Ein Amerikaner in Radebeul

Wieder so eine schräge Idee von Herrn Lohse? Hat er jetzt vielleicht vor, den Donald T. einzuladen? Nein, das ist nicht zu befürchten und kaum zu glauben, dass wir Freunde werden könnten. Aber ein klein wenig hat mein heutiges Thema doch mit dem amerikanischen Kontinent und dem, was da wächst zu tun.

Es geht um Weinbau und die Amerikaner-Rebe. Sie hat u.a. der Lößnitz nach der Reblauskatastrophe im letzten Viertel des 19. Jh. später wieder zu einem Neuanfang im Weinbau verholfen. Die Amerikaner-Rebe (in Sachsen Aramon x Vitis Riparia) erwies sich als reblausresistent, auf diese konnten die hier üblichen Sorten – zB. Müller-Thurgau, Weißburgunder und Riesling – aufgepfropft werden. Das klingt hier so einfach, aber dafür war ein längerer Prozeß von Versuchsreihen erforderlich, an dem Carl Pfeiffer schon 10 Jahre in Oppenheim mitgewirkt hatte, ehe er 1912 über Meißen nach Radebeul kam. Während der Zeit lagen in Radebeul die Weinberge brach, bzw. wurden mit Obstbäumen oder auch Erdbeeren bepflanzt. Durch den 1. Weltkrieg wurde das Wiederaufreben nochmals verzögert, ehe dann in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jh. die ersten Weinberge der Lößnitz neu bestockt und etappenweise bis zum heutigen Stand fortgeführt.

Und wo ist mir nun so ein Amerikaner in Radebeul begegnet? Er begleitet uns seit 1997, seitdem wir in der Borstraße wohnen. Der Baumeister Franz Jörissen muß die Amerikaner-Propf-Rebe 1934 gesetzt haben, als er das Grundstück erworben und sich hier eingerichtet hatte. Der Plan war, ein hölzernes Spalier am Ostgiebel seines Hauses mit Wein beranken zu lassen. Ich war nicht dabei gewesen, aber aus Gesprächen mit Jörissen weiß ich, daß der aufgepfropfte Gutedel Ende der 30-er Jahre einen harten Frost abgekriegt hatte und deshalb eingegangen war. Da die Wurzeln des Amerikaners stark waren, trieb er nach dem Winter wieder aus, wuchs kräftig und hatte auch wieder Früchte. Nur sahen die jetzt blau aus und hatten etwa die Größe von Heidelbeeren. Sie waren sauer und bitter, also eigentlich nicht genießbar. Dieser Stock, sozusagen ein Wildling, wuchs über die Jahrzehnte unabhängig von seltenen Kältespitzen und heißen und trockenen Sommern zu einem Weinbaum mit einem Stammdurchmesser von 24cm (gemessen am Erdboden) und inzwischen den ca. 8m hohen Hausgiebel bedeckend. O.g. Holzspalier überragt „unser Amerikaner“ längst und hat mit seinen starken Ästen an drei Stellen das Lattenwerk zerstört. Der Amerikaner braucht erstaunlicherweise kaum Pflege – keine Erdarbeiten, keinen Dünger und auch keine Schädlingsbekämpfung. Ein Schnitt ist nur da erforderlich, wo er nicht wachsen soll, an der Fernsehantenne und vor den Fenstern. Alle Versuche durch verschiedene Personen und über die Jahre führten zu keinem befriedigenden Ergebnis, es wurde nie ein trinkbarer Wein! Wir ernten etwa die Hälfte der Früchte bis dahin, wo die Leiter reicht und stellen mit Zucker einen Gelee und auch leicht herben Traubensaft her. Die zu hoch hängenden Trauben überlassen wir den Staren, die im September dann zahlreich einfliegen und sich den Rest schmecken lassen. Wenn wir den Zeitpunkt der Ernte verpassen sollten, gehen die Stare als Sieger vom Platz.

Der Stareneinfall in den Amerikaner ist ein Naturereignis, nicht selten kommen 30 bis 40 Vögel auf einmal und fallen laut zwitschernd ein, aber beim Fressen herrscht dann Stille. Wenn sie durch eine Person im Garten gestört werden, wechseln sie den Sitzplatz und warten auf einer nahen Tanne oder der hohen Linde am Hoftor bis „die Luft rein“ ist. Wir akzeptieren diese Art von Arbeitsteilung, wohl wissend, daß im Herbst bald der Vogelzug beginnt und die Stare vorher noch eine Stärkung brauchen können. Bedingt durch den Klimawechsel sollen aber wohl nicht mehr alle Stare auf die weite Reise gehen. Dumm nur, wenn der Stareneinflug auf einen Tag mit großer Wäsche fällt. Vor allem Weißwäsche kann dann durch die Ausscheidungen der Vögel schon mal verdorben werden, denn die Kacker sind kräftig lilablau.

Ich weiß gerade nicht, wie viele Amerikaner es in Radebeul noch gibt. Wahrscheinlich würde ein echter Winzer diesen Wildling auch schon gerodet haben, denn er hat kaum wirtschaftlichen Nutzen. Wir jedenfalls haben uns an diese Nachbarschaft mit „unserem Amerikaner“ gewöhnt! Warum ich diese Worte in Anführungsstriche setze? Unser ist ein besitzanzeigendes Fürwort und wir besitzen als Mieter nicht, auch den Wildling nicht.

Dietrich Lohse

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