Dem Frieden auf der Spur

Über Namen, die man ernst(er) nehmen sollte

»Haus Friedeborn«, Weinbergstraße 36
Foto: S. Graedtke

Am Heiligabend werden sie wieder voll sein, die Kirchen. Dieses eine Mal im Jahr zieht es mehr Menschen dahin als zu den anderen Festtagen wie Ostern oder Pfingsten, ganz zu schweigen von den normalen Sonntagen. Warum ist das so? Die einen gehen, weil „das eben zu Weihnachten dazugehört“. Andere, weil sie die besinnliche, stimmungsvolle Atmosphäre schätzen und sich inmitten des Trubels dieses Tages eine Stunde lang in der Kirche Ruhe und Innehalten verschaffen wollen. Und dann gibt es natürlich auch noch die regelmäßigen Gottesdienstbesucher, die aktiven Christen, die gehen zu Weihnachten sowieso. Was auch immer die Beweggründe für einen Kirchbesuch sein mögen, allen wird an diesem Tag durch Wort und Gesang gleichermaßen verkündet, dass die Geburt Jesu die Menschwerdung des „Friedensfürstes“ bedeutete und Gott Jahr um Jahr dieses Heilsversprechen den Menschen gegenüber erneuert. Auch in wenigen Tagen wird es wieder so zu hören sein. Ich kann mir vorstellen, dass das für viele Zeitgenossen ein ziemlich abstrakter Gedanke ist. Denn fragen sich nicht insbesondere viele Erwachsene, wie man die Weihnachtsbotschaft vom „Frieden auf Erden“ mit der Realität unserer Zeit in Einklang bringen kann? Mir ging es jedenfalls in den letzten Jahren auch oft so. Der Friede im Kleinen wie im Großen, an den wir so gern glauben möchten, den wir herbeisehnen, den wir brauchen und ohne den alles nichts ist, scheint – ist er tatsächlich einmal erreicht – uns gleich wieder zu entgleiten, sich aufzulösen, zu vergehen. Man könnte mutlos darüber werden, würde nicht der „Friede“ an vielen Orten heraufbeschworen, in Radebeul etwa an vielen Stellen buchstäblich in Stein gemeißelt sein. Denn einige Straßen und nicht wenige Häuser tragen Namen, die wir womöglich einmal bewusster wahrnehmen sollten. Denn Namen sind eben nicht Schall und Rauch, sondern werden überwiegend sorgsam gewählt und verliehen, denn ihre Bedeutung soll im besten Fall vom Bezeichneten ausstrahlen.

Foto: S. Graedtke

Folgen Sie mir doch einmal in Gedanken von der Straße des Friedens in Serkowitz quer durch die Stadt über Oberlößnitz, Niederlößnitz nach Naundorf zur Friedsteinstraße. Es geht zuerst hinan Richtung Weinberge, dann vom Augustusweg in die Friedlandstraße der Bennostraße zu. Wenige Schritte nur sind es bis zur Nummer 11, dem „Haus Friedland“. Wie sehr wünschte man, dass das „Land“ ein möglichst großes sei, für das dieses Haus den Frieden bezeugt. Und weiter geht es auf die Weinbergstraße. Das Haus Nr. 36 trägt den verheißungsvollen Namen „Friedeborn“. Was für ein Segen müsste allein von diesem Haus ausgehen, wenn es seinem Namen alle Ehre machte! Westwärts schreitend und nach dem Tal wieder hinauf geht es am Krankenhaus vorbei zur Karl-Liebknecht-Straße, auf der unter der Nummer 13 die „Villa Friedheim“ geführt wird. Wie behaglich müsste es dort zugehen, wie gern würde man dort einmal zu Gast sein, um der Wirkung des Namens nachzuspüren! Den Blick nach Norden wendend kommt die „Friedensburg“ ins Blickfeld, die seit einigen Jahren leider für alles andere als für Frieden steht. In ihrem Namen werden zur Zeit zwischen Eigentümer und Stadt Radebeul Gerichtsprozesse geführt, Verfügungen erlassen, Unterlassungsklagen zugestellt. Sollte man sie nicht also, bis zur abschließenden Klärung des Verfahrens, gerechterweise „Streitburg“ nennen? Wie gesagt, es geht ja um die Achtsamkeit im Umgang mit Namen… Um wie viel angenehmer ist es da, auf der Winzerstraße 73 eine sanierte Villa in den Blick zu nehmen, die in Anlehnung an den bekannten Künstler und Architekten Hundertwasser den Namen „Friedensreich“ trägt! Man will ja nicht vermessen sein und zu Großes wünschen, aber ein Friedensreich verspricht eine beträchtlich ausgedehnte befriedete Fläche! Wenn es den Namen nach geht, erreicht man alsbald das friedvolle Zentrum Radebeuls: Rechterhand bergaufwärts am Professor-Wilhelm-Ring das Haus „Altfriedstein“, geradeaus die Straße „Neufriedstein“, schließlich das Berghaus „Neufriedstein“, das allerdings auf der Mohrenstraße liegt, was einen steilen Anstieg erfordert. Von der nebenan gelegenen Sternwarte hat man einen tollen Blick auf die Stadt, aus dem Dächermeer Kötzschenbrodas ragt der Turm der Friedenskirche heraus, deren Namensgebung bekanntlich auf ein historisches Ereignis zurückzuführen ist und die wie kein zweites Bauwerk Radebeuls mit ihrer Geschichte für die Bedeutung des Friedens als Bedingung für das Gedeihen und Wachsen von Gesellschaft steht. Über den Jakobstein hinab geht es nun noch zur Friedsteinstraße, die schließlich auf die Meißner Straße mündet.

»Haus Friedland«, Bennostraße 11
Foto: S. Graedtke

Ich bin mir sicher, dass dieser Spaziergang, der quer durch Radebeul führt und (vielleicht auch für Sie) überraschend viele Frieden verheißende Orte streift, zu jeder Jahreszeit gut tut; nicht nur an den Weihnachtstagen, um nach einem üppigen Mal den Kreislauf in Schwung zu bringen. Und übrigens: Muss man nicht ab und an mit sich selbst Frieden in bestimmten Angelegenheiten schließen? Wie könnte das besser gelingen als in Bewegung an der frischen Luft?! Der biblischen Überlieferung nach waren auch die Hirten auf dem Feld damals zu Fuß unterwegs, ebenso später die Heiligen Drei Könige. Vielleicht hat das ja etwas zu bedeuten: Frieden findet man nicht, indem man eilt. Frieden in sich und in der Welt zu finden braucht Zeit. Nehmen wir uns diese doch, um zum Beispiel ganz bewusst einen Spaziergang zu Weihnachten durch unser dann hoffentlich ganz besonders friedliches Radebeul zu machen.

Bertram Kazmirowski

Wertvolle sachliche Hinweise zu diesem Thema gab mir mein geschätzter Redaktionskollege Dietrich Lohse, der sich wie kein Zweiter mit Baudenkmälern und besonderen Gebäuden in Radebeul auskennt.

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