was auf den Ansatz der von Peter Kube straff inszenierten Vorlage (80 Minuten sind rekordverdächtig kurz) verweist. Hier wird eigentlich, aber im Text eben nur angedeutet, das Schicksal einer jungen Frau verhandelt, die sich aus Scham und Ohnmacht gegenüber bestehenden Machtverhältnissen nicht traut, Klartext zu reden. Dorfrichter Adam nämlich ist ihr gegenüber zudringlich geworden, hat nach seinem nächtlichen Besuch in Eves Kammer nicht nur den von der Mutter betrauerten Krug auf dem Gewissen, sondern auch die Ehre der jungen Frau, was ihre Zukunft als künftige Braut des einfachen Bauernsohnes Ruprecht (Felix Lydike) gefährdet. Dieser soll zum Militär, was Adam auf Ersuchen von Eve durch ein falsches Gutachten über dessen Untauglichkeit verhindern und somit eine Hochzeit Eves mit Ruprecht befördern könnte. (Das erfährt das Publikum allerdings erst ganz am Ende, als Adam schon geflüchtet ist und sein Richterstuhl symbolträchtig demontiert wurde, gewissermaßen als Rückblende auf das Geschehen, das vor Beginn der Bühnenhandlung lag.) Aber als Gegenleistung zu diesem Gefallen – nun, da ist der alte Stoff in unserer durch die #MeToo-Debatte sensibilisierte(re)n Gegenwart wieder ganz aktuell: Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein, Prinz Edward, Dominique Strauss-Kahn und manch andere einflussreiche Männer jenseits der Attraktivitätsgrenze lassen grüßen. Das Bühnenbild (Tom Böhm) veranschaulicht das Macht-Ohnmacht-Problem in der fiktiven dörflichen Beschaulichkeit sehr deutlich. Ein fast die ganze Bühnenbreite einnehmender überhoher Tisch dient als Zufluchts- bzw. Aufenthaltsort für die vier Dorfbewohner, neben Eve und ihrer Mutter Marthe (Julia Vincze) auch für Ruprecht und dessen Vater Veit Tümpel (Alexander Wulke). Darüber thront mittig Adams Richterstuhl, dieser schließlich noch bekrönt durch das Schreibpult des Schreibers Licht (Johannes Krobbach). Außer dieser sehr einfach gehaltenen Ausstattung gehört nur noch ein Stuhl im Kolorit der Zeit zu den Requisiten, auf dem es sich Gerichtsrat Walter (Michael Berndt-Cananá) bequem zu machen versucht. Dieser inspiziert als Vertreter der Landesgerichtsbarkeit die Provinz und nimmt zunehmend selbst das Heft des Handelns in die Hand, weil Adam dessen unfähig zu sein scheint.
Die unter Kubes Leitung einstudierte Interpretation gibt den sieben Hauptdarstellern (Tine Josch hat nur einen kurzen Auftritt als Frau Brigitte) erfreulich viel Raum, ihre jeweiligen Rollen mit Spielwitz auszufüllen. Johannes Krobbach etwa strahlt eine köstliche Dienstbeflissenheit aus, deren Ursache in seinem Wunsch nach Übernahme der Stelle des Dorfrichters liegt. Michael Berndt-Cananá erheitert als übernervöser, unter Zeitdruck stehender, von der Taschenuhr abhängiger Beamter. Julia Vincze besticht durch eine aufgeregt-selbstvergessene Schrillheit, die mich an die Yvonne aus den Olsenbanden-Filmen erinnerte. Felix Lydike und Alexander Wulke bedienen sehr genau das Klischee des einfach gestrickten Bauers, dessen Horizont wenig weiter als bis zum Ende des eigenen Ackers reicht. Matthias Avermarg bringt von Natur aus beste Voraussetzungen mit, den sich windenden Kahlkopf zu verkörpern, ebenso wie Tammy Girke die Zuschauer die Situation Eves erfassen lässt. Wie sie so zusammengerollt unter dem Riesentisch liegt, sich weitgehend zurückzieht, kaum zu Wort kommt oder auch zu Wort kommen will lässt eine ernste Facette des Stückes aufscheinen, die unter der burlesken Fassade erst hervorgeholt werden muss. Dass die Landesbühnen damit ein kanonisches Stück für die Gegenwart aufbereitet haben ist durchaus ein Verdienst, was auch der anerkennende Schlussapplaus verdeutlichte.

Bertram Kazmirowski
Nächste Vorstellungen 30.10., 19.30 Uhr, 14.11., 15 Uhr, 11.12., 19 Uhr, jeweils Stammhaus Radebeul

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