Radebeuler Miniaturen

1623 – 2023: 400 Jahre Haus Möbius

VI: Haus und Handwerk

Bild: T. Gerlach

1784
nicht uns herr
nich uns herr
sondern deinen
nahmen gieb
ehre den deine
gnade und wahr
heit währet
ewiglich
G(auern)itz

Bild: T. Gerlach

Wie ich mit einer neuen Flasche aus dem Gewölbekeller komme, sitzt Ulrike vorgebeugt auf ihrem Stuhl. Ganz sacht fährt sie mit der Hand über die schorfige Oberfläche eines Biberschwanz-Dachziegels. Nicht uns herr, buchstabiert sie, nich uns herr – komisch, das steht zweimal hier …

Es ist ein „Feierabendziegel“. Damals wurden die Ziegel ja noch manuell gefertigt. Jeder einzelne wurde mit einem Handstrich in die Ewigkeit entlassen. Und allmal zum Feierabend wurde einer – der letzte der Schicht – besonders verziert: mit einem Spruch versehen, einer Zeichnung oder einem Segenswunsch.

Es gab mehrere derartige Exemplare auf unserem Dach. Herr Alfred Möbius, der sehr verdienstvolle damalige Besitzer, hat sie gerettet, als er das Dach 1961 neu decken lassen mußte. So wissen wir auch, daß die Ziegel aus Gauernitz kommen – es steht drauf.

Heute weiß in Gauernitz kaum noch jemand etwas von einer Ziegelei, auch wenn in der ein oder anderen Sammlung (und vielleicht gar unentdeckt auf diversen Dachböden oder gar verfallenden Scheunendächern) noch einzelne solcher Ziegel verborgen sind. Nach Ausweis alter Karten (hier danke ich Herrn Manfried Eisbein, Scharfenberg, der mir die Informationen vermittelte) ist vor 1900 eine Ziegelei in der Aue überliefert – aus Sicherheitsgründen weit abgelegen von jeglicher anderen Bebauung. Heute erinnert nur noch ein Straßenname an das einstige Gewerbe.

Nun kann die Fantasie Wellen schlagen und sich ausmalen, wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Fuhrwerk um Fuhrwerk die Elbe entlang nach Cossebaude zieht, dort über die Elbe setzt und über die alte Viehtriebe die Hausgasse erreicht. Vielleicht sind sie auch gleich nach Kötitz hin übergesetzt, um dann über Coswig den Weg zu nehmen. Möglicherweise aber wurde die Ladung sogar auf Lastkähnen von singenden Bomätschern nach Kötzschenbroda gezogen und dort erst verladen – wer weiß noch um den Schiffsverkehr zu damaliger Zeit?

Wir dünken uns heute so klug mit unsern künstlichen Intelligenzen (die plötzlich wie weggeblasen sind, wenn der Strom ausfällt, weil wir vergessen haben, die natürliche zu entwickeln), und haben darüber den Anschluß ans Leben verloren, das auch hier einmal grünte und blühte.

Ja, es war beschwerlich, dieses Leben, aber es wurde Wein gebaut und getrunken und ein 1784 gedecktes Dach bot bis 1961 Schutz, also 177 Jahre! Die danach aufgebrachten Industrieziegel hielten mal eben reichlich dreißig Jahre.

„Nach diesem notwendigen Vermerke
Fahren wir fort im löblichen Werke …“

Er hat also ein vollendetes Haus hinterlassen, der Kaufmann Gerber aus Dresden, mehr ist über ihn nicht bekannt, doch auch das ist schon viel. (Die Abbildung zeigt eine Zeichnung von 1911 des sehr verdienstvollen Heimatkundlers Hellmuth Sparbert, der damals schon mit Fotoapparat und Zeichenstift die Schätze der Lößnitz dokumentierte. Wir bekamen die Ablichtung vor Jahren von einem Freund – es ist m.W. eine der ältesten Abbildungen des Anwesens.)

1824 werden ein C.T.Rentsch genannt und eine Frau Dr. Güntz aus Dresden.

Im Jahr 1832 erwarb Johann David Götze das Anwesen für damals 1250 Thaler.

Ich gebe zu, ich habe nicht Numismatik studiert und bin auch an Banken oder Kursen kaum interessiert. Auch habe ich nie mit gekrümmten Fingern über der Kassette gehockt – immerhin weiß ich, daß das, was uns die Finanzwelt als „Wertsteigerung“ verkauft, nichts als Teuerung ist. Spekulanten ziehen aus der kurzen Phase zwischen „noch billig“ und „schon teuer“ fette Gewinne. Das hat zwar mit „Leistung“ nichts zu tun, es lohnt sich aber – und ist doch nichts weiter als Betrug …

„Nach diesem notwendigen Vermerke …“
Fülle ich die Gläser bis zum Rand …

Thomas Gerlach

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