Radebeuler Miniaturen

1623 – 2023: 400 Jahre Haus Möbius

Noch ist es nicht so weit, doch ich sehe schon wieder Ulrike durch die Tür spähen und höre sie mit besorgter Stimme flüstern, kannst du mir mal helfen …
Dann also werde ich mit ihr in den Garten gehen und eine der heimlichen kleinen Fichten um einen oder zwei Äste bitten, die dann stellvertretend für den ganzen Baum die Zimmerdecke schmücken.

Anfangs, als die Kinder klein waren, hatten wir immer ein richtiges Weihnachtsbäumchen an der Decke hängen. Nein, natürlich nicht mit der Spitze nach unten, wie die Spötter gleich wieder witzeln, sondern richtig aufrecht, nur sozusagen mit „etwas mehr Luft nach unten“. Die Räume waren eng, aber der Baum schaukelte nur ein wenig, wenn eins dagegen stieß – umkippen konnte er ja nicht.

Als es möglich wurde, in den neunziger Jahren, haben wir Dach und Fassaden erneuern lassen und auch in den Innenräumen weithin dem Fachwerk wieder zu seinem Recht verholfen. Es konnten an vielen Stellen interessante Farbfassungen beobachtet werden. Besonders angetan hatte es uns das schöne Ziegelrot an den Balken, dem wir versuchten Dauer zu verleihen. Später haben wir die Südwand mit einer Verbretterung versehen lassen – es war für alle (das Haus wie für uns) klimatisch besser.

Schließlich war mit der Neugestaltung auch ein neuer Anbau verbunden, dem wir die Möglichkeit verdanken, erstmals eine Badewanne in dem Haus unterzubringen. Es gab ja alles, damals …

Herr Alfred Möbius (die damalige Stadtarchivarin Lieselotte Schließer hatte ihn zum Namensgeber für unser Haus erkoren) hatte es da fünfzig Jahre früher deutlich schwerer, als er kurz vor Kriegsende noch Toiletten einbauen ließ. Er starb zu Anfang des Jahres 1989, nach einem erfrischenden, letzten Glas Wein. Er war bis zur letzten Minute an den Tagesereignissen interessiert, wollte aber der Deutschen Einheit wegen, die ja unmittelbar bevorstehen müsse, wie er im Februar (!) schon ahnte, nicht länger leben.

Diesmal füllt Ulrike die Gläser.

Auf die Erinnerung, sagt sie, auf den alten Herrn, den hängenden Weihnachtsbaum und die nächsten vierhundert Jahre.

Thomas Gerlach

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