Schreibwerkstatt Monat Mai – Carolin Wahl

Mein Schulweg

Wenn ich jetzt morgens zur Schule gehe, ist es noch dunkel. Pünktlich sieben Uhr stehe ich dann, völlig verschlafen, vor dem Tor und muss mich erst einmal an die Kälte gewöhnen. Mein Atem verbreitet sich mit dampfenden Wolken in der Luft. Ich fasse kurz noch einmal meine Gedanken zusammen, stecke meine Hände tief in die Taschen und dann geht es los, ob ich will oder nicht.
Zuerst die Straße, wo der kleine Dackel wohnt. Jeden Morgen steht er am Tor, und wenn ich komme, wedelt er mit dem Schwanz und steckt seine kleine feuchte Nase durch die Latten des blauen Holzzaunes. Ich bleibe kurz stehen und erzähle ihm, wie meine Woche bis jetzt war. Er sitzt da und hört mir aufmerksam zu. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und erschrecke: Ich sollte mich jetzt auf jeden Fall beeilen. Ich verabschiede mich schnell von meinem kleinen Freund und setze meine morgendliche Reise fort.
Am Rosa-Luxemburg-Platz ist noch kein Mensch. Das Gebäude der Musikschule ragt imposant in den Himmel. Die rosa Farbe lässt sich durch die Dunkelheit nur erahnen. Dong. Dong. Die große Uhr erinnert mich daran, dass es schon viertel ist und ich kurz davor bin, zu spät zu kommen.
Ich trete in die Pedale, so schnell ich kann. Mein Atem wird schneller, die Dampfwolken dicker. Schon bald ist meine Kraft erschöpft. Ich sollte mehr Sport treiben, fällt mir da wieder auf. Nur schade, dass mir solche Gedanken immer vor der Schule kommen, wenn ich nun wirklich keine Zeit habe. Nachmittags habe ich das dann wieder vergessen und meine guten Vorsätze lösen sich in Luft auf. So wie mein Atmen gerade.
Ich werde wieder langsamer. Inzwischen bin ich bei der katholischen Kirche. Die Sonne geht langsam auf und vereinzelte Lichtstrahlen brechen sich in dem bunten Glas, das das große Kreuz ausfüllt. Die Welt beginnt, langsam wieder Farbe anzunehmen.
Immerhin ist es jetzt nicht mehr so weit. Ich sehe schon das Hauptgebäude meiner Schule. Die beiden Figuren, die über dem Brunnen angebracht sind, schauen mich an. Ich kann ihre Blicke nicht so ganz deuten. Auf jeden Fall scheinen sie nicht gerade froh, mich zu sehen. Ich lächle sie an, um sie zu besänftigen, aber sie reagieren nicht – natürlich nicht. Über hundert Jahre alte Figuren aus Stein können ja wohl kaum auf meine Bemühungen reagieren. Oder doch? Für einen kurzen Moment scheint es, als würde der linke Kopf mir frech die Zunge herausstrecken. Bei genauerem Hinschauen scheint aber alles unverändert. Verwirrt und etwas verärgert über die Dreistigkeit des alten Herrn aus Stein schüttele ich meinen Kopf und widme mich lieber wieder den Personen aus Fleisch und Blut.
Ich sehe andere Schüler, die das Schulhaus betreten. Man kann an ihren Blicken erkennen, ob sie sich auf den Tag freuen oder nicht. Zwei Mädchen zum Beispiel sitzen auf der Treppe und schauen sich noch einmal die Vokabeln für den Französischtest an. Die eine rattert die Vokabeln nur so runter, anscheinend hat sie gut gelernt, während die andere frustriert aufstöhnt und das Buch verärgert in ihren Rucksack packt.
Ein letztes Mal trete ich ordentlich in die Pedale. Das letzte Stück ist das schwerste. Der Berg ist ganz schön steil, aber irgendwie schaffe ich es, mich auch dort hochzutransportieren.
Mit Schwung sause ich in den Schulhof. Dort sehe ich erleichtert, dass ich noch nicht zu spät bin. Eine ganze Horde Jugendlicher tummelt sich da. Sie lachen, spielen Ball oder reden einfach. Zufrieden steige ich vom Fahrrad und freue mich auf einen neuen Tag voller unvorhersehbarer Ereignisse.

Carolin Wahl
Klasse 8 – Lößnitzgymnasium Radebeul

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