Radebeuler Miniaturen

Am Anfang war der Zorn

„Singe mir, Muse, den Zorn …“
Mit diesen Worten beginnt die Weltliteratur. Sie werden seit knapp dreitausend Jahren gelesen, stammen von Homer und meinten zunächst scheinbar nur „… den Zorn des Peliden Achilleus“. Doch es ist auch der Zorn der eingebildeten Götter, der hier besungen wird, der Zorn der Macht und der Mächtigen, wie es der Zorn der Hilflosen und Ausgestoßenen ist. Dennoch oder gerade deswegen sind diese Zornesworte bis heute unauslöschlich ins Gedächtnis Europas eingebrannt, wo der Zorn noch immer jeden einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft zerfrißt.
„Singe mir, Muse…“
Das ist keine heitere Frühstückslektüre. Der Fühlende spürt, daß hier ein menschliches Sosein beschrieben wird, das weit über die konkrete Situation hinausgeht und uns heute noch betrifft. Schon die Sprachgewalt vermag zu erschüttern. Und immer wieder gibt es Menschen, die sich ein Leben lang nicht mehr aus der Erzählung lösen können:
Gemäß einer selbst geprägten Legende war Heinrich Schliemann acht Jahre alt, als er sich vom Feuer der lebendigen Schilderung ergriffen fühlte. Es hatte „Jerrers Weltgeschichte für Kinder“ unterm Weihnachtsbaum gelegen. Der allein von der Wucht der Bilder beeindruckte Knabe war bald schon mit seinem Vater übereingekommen, er werde dereinst die Mauern des mächtigen Troia finden und ausgraben. Schliemann war und blieb von der historischen Wahrheit der Gesänge Homers überzeugt.
Ein paar Jahre später hat dann zunächst eine kaufmännische Lehre absolviert und im weltweiten Handel ein nicht geringes Vermögen erworben. Das spricht dafür, daß er dabei wenige Rücksichten nahm und sicher manchen Zorn auf sich lud. Er lernte sechzehn Sprachen sprechen, darunter natürlich altgriechisch. So konnte er „seinen“ Homer im Original lesen. Er heiratete in zweiter Ehe eine junge Griechin, ließ sich von dem Radebeuler Architekten Ernst Ziller in Athen ein Haus bauen und nutzte sein Geld, antike Stätten aufzusuchen und da und dort den Spaten anzusetzen.
Wie andere vor ihm lokalisierte er im Hügel Hissarlik in Kleinasien den Standort des antiken Troia und fand dort bei aufwändigen Grabungen neben anderen Sensationen den sogenannten „Schatz des Priamos“. Auf zumindest halblegalem Wege brachte er das Gold außer Landes – letztlich gelangten viele Stücke daraus nach Berlin. Seit 1945 befinden sie sich in Moskau und St. Petersburg: So wurden sie gleich in mehrfacher Hinsicht zur zornauslösenden Raubkunst. Der Streit darum dauert an. Ausgang? Offen? Kaum! – der Zorn wird bleiben.
Schliemann grub sich zu den Wurzeln der mykenischen Kultur der Bronzezeit. Indem er versuchte, historische und philologische Fragen „mit dem Spaten“ zu lösen, gehört er – bei mancher Fragwürdigkeit – unbestritten zu den Mitbegründern der modernen Archäologie. Er starb am 26. Dezember 1890.
Am 6. Januar 1822 – vor zweihundert Jahren also – war er im mecklenburgischen Neubuckow geboren worden.
Ernst Ziller hat dann auch das klassizistische Grab Schliemanns entworfen, das sein Bruder Paul in Radebeul Ost für Karl May in kleinerem Maßstab adaptiert hat.

Womit sich der Kreis schließt, sagt Ulrike. Und sie scheint ehrlich erstaunt: Du schaffst das immer wieder, meint sie, mit Zorn beginnend kommst du über Schliemann und Troia schließlich nach Radebeul – selbstredend, ohne Karl May zu vergessen.
Das ist gar nicht so verwunderlich, sage ich. Das „nachzillersche“ Radebeul kann einem schon manchmal die Zornesröte ins Gesicht treiben…
„Singe mir, Muse …“
Thomas Gerlach

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