Glosse?

Ab geht die Post!

Rathäuser, Schulbauten, Bahnhöfe und Postämter zählten einst zu den herausragenden, stadtbildprägenden Gebäuden eigentlich nahezu jeder halbwegs größeren Stadt. An deren Architektur konnte man sich erfreuen, wenngleich sie auch Ehrfurcht einflößte. Heute ist nicht nur die Bundespost bemüht, die meisten ihrer einstigen Postgebäude zu verscherbeln, und in vielen Fällen sind sie eh schon zu Schandflecken verkommen, als dass sie zur Zierde der Stadt gehören würden. Dabei habe ich mich noch nicht einmal zum eigentlichen Zweck solcher Einrichtungen geäußert und schon gar nicht zu deren Bediensteten.

Der Postbeamte beispielsweise galt einst als Respektsperson! Das machte schon seine „Tracht“ deutlich. Unser „starker August“ hatte das beizeiten erkannt und die Bediensteten der ersten „sächsischen Hofpost“ 1563 in Uniformen gesteckt. Beizeiten hatte also der Staat die Finger in diesem Geschäft. In Sachsen schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts! Bei dem gegenwärtigen Zustand des Postwesens fragt man sich allerdings verwirrt, ob unsere Vorfahren allesamt schlauer waren, als die heutigen Herrscher?

In Radebeul-Ost gucken die Bewohner was die Post anbelangt nun erst mal in die Röhre – also nicht in die Rohrpost, wie etwa der Kanzler. Der ist zumindest so schlau, sich nicht auf die Post zu verlassen. Dabei hatten die Radebeul-Ostler so ein schönes Postgebäude! Stilisierte Deutscher Renaissance-Stil! Vermutlich beherbergt es deshalb seit 2007 das Standesamt der Stadt mit dem hübschen Hochzeitsgarten. Bei der Rekonstruktion des historischen Gebäudes ist man allerdings großzügig zu Werke gegangen. Wer kein Alt-Radebeuler ist, kommt nicht auf die Idee, dass sich hinter dessen Mauern einstmals die Post befand. Auch der Namenszug an der Fassade ist bei der „Ertüchtigung“ des Gebäudes geopfert worden.

Die Geschichte der Postgebäude zeichnet überhaupt eine tragische Entwicklung auf. Einst stolze Repräsentanten einer aufstrebenden „Zunft“, fristen sie heute bestenfalls ein trauriges Dasein in zweckfremder Bestimmung.

Aber vielleicht sollte man aus der Geschichte der Post lernen und wie einst zu Beginn der Neuzeit Poststationen wieder in Gasthöfen einrichten. Hierfür gibt es ja in Radebeul durchaus gute Beispiele. Die „Schwarze Seele“ in Altkötzschenbroda oder der Serkowitzer Gasthofn habe einschlägige Erfahrungen damit. Sie könnten doch ihre alte Tradition wieder aufnehmen. Und wenn dann auch noch auf den „reitenden Postboten“ zurückgegriffen wird, kommen die Liebesbriefe oder Mahnschreiben vom Internethändler direkt bis ins Haus und müssen nicht aus irgendeiner Metallkiste am Wegesrand abgeholt werden. Man hätte darüber hinaus noch eine nette Begegnung mit einem menschlichen Wesen, wenn an der Gartenpforte der Postreiter schellt.

Einst transportierte die Post ja nicht nur Briefe, sondern auch Menschen. Ob die aber mit Briefmarken beklebt werden mussten, ist nicht überliefert. Postgebühren waren spätestens zu Beginn des 16. Jahrhunderts üblich. Dieses Thema will ich jetzt nicht auch noch aufgreifen, sonst schwillt vermutlich den Lesern der Kamm. Heutzutage kann man ja schon von einem Halb-Jahres-Rhythmus bei der Erhöhung der Gebühren ausgehen. Da werde ich mir wohl in Kürze einige Brieftauben zulegen müssen. Die sind auf alle Fälle billiger und vor allem nachhaltiger, denn die Briefmarke kann ich ja nur einmal verwenden.

Auch wenn im Radebeuler Osten die Mini-Post abgängig ist, so kann man dem einerseits unschönen Vorgang doch auch eine gute Seite abgewinnen. Zu mindestens zeitweilig lernten die Ostler so auch mal Radebeul-West kennen und erfahren, dass hier auch nicht alles Gold, ist was in der Bahnhofstraße glänzt. Mittlerweile, so hört man, hat der Postdienst im Konsum auf der Meißner Straße Unterschlupf gefunden. Da muss sicherlich erst ausprobiert werden, wie sich die Briefe und Pakete mit der fetten Mettwurst vertragen, meint

Euer Motzi

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