Einladung zu einer Tasse Jasmintee

„Treten Sie ein,
legen Sie Ihre Traurigkeit ab,
hier dürfen Sie schweigen.“
Dieses Reiner-Kunze-Gedicht aus Heft 11/1968 des Poesiealbums hing früher oft an Wohnungstüren – mit Notizblock und Bleistift am Faden, um in dieser telefonarmen Zeit ein Zeichen geben zu können.
1968 ging ich in die POS. Vor der Schule gab es Tee oder Kakao, letzterer inklusive dieser legendär widerlichen Milchhaut. Milchtrinker war ich keiner – vermutlich eine frühe Form von Lackdose-Intoleranz, bin dann auch nicht Autolackierer geworden. Abends Tee oder eine Limo aus Verdünnungssirup, hergestellt aus abgeraspelter Apfelsinenschale, Zucker und Zitronensäure. Obwohl niemand ständig mit Thermobecher herumlief, sind wir nicht reihenweise vertrocknet vom Hocker geklappt. Heute wird selbst im Standesamt erst mal die persönliche Wasserflasche auf den Tisch gestellt. Wann fing das an?
Aber zurück zum eigentlichen Tee-ma. Tee – neben getrockneten Blüten oder fermentiertem Blattwuchs kommt auch durchaus Überraschendes in die Kanne – sibirischen Schamanen brühen als „Reisevorbereitung“ gerne ein paar Fliegenpilze auf und sind danach oft tagelang im Tee.
Den klassischen Tee entdeckte Kaiser Shen Nung 2737 v. Chr., als er mit einer Tasse heißem Wasser durch seinen Garten schlenderte und ihm ein Blatt hineinfiel. Die größten Kulturleistungen entstehen oft durch unerwartete Zufälle. 1904 füllte der Amerikaner Thomas Sullivan seine Teeproben in kleine Stoffbeutel, um keine teuren Blechdosen verwenden zu müssen. Seine Kunden warfen die kleinen Beutel ins heiße Wasser, im Glauben, dass dies so von Sullivan vorgesehen sei. Der heute übliche Teebeutel wurde erst später von Adolf Rambold, Mitarbeiter bei Teekanne Radebeul erfunden.
Tee ist eines der wenigen Getränke, für das Menschen ihr Leben riskierten. Die Kaiser Chinas schützten ihr lukratives Monopol durch harte Strafen. Mitte des 19. Jahrhunderts beauftragte die British East India Company dann den schottischen Botaniker Robert Fortune mit dem Diebstahl des chinesischen Teegeheimnisses. Fortune verkleidete sich als chinesischer Mandarin – mit Zopf und traditioneller Kleidung. Man könnte sagen: Fortune hatte Fortune. Aber es war neben Glück auch die erstaunliche Dreistigkeit eines Mannes, der sich dachte: „Vielleicht merkt ja niemand, dass ich 20.000 Teepflanzen mitnehme.“ Seine Industriespionage war erfolgreich. Das Tee-Monopol Chinas zerfiel – eine der folgenreichsten wirtschaftlichen Verschiebungen des 19. Jahrhunderts.
Auch die amerikanische Unabhängigkeit hat mit Tee und Verkleidung zu tun – die berühmte Boston Tea Party 1773 war im Grunde nichts anderes als ein massives „Ihr könnt euch euren Zoll-Deal sonstwohin stecken“ – in Form von 342 Kisten Tee, die man mit dramatischem Gestus (und als Indianer verkleidet) ins Hafenbecken warf. Nüchterner betrachtet war es eine sehr, sehr teure Schale erster Aufguss, symbolisch serviert an König George III.
Bei uns trank man sich durch die frühen Jahrhunderte eher in stiller Tradition des Kloster- und Hauskräutertees. Huflattich, Melisse, Salbei – beruhigende Getränke, die mit sanftem Aroma sagten: „Beruhige dich. Leg die Mistgabel weg. Geh wieder nach Hause.“
Passende Mischungen gestatteten es aber auch, mit einer feschen Hildegard mal eine Nacht durchzubingen.
Die industrielle Teekultur erreichte unsere Region dann im 19. Jahrhundert.
In Radebeul nahm sie ihren Anfang durch zwei prägende Unternehmer. 1881 gründete Otto E. Weber seine Firma, die chinesischen Tee sowie „Carlsbader Kaffeegewürz“ vertrieb. 1882 entstand an der Meißner Straße die Firma R. Seelig & Hille, zunächst mit einem Laden für „Japan- und Chinawaren sowie Thee“. Die Firma sicherte sich eins der ältesten deutschen Warenzeichen „Theekanne“ – die zeitgenössische Schreibweise mit „h“, wie sie damals noch üblich war. (Damals wurde in Zeitungen nach Zeilen bezahlt. Also verlängerte man, wo es nur ging: Thee, Thräne, Thal, Thor – jedes Füll-h klingelte in der Kasse. Heute veredeln wir unsere Texte, indem wir coole english words in unsere Sätze mixen, die unsere corporate wording vibes total upliften. Oder so.)
Jedenfalls, in dieser Epoche war Tee weit mehr als nur ein Getränk. Es war ein gesellschaftlicher Moment, den man mit feinem Porzellan, gedämpfter Stimme und der Feierlichkeit einer gepflegten Pause zelebrierte. Nicht nur 17.00 Uhr im britischen Empire, sondern auch in der Lößnitz.
Otto E. Weber verkörperte diesen kultivierten Umgang mit dem Tee besonders eindrucksvoll: 1889 ließ er durch den renommierten Architekten Carl Käfer eine prächtige Villa errichten (siehe V&R 3/2000). Weil Weber regelmäßig Teegesellschaften in diesem Anwesen veranstaltete, gab ihm die Radebeuler Bevölkerung einen prägnanten Namen: das Teehaus.
Diese beiden Unternehmungen – Webers Importgeschäft und die zukunftsweisende Marke Theekanne – legten den Grundstein für Radebeuls Ruf als Standort der deutschen Teekultur. Nach 1945 änderte sich auch hier alles. Der Betrieb wurde enteignet, der Name wanderte westwärts, die Belegschaft blieb größtenteils – und so entstand auf dem Gelände der Otto E. Weber GmbH in Radebeul später der VEB Kaffee und Tee. In den 1960er Jahren holten Radebeuler dort gerne die sperrhölzernen Teekisten ab – begehrt nicht nur als Bastelmaterial. Außen mit exotischen Herkunftsbezeichnungen bedruckt, konnte man mit den Kisten auch ein Stückchen von der unerreichbaren weiten Welt nach Hause tragen. (siehe V&R 5/2024).
Heute werden an der Meißner Straße jährlich über 1,7 Milliarden Doppelkammerbeutel hergestellt – genug, um sechsmal den Weg von Radebeul bis nach Shanghai zu pflastern, aber wer macht schon sowas.
Das Geheimnis des Tees ist nicht nur der Geschmack. Es sind die paar Minuten, in denen nichts passiert. Es geht es um souveräne Haltung und Zeit als Zutat, Gegenpol zur Welt, die immer „sofort“ schreit.
Radebeul ist nicht nur ein Ort des Weingenusses, sondern auch des Tees. Die Stadt hat dieses leicht geneigte Gefälle in Richtung Gelassenheit. Tee ist eine kleine Schule des Lebens. Er zeigt, dass große Dinge aus Ruhe entstehen. Tee bedeutet im Grunde immer dasselbe:
Nimm dir Zeit. Schließe einen Moment die Augen. Sei einfach da. Jetzt darfst du schweigen.
(Bis hierhin erstmal, ich gehe mir nur kurz ein Bier aufmachen…)

Volker Rönsch

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