Wer, wen und warum?
Habe nun, ach, noch einmal am Faß Platz gefunden – es ist spät im Jahr, da werden die Gelegenheiten zum Draußensein seltener. Wie ich zum Glas greife, steht Elvira neben mir, eine Dame, die ich zu meinem Pech noch nie vorher gesehen habe (hab da echt was verpaßt…). Ich blinzele fragend, sie aber sagt, sag mal …
Sag mal, sagt sie und fuchtelt mit dem Septemberheft vor meine Nase herum, sag mal, hat dein Petersilien-König seine Tochter wenigstens gefragt, ob sie diesen Pharao überhaupt heiraten will?!
Ich stutze einen weiteren Moment, dann wird mir klar, sie meint den Hethiterkönig, von dem im letzten Heft die Rede war. Hattusilis, sag ich, hat nichts mit Gemüse zu tun – aber du hast recht, gefragt hat er nicht.
Naja, wieder typisch … wirft sie ein.
Ja, sag ich typisch und üblich – und das seit Tausenden von Jahren fast bis heute.
Du scheinst das gut zu finden, sagt sie spitz.
Es spielt keine Rolle, wie ich das finde. Es war so. Nicht umsonst findest du bei Theokrit die Verszeile „traurig wie eine Frau nach der Hochzeit“… und traurig war sie, weil der ihr Zugeteilte nicht der Erhoffte war. Freilich ist das Glück, das die Mädchen heute (noch!) bei uns haben, indem sie sich nicht nur den dritten, sondern auch den ersten Ehemann selber aussuchen dürfen, keinesfalls dauerhaft gesichert. Es gibt da auch bei uns deutliche Tendenzen … Du siehst ja, wie schnell es geht, daß die Regenbogenfahne – übrigens seit dem Bauernkrieg Symbol der Freiheit – nicht mehr wehen darf.
Mit den Fürstenhochzeiten hats dann nochmal eine ganz besondre Bewandtnis: Da hatten beide keine Wahl. Das war fast schon so was wie Geschlechtergerechtigkeit. Immerhin gings da um „höhere“ Interessen (was allerdings meist nur Interessen sich höher Fühlender waren). Die hethitisch-ägyptische Hochzeit damals besiegelte eine lange Friedensperiode. Wäre es nicht schön, daran beteiligt zu sein?
Nee, trotzdem, wendet sie ein, ich versetze mich immer in die Situation der Frauen, und wer weiß, was dieser Ramses für ein Ekel war…
Laß mal gut sein, sag ich, aufm Pharaonenthron hättest du dich am Ende auch ganz wohl gefühlt. Und umgeben von anderen schönen Fraun, angetan mit leichten seidigen Gewändern, umschmeichelt von edlen Düften hättest du auch eine gute Figur gemacht. Aber stell dir mal vor, du müßtest als Tochter von Herrn Trump den Genossen Putin heiraten …
Iiihhh nee – ich glaube jetzt brauch ich einen Whisky …
Thomas Gerlach


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