Türoberlicht-Leuchten in Radebeul

Na, geht Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, schon ein Licht auf, wohin uns die Überschrift führt? Wenn nicht, dann bitte dranbleiben!

Körnerweg 5

Diesem Detail, es klingt in der Überschrift wie ein Exot der Architektur, in Radebeul nachzugehen, war für mich mit Entdeckerfreuden verbunden, ein interessantes Detail mit praktischem Nutzen. Nach Stand meiner Recherchen kann ich z.Z. an sechs Standorten derartige Leuchten nachweisen. Ist es ein Radebeuler Phänomen – ich glaube nicht, kann aber gerade kein Beispiel aus Dresden, Meißen, Görlitz oder Freiberg benennen. Sie sind in der Regel an größere, bzw. repräsentativere Gebäude gebunden, z.B. Schulen, öffentliche Bauten oder große Villen. Die gefundenen Oberlichtleuchten entstanden im Zeitraum zwischen 1910 und 1930, eine Zeitspanne mit rascher Folge von Baustilen und Bauepochen: Jugendstil, deutscher Werkbund, Reformbaukunst, Heimatstil und Bauhaus, hauptsächlich aber Reformbaukunst und Heimatstil. Da es sich um repräsentative Bauten handelt, lassen sich die zugehörigen Architekten leichter ermitteln als bei unbedeutenderen Bauten. Es sind das hier: Prof. Emil Högg, Felix Sommer (Büronachfolger von Adolf Neumann), Otto Rometsch, und die Gebr. Kießling. Denkbar auch bei Arbeiten von Max Steinmetz (Nachfolger im Büro Gebr. Ziller), Oskar Menzel sowie Schilling & Gräbner, die aber keine solchen Leuchten in Radebeul hinterlassen haben.

Altkötzschenbroda 40

Marienstr. 12a

Altkötzschenbroda 40Das bewusst gestaltete Detail einer Oberlicht-Leuchte hatte seine Wurzeln sicherlich in historischen Laternen oder Lampions – als Leuchtmittel dienten dann u.a. Wachskerzen. In einer größeren Glasfläche, dem Oberlicht einer ein- oder zweiflügligen Eingangstür, sitzt, besser gesagt schwebt, ein gläserner Kubus, der sich nach außen und innen wölbt und so den Raum für eine elektrische Lampe ergibt. Die Rippen dieses Kubus stehen in einem mehr oder weniger spannungsreichen Verhältnis zu den Sprossen des Oberlichtes. Die

Meißner Str. 64

Ledenweg 2

Straße des Friedens 58

Gesamtgestaltung ist besser, wenn es im Bereich von Oberlicht und Leuchte nicht zu eng zugeht, also anders als beim Beispiel Meißner Str. 64. Die elektrische Zuleitung sollte geschickt plaziert sein, um die Gesamtgestaltung nicht zu stören. Für einen Wechsel des Leuchtmittels ist es erforderlich, dass ein Teil des Kubus abnehmbar ist. Oft wurde die Beleuchtung einer repräsentativen Eingangstür mit einer oder zwei seitlichen, im Mauerwerk verankerten Leuchten organisiert, das dürfte auch heute noch üblich sein. Die hier beschriebenen Oberlichtleuchten können den Eingangsbereich einer Villa ebenfalls ausreichend belichten haben aber den Vorteil, dass Licht nach außen und innen abgestrahlt wird. Ein Dresdner Denkmal-Kollege hätte, vor so einer Leuchte stehend, sicherlich gesagt: das sieht aber putzig aus, typisch Radebeul! Betrachten wir nun die betreffenden Radebeuler Häuser in zeitlich geordneter Folge, da steht an erster Stelle die Villa von Emil Högg, Marienstr 12a, der 1910 von Bremen kommend an die TH Dresden berufen wurde. Der neue Wohnsitz von Högg in Radebeul stellt sich als ausklingender Jugendstil dar. Er verwendete da über der einflügligen, hohen Eingangstür eine solche Oberlichtleuchte. Im Ledenweg 2 finden wir die stattliche, 1915/ 16 erbaute Fabrikantenvilla von J. W. Hofmann. Man wundert sich, dass eine solche Bauleistung mitten im 1. Weltkrieg möglich war. Sie wurde von Architekt Felix Sommer entworfen, der Hauptzugang befindet sich hier auf der Westseite. Das zweiflüglige Portal ist so aufwändig gestaltet, dass man die besagte Leuchte erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Die Berufsschule auf der Straße des Friedens 58, für Radebeuler Verhältnisse ein monumentaler Bau, wurde 1921 vom Entwurfsbüro der Gebr. Kießling bearbeitet. In der gestalterischen Betonung der Eingangssituation über 3 Etagen finden wir über der zweiflügligen Tür auch eine solche Oberlichtleuchte. Der Gestalter von zwei Wohnhäusern am Grundhof war Otto Rometsch. 1924/ 25 wurde ihm mit dem Bau des Verwaltungssitzes der Gröbawerke (regionale Elektroversorgung) im Körnerweg 5 ein Großauftrag angetragen. In der Mittelachse über der Eingangstür des symmetrischen Neubaus wurde ebenfalls als Lichtquelle und Blickfang eine Oberlichtleuchte eingefügt. Hier bestehen die Teile des Oberlichtes aus gemustertem Glas. Nach einem Brand im Jahr 1934 wurde der Dachreiterturm nicht wieder aufgebaut. Die Gebr. Kießling hatten dann beim Bau des Gemeindehauses der Friedenskirche, Altkötzschenbroda 40, noch mal eine Gelegenheit, eine Oberlichtleuchte über dem Eingang einzubauen. Interessant ist hier der Saal im OG (zugleich Winterkirche) mit einer gewölbten Holzdecke nach Zollinger Art. Etwas abweichend von den vorgenannten Beispielen ist es bei einer weiteren Oberlichtleuchte beim Zugang zur Gaststätte „Zu den Linden“, Meißner Str. 64. Über einer einflügligen Tür hat das Oberlicht einen Leuchtkasten mit einer Figur – die Gestaltung wirkt hier aber eng und gedrückt. Diese Eingangstür zur Gaststätte dürfte von einer Umgestaltung von um 1930 stammen, genauere Daten liegen nicht vor.

Außer der Gaststätte sind alle o.g. Gebäude Kulturdenkmale. Somit erscheint der weitere Erhalt dieser Art von Leuchten in Radebeul nicht gefährdet. Damit hat der Verfasser wieder ein schillerndes Nischenthema gefunden – zum „Welt retten“ taugt es leider nicht!

Dietrich Lohse

Fotos: D. Lohse

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