Zur Reihe: Als die Läden noch die Namen von Leuten trugen

Läden meiner Kindheit

Meine Kindheit verlebte ich zusammen mit Eltern und drei jüngeren Geschwistern ab 1960 in Radebeul West auf der Wilhelm-Busch-Strasse. Bei einem großen Haushalt war es für uns Kinder selbstverständlich verschiedene Aufgaben zu übernehmen, um die Mutter zu unterstützen. Dazu zählte auch das Besorgen von Lebensmitteln. Einkaufen war in dieser Zeit völlig anders als heute. Es gab in unserer Nähe mehrere kleine, spezielle Läden. Alle waren gut zu Fuß oder mit unserem Roller zu erreichen.
Gleich rechts um die Ecke auf der Meißner Straße hatte der Schuster Schloms sein Geschäft. Bei einem 6-Personen-Haushalt gab es oft mal kaputte Schuhe zu flicken. Der Laden war klein und eng und es roch immer sehr intensiv nach dem Schuhkleister. Unglaublich, diese Arbeitsbedingungen.
Sehr oft hatten wir auch in dem Laden der drei älteren Schwestern Isaac etwas einzukaufen. Er befand sich an der Meißner Straße, kurz vor der Einfahrt zur Käthe-Kollwitz-Strasse. Das war ein sehr interessanter Laden, mit hohen braunen Holzregalen voller beschrifteter Schubkästen. Auf dem Tresen standen Bonbongläser mit verschiedenen bunten Leckereien, und auch Lackritze war dabei. In meiner Erinnerung war der Laden sehr voll mit den verschiedensten Waren. Das Meiste gab es lose. Die gewünschten Waren wurden abgewogen und in Papiertüten verpackt. Manchmal brachten wir auch unsere eigenen Gefäße und Flaschen mit.
Es war so eine Art „Tante-Emma-Laden“, es gab da fast alles, z.B. Malzbier, Essig, Waschpulver, Gewürze, div. Hygieneartikel. Die Schwestern waren stets freundlich und emsig. Manchmal stellten sie etwas zurück, wenn sie wussten, dass wir das gern kaufen wollten. Auch am Wochenende konnte man, natürlich nur ausnahmsweise, mal bei ihnen klingeln und um etwas bitten, was der Mutter gerade in der Küche fehlte.
Neben der ehemaligen Post gab es viele Jahre ein Fischgeschäft. Dort residierte die Fisch-Regine, eine kräftige, blonde Frau mit weißer Gummischürze. (Leider erinnere ich mich nicht mehr an ihren richtigen Namen.) Solche Fischgeschäfte gibt es heute gar nicht mehr. Am interessantesten für uns Kinder war ein Wasserbecken, in dem Fische herumschwammen. Die Hausfrauen konnten sie ganz frisch erwerben, sofort schlachten lassen oder lebend in einem Eimer nach Hause tragen. Ich erinnere mich, dass manchmal ein Karpfen in unserer Badewanne schwamm.
Brötchen und Brot kauften wir bei der Bäckerei Drechsel auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Immobiliengeschäft). Ganz besonders begehrt waren die Fettbrötchen, Sie hatten eine etwas längliche Form und einen besonders guten Geschmack.
Das Milchholen gehörte auch zu unseren Aufgaben. Der Milchladen war auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Blumenladen). In diesem Laden wirbelte die kleine Frau Gundermann herum. Sie füllte uns mit einem großem Metall-Maß Vollmilch oder Buttermilch aus den großen Milchkannen in unsere kleineren 1-Liter-Alu-Milchkannen. Auch die Kaffeesahne „Immergut“ und gute Butter gab es bei ihr. Anfangs wurden Kaffeesahne und Butter auf einer kleinen, blauen Pappkarte, die wir vorweisen mussten, registriert. Sie waren noch rationiert.
Die volle Milchkanne wurde dann meist an die Lenkstange des Rollers gehängt und ab ging es nach Hause. Wenn wir andere Kinder trafen, machten wir manchmal ein Wettspiel: Deckel ab von der Milchkanne und ganz schnell herumschleudern, es lief i.d.R.! keine Milch aus der Kanne!
Gleich daneben befand sich der Gemüseladen. Rotkraut, Weißkraut, Sauerkraut, Möhren, Äpfel und Kartoffeln kauften wir dort oft. Südfrüchte gab es damals nicht (nur manchmal in der Weihnachtszeit)
Fleisch und Wurst kaufte unsere Mutter selbst beim Fleischer Leschke auf der Moritzburger Straße, jetzt ist dort immer noch ein Fleischwarengeschäft. Manches musste bestellt werden, besonders Fleisch, es gab ja nicht immer alles.
Alle Einkäufe wurden nach Hause getragen, schwere Sachen transportierten wir mit dem sogenannten Rollfix, einem kleinen Handwagen. So war das damals üblich. Manche Leser erinnern sich sicher noch daran.

Barbara Heinrich

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