Radebeuler Miniaturen

1623 – 2023: 400 Jahre Haus Möbius

II

Haus und Abgrund

Sag mal, beginnt Ulrike nach kurzem Schweigen, 1623: war da nicht dieser Krieg? Mit leichtem Schauder schiebt sie ihr Glas von sich.

Allerdings, sag ich, der berühmte „Dreißigjährige“ war fünf geworden. Mal ganz davon abgesehen, daß du schon eine Weile suchen mußt, um eine Spanne zu finden, in der kein Krieg war in unserer so ruhm- und erfolgreichen Vergangenheit. Du weißt doch, „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist eine Geschichte…“ kompletter Militär – Idiotie … vollendet Ulrike den Satz des „Klassikers“.

Aber, fährt sie nach einer Weile fort, es wurden doch auch Häuser gebaut …

Freilich, sag ich, Häuser werden immer gebaut, sogar in unseren Tagen. Es macht aber offenbar genauso viel Spaß, sie zu zerdreschen – sonst hätten wir längst schon damit aufgehört.

Den letzten großen Umbau unseres Hauses hats übrigens 1944 gegeben – das war auch keine sehr zukunftsträchtige Zeit…

Aber vielleicht, wendet Ulrike ein, ist ja das Bauen oder auch nur Umbauen eines Hauses auch ein Hoffnungszeichen?

Vielleicht, ja, und ein Zeichen unbewußten Widerstandes gegen die Verblödung der Generalität.

Damals aber, fahre ich fort, also 1618, beganns als „Religionsstreit“. „Religionen“, sagt Enrico Scotta, „sind der Grund für Zwietracht auf Erden“. Dabei gings dazumal gar nicht um Religionen, sondern nur um Konfessionen. Weiß der Himmel, was schlimmer ist. Im Zwist zwischen Reformation und Gegenreformation sind 1618 in Prag einige Ratsherren aus dem Fenster geworfen worden. Je nach Überlieferung landeten sie entweder in einer Kloake oder in eigens aufgestellten Spießen – keine sehr angenehme Vorstellung. Jedenfalls brach dann das Elend los.

Es war ein Aderlaß.

Im Laufe der folgenden dreißig Jahre wurde die Bevölkerung Mitteleuropas auf ein für wen auch immer „erträgliches Maß“, nämlich auf rund ein Drittel, reduziert. Hier, bei uns, in unmittelbarer Nähe zur Residenzstadt Dresden bliebs noch lange Zeit ruhig. Erst 1635 kamen die Schweden. „Zur Rettung des evangelischen Glaubens“ waren sie angeblich irgendwann gekommen und „folgerichtig“ zerstörten sie nicht nur die evangelische Kirche Kötzschenbrodas, sondern das zugehörige Dorf gleich noch mit.

Sind sie damals auch zu uns hier hoch gekommen? Ulrike blickt etwas ängstlich, als wäre Grauen weniger grausig, wenns weit genug weg ist.

Schwer zu sagen, sag ich. Spuren einer Zerstörung hab ich am Haus nicht gefunden. Es gab mal ne Reparatur an der Nordwestecke, aber wann und warum weiß ich nicht.

Sie werden schon auch hier gewesen sein. Wahrscheinlich haben sie sich darauf beschränkt, den Keller leerzusaufen…

Die Herrschaften, und mit ihnen die Wertsachen, waren ohnehin in Dresden in trügerischer Sicherheit.

Zehn Jahre später, also 1645, gabs dann den Separatfrieden. Richtigerweise feiern wir diesen in der Geschichte so seltenen Moment aufblühender Vernunft noch heute Jahr für Jahr.

Und als die uniformierten Barbaren aller Farben weg waren, haben wir weitergemacht: Wein geschnitten, Wein gelesen, Wein gekeltert … und natürlich Waffen geschmiedet, denn wenn eins in der Weltgeschichte gar nicht wirkt, dann ist es der „gesunde Menschenverstand“ falls es den überhaupt geben sollte …

Damit schenke ich mir für alle Fälle noch ein Glas ein…

Thomas Gerlach

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