Erinnerungen an den Puppenspieler und Regisseur Carl Schröder

In meinem Schreibtisch gibt es mehrere Schubladen, die sind angefüllt mit Fotos und Briefen voller Erinnerungen. In großen zeitlichen Abständen fordert die Größe der Schubkästen eine Inventur. Die nasskalten Tage des neuen Jahres sind wie geschaffen dafür in der Vergangenheit zu kramen, mit dem Ziel, den Inhalt zu reduzieren und Platz für Neues zu gewinnen. Das dauert immer viel länger als gedacht. Erinnerungen beanspruchen Raum und Zeit. Manche Ereignisse verblassen mit den Jahren, es fehlt der Schlüssel für die Erinnerungen, das sind die „Platzmacher“. Bei dieser manchmal auch wehmütigen Beschäftigung fiel mir dieser Tage eine kleine ordentlich gefaltete Mappe in die Hand. „Für Familie Aust, dankend von Carl Schröder XII./82.“ steht darauf. Der Inhalt sind Fotos, selbst entwickelte schwarzweiß Aufnahmen von seiner Ausstellung „Ein Leben mit Puppen“, die im Herbst 1982 im Erdgeschoss des Lusthauses Hoflößnitz zu sehen war. Diese Fotos waren mir ein Katalysator für das Erwachen einer ganzen Reihe schönster Erinnerungen an Carl Schröder, meist im Umfeld der Hoflößnitz, angefangen mit dem gemeinsamen Aufbau seiner Puppenspiel-Ausstellung, wovon die Aufnahmen erzählen. Und die Gedanken spazierten weiter zu einer kleinen, einem fröhlichen Volksfest gleichenden Feier, anlässlich seines 80. Geburtstages und den ganz zufälligen Begegnungen, wenn man Karin und Carl Schröder bei Spaziergängen oder einem Glas Wein auf diesem geliebten Areal traf.

Ulrich Aust im Dresdner Zwinger, 1989
Foto: Fam. Aust


Unser gemeinsames Kennenlernen begann erst zu einer Zeit, in der die über die Landesgrenzen hinaus international verehrte und bekannte Puppenspielerlegende schon weit auf seinem Lebensweg vorangeschritten war. Sein Alter aber wurde zur Nebensache, wenn man ihn erlebte. „Ich verliebte mich spontan in diesen Mann…“, erzählte mir seine Frau Karin Schröder, die er nach dem Tod seiner ersten Frau Henriette, seiner langjährigen treuen Puppenspielbegleiterin, heiratete.

Am 8. Februar 2017 jährt sich sein 20. Todestag. Das ist ein Anlass, sich dieser schönen vergangenen Zeit zu erinnern und anderen darüber mitzuteilen.

„Alle Kunst ist der Freude gewidmet und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken“ (J.C.F. v. Schiller). Entsprechend dieser Worte lebte Carl Schröder mit großer Freude und ebensolcher Ernsthaftigkeit. Und so erlebten wir ihn auch bei den Vorbereitungen für seine Ausstellung „Carl Schröder – Ein Leben mit Puppen“.

Bild: Fam. Schröder


Der Umstand, dass mein Mann die umfassende Sanierung der Erdgeschossräume des Lusthauses von1977 bis 1985 baulich leitete und betreute, hatte zur Folge, dass wir auch bei den verschiedensten Ausstellungen sehr oft unterstützend mit Rat und Tat geholfen haben.

Der Weg über die Straße war nicht weit, um Bretter, Draht, Strick aus unseren Beständen herbei zu bringen und so wuchsen wunderschöne Ausstellungen, meist bis weit in die Nacht hinein. Es gab kaum Vorplanungen, Vitrinen wurden improvisiert, ausgeliehen und mehrfach, immer neu kaschiert, wieder verwendet, denn für die wechselnden Ausstellungen waren kaum Gelder vorgesehen. Und doch wurden es stets interessante und anspruchsvolle Ausstellungen.

Carl Schröder, der Künstler selbst, war zupackend mittendrin, freundlich aber auch kritisch, bescheiden, aber auch fordernd. Auf einer Tafel zu seiner Biographie gab es ein sehr eindrückliches Foto, das den Künstler als kleinen Jungen zusammen mit seinen Eltern im Korb eines Heißluftballons zeigt. Man sieht es dem Ballon an, dass er nur auf Pappe gemalt ist, so groß, dass er nur angeschnitten Platz auf dem Foto fand. Aber das war egal. Ihm war dieses Foto wichtig und uns brachte es auf eine schöne Idee für die Ausstellungseröffnung.

Während ich viele Meter Stoff zusammennähte, schweißte mein Mann einen gewaltigen Eisenring zusammen von mehr als 2m Durchmesser. Gerade so groß wie unser großer Gartentisch. Mit meiner transportablen Nähmaschine aus dem Westen vernähte ich, mehrfach um den Tisch wandernd den Ring mit dem Stoff. Das funktionierte wunderbar, anschließend bemalten wir unseren eindimensionalen Ballon wie wir uns einen Heißluftballon vorstellten. Ein alter Wäschekorb und –leinen fanden sich auch und so bauten wir vor dem Lusthaus der Hoflößnitz unseren Korb auf, spannten mit den Wäscheleinen die große Ballonscheibe zwischen die Bäume und vertäuten sie mit dem Korb. Vor alles stellten wir eine Tafel, auf der zu lesen stand, zu welcher Uhrzeit Carl Schröder mit dem Ballon in die Lüfte steigen wird.

Ihm zu Ehren war viel Volk unterwegs, die Stimmung war heiter und ausgelassen. Unser „Ballon“ war schon allein durch seine Größe auffällig. Man drängelte sich, um zu erfahren, was es mit all dem auf sich habe. Was anfangs nur eine lustige Überraschung für Carl Schröder sein sollte, wurde zum großen Vergnügen vieler. Als mein Mann in vollem Ernst gefragt wurde, ob auch andere Personen mitfliegen dürften, kannte unsere Freude kaum noch Grenzen. Nein, natürlich nicht und sie sollten bitte nicht so nah an die Leinen gehen, weil sonst der Ballon unbeabsichtigt und unkontrolliert vor der Zeit aufsteigen könne…

Endlich war es soweit, Carl Schröder stieg in den Korb, lächelte freundlich nach allen Seiten grüßend, winkte… es wurden viele Fotos gemacht… und er stieg wieder behände aus dem Korb heraus.

Carl Schröder mit seinen Eltern, Dresdner Vogelwiese, um 1908
Foto: Fam. Schröder


Ich habe leider nur noch die Erinnerung ohne Foto, aber vielleicht gibt es ja auch noch bei anderen Schubladen mit Erinnerungsbildern?

Carl Schröder liebte die verträumte Atmosphäre der Hoflößnitz und fühlte sich dort ausgesprochen wohl. Aus diesem Grunde fand hier auch die wunderschöne Feier seines 80. Geburtstages statt. Im Juni, bei schönstem Sommerwetter mit Puppenspiel und vielen Gästen, tummelte sich ein vergnügtes Volk auf den Wiesen, unter den Kastanien und um den frisch verheirateten glücklichen Jubilar.

Carl Schröder, Herbst 1982
Foto: Stiftung Hoflößnitz


Das alles ist lange Vergangenheit, nichts bleibt wie es war. Und doch lobe ich mir den reichen Inhalt meiner Schubladen, der mir Rückblicke ermöglicht in kleine Welten von gestern oder vorgestern, allein durch eine Fotomappe.

Ich habe mir vorgenommen, wichtige emotionale Nachrichten zukünftig wieder öfter auf Papier und weniger digital zu verschicken. Was soll sonst aus meinen Schubladen und den schönen Erinnerungen werden?

Elisabeth Aust

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