Eine Glosse

Der Stecker

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres widerfuhr mir eine Geschichte, die mir heute noch, wenn ich nur daran denke, die kalten Schauer den Rücken herunterlaufen lässt. Deshalb entschloss ich mich, sie nicht für mich zu behalten:
Gelassen saß ich an meinem Rechner und tat, was ich alltäglich tue: Texte verfassen, korrigieren, Nachrichten versenden, Layouts erstellen, im Netz recherchieren. Dabei ging mir so mancher Gedanke durch den Kopf, der mit dem eigentlichen Tun nichts gemein hatte: „Was, wenn jetzt einer den berühmten Stecker zieht?! Es muss ja nicht gleich der ganz große Stecker sein, der uns zurück in die Höhle jagt. Es reicht schon, wenn es der Stecker von Kerstin, Martin, meiner „Gudsden“ oder mein eigner ist. Genau in diesem Augenblick klingelte das Telefon und Eddi ruft aufgeregt die Hiobs-Botschaft: „Martin kommt nicht ins Internet! Auch das Handy ist tot!“
Die Nachricht löste bei mir Katastrophen-Stimmung aus. Hektisch suchte ich nach Lösungen. Die Gedanken überschlugen sich: „Mit einem Stick ,beladen‘, ins Auto springen und damit zu Martin fahren!“ Das würde mir, aber nicht Kerstin helfen! Wie kommen dann die Daten von Martin zu Kerstin?! Die wohnt doch nicht um die Ecke! Außerdem ist die gerade auf einem Kurztrip in Melbourne. Das ganze Folgegeschehen würde einstürzen wie ein Kartenhaus! Das Unternehmen müsste abgesagt, im günstigsten Falle verschoben werden. Monate lange Arbeit für die Katz, womöglich für immer verloren! Das überlebe ich nicht!
Eine halbe Stunde später, der erlösende Anruf: „Alles gut, bin wieder drin.“ Urplötzlich fällt die Spannung von einem. Noch mal gut gegangen! Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können…! Erschöpft sinke ich auf den Stuhl zurück. Die Verkrampfungen lösen sich langsam. Man spürt es körperlich, wie sich die Muskeln entspannen, der Druck von der Brust weicht, das Hirn zur Ruhe kommt. Für einen kurzen Moment breitet sich gar eine Leere aus, die gleich danach von einer gewissen Heiterkeit abgelöst wird, die freilich auch ein wenig gequält klingt, denn alle Zweifel sind noch nicht beseitigt. „Stimmt die Nachricht wirklich?! Was ist, wenn die Verbindung wieder zusammenbricht?!“
Ganz gelassen werde ich nach diesem Vorfall nie mehr an die Arbeit gehen können. Diese eigentlich undenkbare Erfahrung wird künftig immer mitschwingen. Fahrigkeit stellt sich vermutlich ein, Nervosität. Die Neurose wird von mir Besitz ergreifen und ich sehe voraus, wie ein Widerwille gegenüber dem Gerät in mir aufsteigt, der schließlich meine ganze Entschlusskraft blockiert. Arbeitsunfähigkeit werden die Ärzte diagnostizieren – die Ärzte! Ich kann es einfach nicht glauben, dass der kleine, verfluchte Stecker mein bisheriges Leben so total verändert haben soll. Wo ich doch tagein tagaus aus so fröhlich, so gelöst, mich vor diesen schwarzen, unschuldigen Kasten gesetzt habe und mich erst gegen 22 Uhr müden Auges, aber hoch befriedigt, für eine kurze Nachtpause von ihm trennte. Ich werde von Pontius bis Beladest rennen und die immer wiederholte Diagnose nicht akzeptieren wollen. Es kann nicht wahr sein, das passt einfach nicht in mein mühsam zurechtgebasteltes Lebenschema! Man muss doch immer dran sein am Zeitgeist und an der modernen Technik: instagram, whatsapp, TikTok, gegendert und inklusiv! „Welche Weihnachtskugeln müssen dieses Jahr an den Baum?“ „Nein, nicht die roten, die waren doch schon vor zwei Jahren out! Wart mal, ich guck schnell ins Handy!“ „Wenn du es nicht mehr in den zehn Minuten bis Ladenschluss schaffst, kannst du die Kugeln doch im Internet be… Mist, der Stecker!“
Sofort sprang ich auf, rannte zum PC, drückte den silbernen Knopf und wartete ungeduldig, dass die Maschine anläuft. Alles dauerte unendlich lange. Zögerlich leuchteten die Lämpchen auf, der Bildschirm verströmte sein bläuliches Licht und tat ganz unschuldig, der Cursor huschte wie sonst über die Fläche. Ich rief eine x-beliebige Datei auf, drückte auf „Google Chrome“, aktivierte „Outlook“ – alles funktionierte! – Vielleicht sollte man doch mitunter mal eine Pause einlegen, meint

Euer Motzi

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