(K)eine Glosse

Rumex acetosa
Es ist schon eine Weile her, als alle Schüler lateinische Vokabeln büffeln mussten. Auch dürften vermutlich die meisten von den heutigen Sprösslingen den Sauerlump, wie der Rumex acetosa in Sachsen gern genannt wird, kaum noch kennen beziehungsweise wissen, wie dieser schmeckt. In meiner Kindheit haben wir die Blätter des rotbraun blühenden Wildgemüses gern gegessen, welches reichlich auf der scheinbar herrenlosen Wiese in der Nähe des großelterlichen Hauses wuchs. Die Großmutter wusste, dass man sich damit dem Bauch nicht vollstopfen durfte, wenn man keinen Kreislaufkollaps provozieren wollte. Das waren jene Zeiten, als das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Da – so könnte man schlussfolgern – hat man noch auf die Alten gehört. Erst später habe ich begriffen, dass die „gute alte Zeit“ auch nicht das „Gelbe vom Ei“ war, mal abgesehen davon, dass man sich heutzutage hüten sollte, von einer pestizidverseuchten Wiese überhaupt etwas zu essen.

Das Latein haben übrigens im frühen Mittelalter die Iren eingeschleppt. Wanderprediger zogen missionarisch durch die Lande und betrieben die Christianisierung Mitteleuropas nach ihrem Muster, besonders unter den Alemannen, die zum westgermanischen Kulturkreis um den Bodensee und den Schwarzwald gehörten. Schon in der beginnenden Neuzeit änderte sich langsam das Verhältnis zu dieser Sprache. Da wurde sie vorwiegend zum Privileg von Klerus und Gebildeten. Ohne Lateinkenntnisse hatte man damals keinen Zutritt zu den Universitäten. Im Wesentlichen zog sich das im deutschen Sprachraum bis 1945 hin, das Dritte Reich mal ausgeklammert. Heute brauchen nur noch wenige Menschen Kenntnisse in dieser Sprache. Der gravierende Einschnitt vollzog sich Ende der 1960er Jahre, als die vordergründige Nützlichkeitsdiskussion im Bildungswesen einzog, eingeschleppt aus den USA. Seitdem geht es nicht so sehr um die Herausbildung von Persönlichkeiten, als vielmehr darum, ob man den Lernstoff vordergründig gebrauchen kann, also etwa für das berufliche Fortkommen. Stimmt, als Bauarbeiter war mir Latein ziemlich schnuppe, aber als Mensch…? Ehrlich gestanden, darüber habe ich damals nicht nachgedacht.

Aktuell jedenfalls kommt Latein in den Schulen in der Hauptsache nur noch als Wahlfach in Form der 2. oder gar 3. Fremdsprache vor. Dennoch begründet das Kultusministerium die Bedeutung dieses Faches im Lehrplan Latein für die sächsischen Gymnasien unter anderem folgendermaßen: „Die aktive Auseinandersetzung mit Mythos, Philosophie und Geschichte vermittelt wesentliches europäisches Kulturwissen und Kritikfähigkeit.“ Gemessen am aktuellen Stand der letzten beiden Aspekte des vorrangegangenen Satzes, können im Freistaat bisher nicht allzu viele Lateinstunden auf dem Plan gestanden haben.

Überhaupt scheinen mir, dem nur halbgebildeten Handwerker, dass Zeit und Mensch völlig außer Rand und Band geraten zu sein. Da stößt es mir ziemlich sauer auf, wenn ich die durchsichtigen Sprüche der Verschwörungstheoretiker und Impfgegner vernehme oder das dilettantische Handeln der Verantwortungsträger im Land und den Gemeinden erlebe. Ein Blick in die zahlreichen sächsischen Amtsblätter der 2020er und 2021er Jahre zeigt augenscheinlich, was die mitunter hohlen Sprüche von Würdenträgern im täglichen Handeln wert sind. So kann man in diesen amtlichen Druckerzeugnissen neben den Corona-Verordnungen des Freistaates reihenweise Abbildungen finden, die Menschen in geschlossenen Räumen zeigen, die die geltenden Hygieneverordnungen missachten. Auch Oberbürgermeister machten da keine Ausnahme. In einem Amtsblatt einer größeren Stadt tauchen beispielsweise „Maskenbilder“ gar erst ab 2021 auf!

Nun mag ja das Unglück nicht erst mit dem offiziell verkündeten nationalen Notstand ausgebrochen sein, bei dem sich die Damen und Herren Staats- und Gemeindelenker letztlich nicht im Stande sahen, vernünftig zu handeln. Die Lernunfähigkeit breiter Schichten der Bevölkerung ist offensichtlich nicht nur für deutsche Lande sprichwörtlich. Damit soll aber keinesfalls einen Entschuldigungszettel geschrieben werden. Ganz und gar nicht! „Winzlinge“ wie Portugal oder Israel zeigen, dass man auch Unvorhergesehenes durchaus beherrschen kann. Freilich muss man da seine sieben Sinne zusammennehmen und nicht nur die. Rat von Fachkräften wäre hier dringend von Nöten. Den aber glaubte man bisher, ignorieren zu können. Mit welchem vernunftgesteuerten Argument will man eigentlich erklären, dass der „nationale Notstand“ gerade in dem Moment aufgehoben werden musste, als die Inzidenzzahlen in nie dagewesene schwindelerregende Höhen geschnellt sind?

Aber wie bereits angemerkt, reicht ein Blick in die Geschichte, um diese offensichtliche Unbelehrbarkeit zu erkennen. War schon die Barockzeit ein einziges Zeitalter der Kriege, wurde es danach auch nicht besser. Mal vom Hochgefühl in Deutschland um 1870/1871 abgesehen, gab es davor und danach am laufenden Band kleine und große Katastrophen. Die „Lenker der Nation“ aber wusste angeblich immer wo’s langging, egal ob es dem Volk danach sauer aufgestoßen ist. Heute wissen selbst die kleine Frau und der kleine Mann nicht mehr, was falsch oder richtig ist und reden wirres Zeug. Da greife ich doch lieber zum Rumex acetosa und gehe Boostern, auch wenn es mir danach sauer aufstoßen sollte,

meint Motzi

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