Glosse

Schöne Bescherung

Eigentlich schaue ich nie zurück. Was soll‘s auch. LKW-Fahrer wollte ich ohnehin nicht werden. Meine Lebensmaxime ist eher „Vorwärts immer – rückwärts nimmer!“. Was soll mich auch mein „Geschwätz von gestern“ heute noch interessieren? Manchmal aber denke ich, könn’mer dieses verka… Jahr nicht noch mal von vorn beginnen?! Nochmal so ganz unschuldig und jungfräulich…?

Hier hat unser Urvater aber wirklich einen Fehler gemacht. Jeder muss doch eine zweite Chance bekommen. Schließlich durften wir Ostdeutschen 1989/1990 auch nochmal ganz von vorne beginnen. Die drübigen Brüder und Schwestern haben uns neue Bundesbürger*innen geduldig an die Hand genommen. Und das war auch gut so! Wir hätten uns doch in dem bereits schon damals etwas abgenutzten Wunderland überhaupt nicht zurechtgefunden! Allein die vollen Regale in den neuartigen Verkaufseinrichtungen hatten für reichlich Verwirrung gesorgt und leider auch zu dramatischen Veränderungen geführt! Seither ist durchschnittlich die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. Aber unsere Indianer*innen aus Nah und Fern sind ob der vielen anderen Möglichkeiten doch erst so richtigen aufgeblüht.
Von diesem schweren Aufbruch in ein zivilisiertes Lebens will doch heute keiner mehr was wissen! Da sollte man aber schon etwas dankbarer sein! Auch Ludwig Richter, der Dresdner Maler aus dem 19. Jahrhundert, hatte das für sich damals schon richtig erkannt und deshalb täglich seinem Herrn gedankt. Da müssen wir wieder hin und zurück zum 1. Januar 2023!

Erst jetzt, im 12. Monat wurde mir so richtig klar, dass 2023 ein regelrechtes Schicksalsjahr für die Radebeuler*innen war. Das konnte man freilich im Januar niemals verkünden. Angsteinkäufe und Panikattacken hätten das gesamte öffentliche Leben lahm gelegt und nicht nur den Verkehr von und nach Dresden beeinträchtigt. Das Radebeuler Stadtarchiv wäre von den Hobby-Historiker*innen regelrecht gestürmt worden, wenn die gewusst hätten, dass ab Herbst (vermutlich für Jahre) nur noch ein Notschalter als Archiv zur Verfügung stehen würde, wo doch „in 2024“ das große Stadtjubiläum ansteht. Aber zum Glück wusste das da noch keiner.

Dieses Jahr bin ich aus dem Staunen überhaupt nicht mehr herausgekommen, was alles so urplötzlich über einen oder eben auch über eine Stadt hereinbrechen kann. Wegen der gestiegenen Energiekosten haben meine Frau und ich schon schmerzhafte Einschnitte hinnehmen müssen. Jede zweite Lampe wurde bei uns aus dem Verkehr gezogen. Hat aber auch wieder sein Gutes. Nicht alle Winkel stehen jetzt im grellen LED-Licht.

Auch in der Stadt Radebeul lief nicht alles nach Wunsch. Da flog eine städtische Einrichtung plötzlich ganz unerwartet aus dem Mietverhältnis raus. Da wurde die Stadt quasi über Nacht zum Bauträger eines millionenschweren Objektes, etwa so als wie einst die Jungfrau Maria zum Kinde gekommen sein soll. Aber zu guter Letzt wurde der mittlere Teil der Radebeuler Bahnhofstraße doch noch rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft gesperrt. Und alles wegen de Bäume! Also, kapieren tut das keiner. Erst hieß es: „Bäume weg – Stellplätze her!“ Nun lautet die Parole: „Bäume her – Stellplätze weg!“ Wo bei der ganzen Kasperei der angeblich unverzichtbare Wochenmarkt für die Belebung der Bahnhofstraßen nun hinsoll, bleibt weiter ungeklärt und ist offensichtlich ganz in Vergessenheit geraden. Wen interessiert schon das Geschwätz von gestern.

Wie sich das aber alles damit vereinbart, dass die Mobilität weiter steigt, die PKW-Zulassungen in Radebeul bisher über dem Bundesdurchschnitt liegen, jede Familie mit mittlerem bis sehr hohem Einkommen im Schnitt mindestens ein Auto besitzt und die Verkehrswende noch lange nicht in Sicht ist, weiß der Kuckuck. Und da habe ich die E-Mobilität noch überhaupt nicht auf’s Korn genommen.
Ach ja, ein schönes Fest und gutem Rutsch wünscht

Euer Motzi

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