Wo geht die Reise hin?

Kollwitz Haus unter neuer Leitung

Ernst H. Gombrichs Buch „Die Geschichte der Kunst“ ist eine faszinierende Erzählung, die sich von den frühesten Höhlenmalereien bis zur modernen Kunst erstreckt. 413 farbige Abbildungen zeigen Werke der weltweit berühmtesten Künstler. Keine fünf Frauen sind unter ihnen vertreten. Tafel 368 zeigt das Blatt 1 „Not“ aus dem Zyklus „Ein Weberaufstand“ von Käthe Kollwitz. Dieses Beispiel zeigt, welche Stellung die weltberühmte Künstlerin in der Kunstgeschichte hat und wie schwer es als Frau in der Vergangenheit war, hinter der Leinwand und nicht vor ihr zu stehen.

Käthe Kollwitz wurde am 8. Juli 1867 in Königsberg (Preußen) geboren. Ihr Vater erkennt frühzeitig das zeichnerische Talent und lässt sie privat unterrichten. Ihren Durchbruch schafft sie mit dem Zyklus „Ein Weberaufstand“, für den die Künstlerin 1899 auf der Deutschen Kunstausstellung in Dresden die kleine Goldmedaille erhält. Zum Lebensmittelpunkt wird Berlin, wo ihr Ehemann Karl eine Hausarztpraxis unterhält. Sie wird als erste Frau Mitglied der Preußischen Akademie der Künste unter gleichzeitiger Verleihung des Professorentitels. Der zweite Weltkrieg zwingt Käthe Kollwitz zur Flucht. Auf Einladung des Prinzen Heinrich von Sachsen bezog sie zwei Zimmer im Rüdenhof, in dem die Künstlerin am 22. April 1945 verstarb.

Der Rüdenhof ist seit 1995 Gedenkstätte. Neben einer detaillierten Ausstellung zum Lebenswerk der Künstlerin kann auch ihr Sterbezimmer im Obergeschoss besichtigt werden. Sabine Hänisch leitete über 20 Jahre das Haus und ergänzte die Ausstellung durch vielseitige museumspädagogische Angebote.

Im Dezember 2025 zog Friederike Wannrich als neue Geschäftsführerin ein. Sie ist 42 Jahre alt, Diplom-Sozialpädagogin und absolvierte berufsbegleitend einen Master in General Management. In den vergangenen Jahren war sie als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Fundraiserin und Marketing-Expertin tätig.

Frau Wannrich, was ist das Käthe Kollwitz Haus und was erwartet dort die Besucher?

„Das Haus besitzt eine einmalige Atmosphäre. Der Geist von Käthe Kollwitz ist hier noch immer spürbar. Somit ist es völlig klar, dass der Rüdenhof Gedächtnisort ist und bleibt, der das Leben und die Kunst von Käthe Kollwitz erlebbar macht. Unsere Dauerausstellung umfasst fünf Räume, in denen chronologisch Werke vom Weberaufstand bis hin zu Holzschnitten und Plastiken besichtigt werden können. Zudem befindet sich ein Bereich für Sonderausstellungen im Erdgeschoss.“

Ist es richtig, dass die Ausstellung verändert werden soll?

„In den vergangenen drei Jahren wurden Konzepte erstellt, die darauf zielen, das Haus international bekannter zu machen. Auch das Thema Barrierefreiheit spielt in den Expertisen eine Rolle. Ich würde sogar noch weiter gehen und die Punkte um das Stichwort Familienfreundlichkeit erweitern.“

Was bedeutet das konkret?

„Wir werden einen Handzettel in weiteren Sprachen entwickeln und die Marketingmaßnahmen entsprechend erweitern. Mein Büro zieht ins Nebengebäude, so dass im Erdgeschoss des Ausstellungshauses zusätzliche barrierefreie Angebote integriert werden. Die Technik, mit der Käthe Kollwitz gearbeitet hat, soll an Mitmachstationen erklärt werden. Kinder finden es in der Regel langweilig, still und ruhig Bilder zu betrachten. So können sie sich praktisch mit dem Zeichnen und der Druckkunst beschäftigen.“

Gibt es auch inhaltliche Neuausrichtungen?

„Die Themen Flucht, Krieg und Demokratie haben im Moment zu wenig Raum. Nachdem Käthe Kollwitz ihren Sohn Peter im ersten Weltkrieg verlor, setzte sie sich mit ihren Werken intensiv damit auseinander, was es vor allem für eine Mutter bedeutet, das eigene Kind zu verlieren. Ich möchte neue kreative Angebote für Schülergruppen entwickeln, die sich mit der Wahrung des Friedens beschäftigen. Wie kann es sein, dass die Familie von Prinz Heinrich in ihrem Haus in Moritzburg zunächst Flüchtlinge aufnimmt und versorgt, kurze Zeit später selbst flüchten muss. Und das ist noch keine 100 Jahre her.“

Wie steht es finanziell um das Käthe Kollwitz Haus?

„Wie jede Firma, jedes Museum, jede Privatperson spüren auch wir enormen finanziellen Druck. Wir haben verlässliche Förderer, benötigen aber neben den Einnahmen aus Eintritt, Führungen und Veranstaltungen Projektmittel und Spenden. Es gibt einen Freundeskreis, der uns mit den Mitgliedsbeiträgen jährlich unterstützt. Hier freuen wir uns über neue Mitglieder und laden herzlich ein, der Käthe-Kollwitz-Fangemeinde beizutreten. Natürlich freuen wir uns auch über jede Einzelspende. Derzeit läuft ein Spendenaufruf auf unserer Website. Auch das Anmieten unseres Veranstaltungsraumes ist möglich, dessen Einnahmen zum Erhalt des Hauses beitreten.“

Frau Wannrich, ich danke Ihnen für Ihre Gedanken und Ideen und wünsche für alle anstehenden Vorhaben gutes Gelingen!

Sascha Graedtke

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