Radebeuler Miniaturen

Novemberblues
Ein etwas anderes Gedenkblatt

Und dann saß eines Tages – wo ist nur der Sommer hin? – dieser Blonde am Faß. Er hatte seine strohigen Haare sorgsam und very british durcheinandergebracht und schüttelte, während er in sein Bier hinein vor sich hin redete, unaufhörlich den Kopf.
Ich hätte wohl doch lieber nicht kommen sollen, sagte er plötzlich laut und deutlich in meine Richtung. Ich sah ihn fragend an und ermutigte ihn so, weiterzureden.
Hab früher da ganz oben gearbeitet. Bei Glasinvest, meine ich, unterm Dach, falls es da eins gab, jedenfalls wars oben zu und drüber war nichts mehr. Wollte jetzt mal sehen, ob ich den Balkon noch finde, den ich von meinem Fenster aus immer im Blick hatte. Na, schöne Bescherung, hab mich gar nicht mehr zurechtgefunden dort.
Also dieser satt viel rot verzierte „Zahn“ war seinerzeit natürlich ein Unikat in der Stadt, jedoch ehrlich keine große Offenbarung, wie der da so beziehungslos rumstand. Aber es war Platz drumrum und Grünzeug, hätte was werden können. Ich meine, das waren doch auch keine ganz Dummen, die diese Hochhäuser gebaut haben, aber für Tradition und Landschaft hatten sie einfach kein Gefühl – Kommunisten eben hieß es später, denen gings um ganz anderes und Geld hatten sie auch keins. So haben sie den „Verlust gewisser kultureller Grade“, wie Karl Kröner das ausgedrückt hat, billigend in Kauf genommen. Aber, was jetzt dort steht … er schüttelte wieder heftig den Wirrstrohkopf.
Ich meine, sagte er nach einer Weile, der „Wohnpark“, wie er so schön genannt wird, läßt immerhin den städtischen Anspruch ahnen, der seit Jahrhunderten immer mal wieder anklingt – wer will schon in einem Dorf wohnen! Im Sichgroßfühlen sind Kleinbürger ohnehin nicht zu übertreffen, insofern paßt das Ganze am Ende doch ganz gut zu euch. Der Gartenstadt freilich bleibt nur das große Weinen – wein- und Gartenstadt eben, hihi…
Aber deswegen bin ich natürlich nicht gekommen, fährt er nach längerem Schweigen fort. Von meinem Fenster aus dort unterm Dach juchhe, konnte ich jeden Morgen in der zehnten Stunde eine junge Frau auf einem Balkon frühstücken sehen. Ihre kupferfarbenen Haare leuchteten eindrucksvoll im Morgenlicht und schienen fabelhaft zu ihrem weiten roten Morgenkleid zu passen. Viel mehr konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen – umso größrer Raum blieb der Fantasie. Und ich hatte viel Fantasie damals noch. Bereits nach einer Woche wohnte sie in meinen Träumen. Hier lebte sie allein und wartete auf mich. Das war natürlich völliger Blödsinn – auf mich hat noch nie jemand gewartet … aber die Träume waren schön.
Ich begann, eine Strategie zu entwickeln, ihr näher zu kommen. Hab mich zuerst mit Brieftauben beschäftigt. Brieftauben, dachte ich, könnten ein Seil hinübertragen zum Balkon und so eine Verbindung schaffen, auf der ich bequem (!) zu ihr gelangen könnte. Bevor es so weit war, wurde Glasinvest geräumt, war ja alles im Umbruch damals. Da war nicht nur dieser Traum vorbei. Als ich jetzt in der Zeitung von der Einweihung des „Wohnparks“ las, wollte ich mal gucken, ob ich nicht wenigstens den Balkon von damals wiedererkennen würde …
Übrigens, hast du Interesse an Brieftauben – hab billig welche abzugeben…
Thomas Gerlach

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