(7.7.1930 – 23.2.2026) – ein Nachruf
Eine Radebeuler Künstlerin ist von uns gegangen – eine große Persönlichkeit, die bis zum Tode ihr Leben und ihren Abgang – von der Bühne des Lebens – selbstbestimmt in die Hand genommen hat. Helga Alschner hat auf der Paradiesstrasse gelebt – sie ist da in ihrem Elternhaus groß geworden, hat lange ihre Mutter gepflegt und wollte auf keinen Fall diese Heimat verlassen – weder in ein Pflegeheim oder auch nicht – und zwar auf KEINEN FALL! – in ein Krankenhaus kommen. „ Nu ist es aber auch mal genug!“ hat sie gesagt und sich gegen eine stationäre Behandlung entschieden. Und tapfer mit dem Blick auf die geliebten Lößnitzberge ihre letzten Tage verbracht.
Sie kann auf ein langes erfolg- und abenteuerreiches Leben zurückblicken. Statt Tänzerin zu werden nutzte sie ihre andere Begabung – bildnerisch tätig zu sein. Sie studierte an der Hochschule in Berlin Weißensee Bühnen-und Kostümbild bei Heinrich Kilger und schloss 1961 mit einem Diplom ab. Zehn Jahre lang arbeitete sie als Kostümbildnerin am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, am Theater der Bergarbeiter Senftenberg, am Staatstheater Dresden und am Städtischen Theater Leipzig. Seit 1971 war sie freischaffend an verschiedenen Theatern und für Film und Fernsehen der DDR tätig. Aber immer war ihr Lebensmittelpunkt und ihr „Kraftraum“ ihr wunderschön gelegenes Elternhaus.
Auch beteiligte sie sich an verschiedenn Ausstellung – zuletzt hatte sie in Radebeul in ihrem 90. Lebensjahr eine Personalausstellung bei „Wein & fein“, wo man Gelegenheit hatte, die wunderbaren Arbeiten von ihr zu bewundern. Ihre Figurinen waren von großer kunsthistorischer Kenntnis, inszenierungsbezogen und auf die Darsteller eingehend liebevoll bis ins Detail mit Humor und Menschenkenntnis gestaltet. Die Silhouetten, die Farbabstimmungen, die Materialwahl, alles durchdacht und von hoher künstlerischer Qualität, und so gezeichnet und gemalt, dass das Blatt nicht nur eine sehr genaue und nachvollziehbare Vorlage für die Schneiderei war, sondern auch schon ein Kunstwerk an sich.
Helga Alschner war nach der Wende überglücklich, endlich die Orte ihrer Sehnsucht besuchen zu können: in die Provence auf den Spuren der Maler des Lichts und der Kunst in der betörenden Landschaft sowie nach Andalusien – Sevilla!
Ebenso wie in der Kunst, konnte sie in der Natur die Wunder der Schönheit bestaunen – strahlend und dankbar. Die Dankbarkeit war ihr ein großes Thema – auch als sie nicht mehr so beweglich war hat sie nie geklagt – sie hat sich gern von Premieren, Ausstellungen und Reisen berichten lassen: „ das kann ich nicht mehr, aber ich habe auch meine schönen Erinnerungen“ sagte sie.
Mit den „modernen Zeiten“, also mit allen nach der Festnetztelefonie entwickelten Kommunikationsmöglichkeiten stand sie auf Kriegsfuß. „Das Internet ist der Beginn des Untergangs der Menschheit“- darauf bestand sie. Genau wie sie die Klassiker der Musik und der Schriftkunst verehrte – ein immer geliebter und nie langweiliger Schiller und als höchstes Vergnügen auch selbst in Gemeinschaft oder allein gesungene Arien und Lieder.
Und auch ohne Internet hatte sie ein großes, gut funktionierendes Netzwerk an Freundinnen und Freunden. Große Verehrung für einige Studienfreunde, Kontakte mit Jugendfreundinnen, Nachbarn und besonders ihre langjährige Haushalts-und Lebenshilfe waren wichtige Kommunikationspartner.
Ihre Lebenserfahrung, ihr bis zuletzt scharfsinniges Beobachten und auch Beurteilen politischer und kultureller Ereignisse machten sie zu einer streitbaren und immer interessierten großen Persönlichkeit.
Sie fehlt.
Ulrike Kunze



