Radebeuler Miniaturen

1623 – 2023: 400 Jahre Haus Möbius
IV
Haus und Herrschaft

Viel hat sich nicht geändert in den ganzen Jahren, sag ich in das beredte Schweigen hinein und stelle mein Glas ab. Ein Haus in der Lößnitz muß sich eins leisten können und wollen.

Während Ulrike hörbar seufzt, ziehe ich ein dicht beschriebenes und schon etwas gelbes Papier aus einem Stapel Unterlagen. Hier, sag ich, und schlage mit dem Handrücken auf die Buchstaben, erinnere dich, das hat uns Frau Schließer damals verehrt. (Die sehr verdienstvolle Radebeuer Stadt-Archivarin Lieselotte Schließer hat damals noch in der Lößnitzgrundstraße residiert und sehr lebhaft Anteil genommen, als wir die Wohnung hier im Haus bezogen.)

Foto: T. Gerlach

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, lese ich nun, sind Häuser und Weinberge im Besitz der Strauch’schen Erben geblieben – offenbar war nähere Kenntnis der Heiligen Schrift manchmal auch ein einträgliches Geschäft (siehe Heft 1).

Für das Jahr 1715 ist dann Johanna Gertraude Küffner als Besitzerin überliefert. Sie war ebenfalls eine geborene Strauch und hatte noch vor der Jahrhundertwende den Dresdner Ratsbaumeister Johann Siegmund Küffner geehelicht, der unter anderem am Bau der von George Bähr geplanten Loschwitzer Kirche beteiligt war. Küffner hatte den Besitz um 1700 aus einer anderen Linie der Familie Strauch erworben und mit seinem Tod 1709 seiner Witwe hinterlassen.

Möglicherweise ist mit dem Jahr 1715 ein größerer Erweiterungsbau verbunden. Jedenfalls hat sich ein Johann Christian Große, Maurermeister in Kötzschenbroda unterm Dach verewigt. Um 1990 war die Signatur noch deutlich zu erkennen. Das damals entstandene Foto zeigt noch eine ferne Erinnerung daran. Leider ist sie aber, wie ich jetzt erst entsetzt feststellte, 1994 anstehenden Dacharbeiten offenbar unbemerkt zum Opfer gefallen.

Es spricht viel dafür, daß die Witwe Küffner sich mit diesem Anbau – wie es damals üblich war, denk nur an Wackerbarths Ruhe – einen Alterssitz geschaffen hat. Ob sie wirklich dauerhaft hier wohnte, ist nicht überliefert.

Schade, sagt Ulrike, ich stelle mir grade vor, wie das war, so als Witwe in den Weinbergen zu leben …

Ohne weiter auf diese Bemerkung einzugehen, fahre ich fort: Die Küffnerin stirbt 1729, sie hinterläßt das Gut ihrem Vetter, dem Senator Carl August Strauch. Der Wert des Ganzen wird dabei auf rund 770 Thaler geschätzt, der Ratsbaumeister hatte es noch für 500 Gulden (1 Gulden entsprach etwa 2/3 Thaler) erworben. Diese „Wertsteigerung“ hing ganz sicher nicht ausschließlich mit dem Neubau zusammen. Die Teuerung dürfte auch den nicht enden wollenden Kriegen geschuldet gewesen sein – es ist eben immer das Gleiche…

Im Jahr 1762 wird der Name Strauch zum letzten Mal genannt.

Ich halte inne, blicke auf und schenke uns nach.

Thomas Gerlach

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