Radebeuler Miniaturen

Darfs ein Viertel mehr sein?

Januar – der Gott des Übergangs, der zwigesichtige Janus, schaut mit seinen Greisenaugen mißmutig zurück ins kahle schwarze Geäst der alten Bäume, während sich in seinem Jungengesicht schon das Wiederergrünen zu spiegeln beginnt.
Indessen schaut die Mittagssonne in leere Gläser. Im Winter kann sie das, im Sommer reicht sie kaum bis zum Tisch. Am Grunde der Karaffe beleuchtet sie nun eine Neige Rotwein.
Darfs noch ein Viertel sein?
Der aufmerksame Kellner bringt die wohlverpackten Reste der Haxe. Wir werden noch ein paar Tage davon zehren können.
Ach ja – ein Viertel noch – da macht Bruchrechnen wieder Spaß…
Schon aber schiebt sich eine schwarze Wolke vor die Sonne – also, so was von Schwarz gibt’s auch nur im Winter. Mit ihr triften die Gedanken ab. Bruch-Rechnungen haben auch ganz andere Seiten:
Im letzten Fünftel des ersten Viertels des einundzwanzigsten Jahrhunderts (also grade eben) wurde alles zertrumpelt und zertrampelt, was an Hoffnung und Zuversicht im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts gewachsen und in dessen fünftem Fünftel fast zum Blühen gekommen war.
Alles?
Alles!
Wir glaubten uns (und wenn ich „Wir“ sage, meine ich diesmal nichts weniger als die Menschheit als Ganze) schon sehr weit gediehen mit dem Vorhaben, die Clausewitzsche Lüge endgültig zu entlarven: Krieg ist eben nicht die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“! Krieg ist das Versagen der Politiker auf der Ganzen Linie.
Es war ein schöner Traum, nun aber ist dieser so verhängnisvoll verharmlosende Satz der Generalität wieder oft zitierte „schöne“ Selbstverständlichkeit geworden.
Ja, das damit verbundene Geschehen wird sogar als „Zeitenwende“ apostrophiert, obwohl es doch nichts als ein bedauerlicher Rückfall in die Barbarei ist wobei ich sogar fürchte, den „Barbaren“ damit Unrecht zu tun). Das großartige Friedensprojekt Europa droht zu scheitern; die vereinigten Nationalisten aller Länder aber glauben, gerade das feiern und ihre Groß-Reich-Träume wieder aufleben lassen zu können.
Janus aber hat es dennoch beginnen lassen, das zweite Viertel des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Mit seinem Greisengesicht blickt er zurück auf den Scherbenhaufen der Hoffnungen vieler Jahre. Vielleicht helfen ja seine Tränen wenigstens, das Grundwasserdefizit etwas auszugleichen.
Was sieht aber sein vorausblickendes Junges??
Es sieht, wie der Wind die Wolken auseinandertreibt, es sieht, wie es wieder hell wird im Raum.
Der Kellner schenkt Wein nach. Da lacht nicht nur die Sonne. Susanna schaut fragend zu mir herüber.
Ein Viertelchen noch, sag ich, und dann laß uns das neue Jahr irgendwie beginnen …

Thomas Gerlach, Winter 2025

schlechtbescheidenmittelmäßiggutexzellent (2 Wertung(en), Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...
21 Aufrufe

Kommentieren

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mittels * markiert.

*
*

Copyright © 2007-2026 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.