„Bethesda“ in Niederlößnitz Zur Geschichte des Krankenhauses in Radebeul

Wenn wir das Wort „Krankenhaus“ hören, denken wir in erster Linie an die Funktion, die eine solche Einrichtung übernimmt; daran, dass man sich hier um die Gesundheit schwer erkrankter oder durch einen Unfall aus dem alltäglichen Leben herausgerissener Menschen sorgt. Sicher möchte keiner von uns die Betreuung, die das heutige Gesundheitswesen gewährleistet, mit dem Stand von vor über hundert Jahren tauschen. Gerade der Blick auf die Geschichte der Medizin macht deutlich, wie sehr sich unsere Vorstellung von der Krankenpflege gewandelt hat. Nicht zuletzt drückt sie sich – für alle sichtbar – auch in den Krankenhausbauten vergangener und jetziger Zeit aus. Auf dem Krankenhausgelände in Radebeul lässt sich diese Entwicklung ablesen: Neben dem neuen, 1994 eingeweihten Gebäude, befindet sich das alte Haupthaus der Einrichtung, ein 1879 vollendetes Bauwerk der Radebeuler Architekten Gustav und Moritz Ziller. Seit April 2001 wird an seiner Sanierung gearbeitet, was Anlass dazu bietet, über die wechselvolle Geschichte der Einrichtung nachzudenken.

krankenh-radeb_1-2002
Ihre Anfänge liegen in einer 1849 gegründeten Wohltätigkeitseinrichtung. Diese „Krankenstation für Lößnitz und Umgebung“ befand sich im sogenannten Steinernen Haus, der heutigen Apotheke an der Heinrich-Zille-Straße. Hier wurden mittellose Patienten uneigennützig betreut.(1) Die Finanzierung erfolgte ausschließlich durch Mitgliederspenden und Sammlungen. Die steigenden Kosten konnten bald nicht mehr getragen werden und wirtschaftliche Nöte gehörten zum Alltag der Einrichtung. Die Situation änderte sich im Jahr 1863, als das „Steinerne Haus“ von der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Dresden erworben wurde. Der Ankauf war die Konsequenz der fortwährenden Vergrößerung und damit einhergehenden Raumnot des knapp 20 Jahre zuvor gegründeten Diakonissenkrankenhauses. Als besonderen Mangel empfand man es, dass Patienten mit unheilbaren Krankheiten nicht aufgenommen werden konnten. Diese „Siechen“, chronisch kranke und altersschwache Frauen und Männer, aber auch geistig und körperlich behinderte Kinder, sollten von nun an in Niederlößnitz versorgt werden. Nach einigen Umbauarbeiten am „Steinernen Haus“ konnte die Einrichtung als Siechenhaus „Bethesda“ im September 1863 eingeweiht werden. Der Name, den man der neuen Gründung gab, geht auf ein biblisches Gleichnis zurück (Joh. 5, 1-8). Hier wird von der Heilung eines Gelähmten berichtet, die sich am See Bethesda in der Nähe von Jerusalem zugetragen hat.
Die Niederlößnitzer Einrichtung vergrößerte sich stetig.(2) Die Räumlichkeiten des Steinernen Hauses waren längst erschöpft, schon 1864 hatte man das nach Süden angrenzende Grundstück an der Borstraße erworben, in der Folge weitere benachbarte Gelände mit den darauf befindlichen kleineren Anwesen angekauft. So war es möglich geworden, die mittlerweile angewachsenen Männer-, Frauen- und Kinderabteilung voneinander zu separieren. Die Grenzen des Krankenhausgeländes wie wir es heute kennen sind schon damals abgesteckt worden. Das Erscheinungsbild der Anlage war freilich ein ganz anderes. Alte Ansichten zeigen weitläufige Felder, Gemüsebeete und Obstwiesen, Ställe für die Viehwirtschaft, Scheunen und Schuppen. Der landwirtschaftliche Betrieb, geleitet von einem Wirtschaftsvogt und einer eigens dafür angestellten Wirtschaftsdiakonissin, war für die Versorgung der Krankenhausinsassen notwendig.(3)
Bereits seit 1873 trug man sich mit dem Gedanken an einen Neubau und hatte einen Fonds für seine Finanzierung angelegt. Die Grundsteinlegung erfolgte im April 1878. Mit der Planung und Ausführung war die in Radebeul bekannte Baufirma der Gebrüder Ziller beauftragt. Am 7. September 1879 konnte das Gebäude geweiht und seiner Bestimmung übergeben werden. Feierlich wurde dieser Tag mitsamt aller Insassen begangen. „Schon frühe regte und bewegte es sich im neuen Bethesda“, beschreibt Pastor Molwitz, der Rektor der Dresdner Diakonissenanstalt, den Tagesablauf, „denn die lieben Siechen wollten gern alle bis zum Anfang des Gottesdienstes fertig und bereitet sein, und es ist keine Kleinigkeit, Alte, Zitternde, Gebrechliche. Blinde, Gelähmte (und) Schwachsinnige … bis vormittags 1/2 9 Uhr zu kleiden und zu versorgen.“(4) Weiter wird das neue Gebäude beschrieben: „Da stand es vor uns, ein fünfteiliges Ganzes, jedem sagend, dass bei dem Entwurfe dieses Bauplanes sinnreiche Gedanken und praktische Erfahrungen zusammengewirkt haben. Fünf Hallen hatte Jerusalems Bethesda, fünf Teile zählte das unsrige.“ Mit dem Entwurf des „fünfteiligen“ Bauwerks folgten die Gebrüder Ziller einem im Krankenhaus gebräuchlichen Schema, wie es beispielsweise Gottfried Semper in dem 1837/38 errichteten Maternihospital in Dresden umgesetzt hatte.(5)

krankenh-radeb_1-1-2002Betrachtet man die Frontalansicht des Radebeuler Gebäudes, erschließt sich schnell die Gliederung des langgestreckten Baukörpers in drei giebelbekrönte Bauglieder seitlich und in der Mitte und die sie verbindenden Flügelbauten. Architektonische Schmuckformen sind rar – das entsprach der Bauaufgabe, aber auch dem Zeitgeschmack. Die Zweckmäßigkeit und Nüchternheit des Krankenhauses wurde in den zeitgenössischen Berichten immer wieder besonders gerühmt.(6) Gegenüber dem bereits genannten Maternihospital in Dresden oder dem später, 1890 – 93, errichteten Diakonissenkrankenhaus an der Holzhofgasse, wählten die Gebrüder Ziller den sogenannten Rundbogenstil für das Krankenhaus in Radebeul, das so von ferne an Bauwerke der italienischen Frührenaissance erinnert.(7) Ein besonderes Kennzeichen des Gebäudes sind die Loggien in den Verbindungsflügeln mit großen hallenartigen Öffnungen. Alle Fenster des Gebäudes sind rundbogig geschlossen und werden von einem Blendbogen überfangen. Der Mittel- und die Seitenflügel sind durch Lisenen gegliedert, die Giebel durch treppenartige Rundbogenfriese. Der mittlere Bauteil ist besonders hervorgehoben, er wird von einem Glockentürmchen bekrönt, die mittlere der drei Achsen zeigt gekuppelte Fenster und über dem Hauptportal erhebt sich ein Blendgiebel. Diesem hervorgehobenen Teil entspricht die Innenraumgliederung: Hier befindet sich die Kapelle. Durch ihre zentrale Lage wird der Stellenwert, den die Diakonissenanstalt der Verkündigung des Wortes Gottes und der seelsorgerischen Betreuung der Patienten beimaß, eindrücklich vor Augen geführt. Die Kapelle fasst in ihrer Höhe alle drei Stockwerke zusammen. Die angrenzenden Krankensäle im ersten und zweiten Stockwerk waren durch Fensteröffnungen mit dem Raum verbunden, so dass auch die bettlägerigen Patienten den Gottesdienst verfolgen konnten. Eine Apsis im Süden, die Ausmalung, farbige Fenster und die Einrichtung mit einer festen Bestuhlung, Altar und Kanzel zeichneten die Kapelle aus.
Vom Tage seiner Einweihung an diente das Bauwerk über einen Zeitraum von etwa 100 Jahren als Hauptgebäude des Radebeuler Krankenhauses, das seine ursprüngliche Bezeichnung als „Siechenhaus“ bald verlor.(8) Oft war die wirtschaftliche Situation der Einrichtung nicht zum Besten bestellt. Besonders hart war die Zeit des ersten Weltkrieges, wo selbst die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln problematisch wurde.(9) Schwerwiegender für die Geschichte des Krankenhauses waren die Einschnitte, die der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg mit sich brachten. Im Juli 1941 erging der Räumungsbefehl der Wehrmacht – hinter dieser nüchternen Aussage verbirgt sich das nicht nachzuvollziehende Leid der Insassen, über deren Schicksal nur Mutmaßungen angestellt werden können. Im Archiv des Diakonissenkrankenhauses befinden Aufzeichnungen von Zeitzeugen über den Verbleib der Patienten. Sie ergeben jedoch nur, dass ein Teil von ihnen in Altersheimen untergebracht werden konnte, einige nach Kleinwachau gebracht wurden und andere, unter ihnen zahlreiche Schulkinder, in das Lager Großschweidnitz, wo sie durch Giftspritzen getötet worden sind.(10)
Das Radebeuler Krankenhausgebäude diente während des Krieges ab 1941 als Lazarett der Wehrmacht, ab 1942 als Seuchenlazarett. Nach dem Kriegsende wurde unter völlig unzureichenden Bedingungen weiter gearbeitet. Im Jahr 1945 wurde das Krankenhaus an die Stadt Radebeul verpachtet, die Diakonissen wurden weiter als Pflegerinnen beschäftigt. 1946 wurde das Krankenhaus von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen, sämtliche Einrichtungen wurden provisorisch bis 1948 auf die „Wettinhöhe“ verlegt. In den Jahren vor 1950 liegen die Anfänge des staatlichen Gesundheitswesens in Radebeul, das kontinuierlich ausgebaut wurde. Ab 1947 wurde die Poliklinik auf der Zillerstraße 13 eingerichtet, ab 1948/49 begann der Wiedereinzug in das Krankenhausgebäude. Seit 1950 war das alte Hauptgebäude der Baumeister Ziller als Haus 1 des Krankenhauses wieder in Benutzung. Hier wurden die Stationen der Inneren Klinik untergebracht sowie die Röntgenabteilung, Labor und Physiotherapie.
Die Kapelle wurde seit 1951 für einen kurzen Zeitraum auf Patientenproteste hin wieder als Andachtsraum genutzt.(11) Mit dem Abzug der Diakonissen im Jahr 1965 wird die ursprüngliche Funktion des Raumes mehr und mehr geschwunden sein. Im Jahr 1974 verkaufte die Diakonissenanstalt die Einrichtung an die Stadt Radebeul und man begann mit der Errichtung des neuen Bettenhauses. 1979 konnte es eingeweiht werden. Seitdem waren im ehemaligen Hauptgebäude nur noch Verwaltungsräume und Teile der Psychatrie untergebracht. Wer das alte Krankenhaus in späterer Zeit durch den Mitteleingang betrat, lief durch einen hohen, düsteren Raum, in dem ein schmaler Mittelgang zum Bettenhaus führte. Hinter den Stellwänden wurden Röntgenbilder archiviert. Als Kirchenraum war er kaum noch erkennbar. Gemeinsam mit der Sanierung des ehemaligen Hauptgebäudes, in das ein Teil der Psychatrie einziehen soll, wird auch die Kapelle in ihrer ursprünglichen Funktion als Andachtsraum wieder errichtet. Sie soll offenstehen für jeden, der sich aus dem Alltag des Krankenhauslebens zurückziehen möchte. Mit der Renovierung der Kapelle wird dem Krankenhaus sein ehemaliges Zentrum zurückgegeben. Damit wird deutlich gemacht, dass man heute wie damals an die heilende Kraft von Ruhe und Besinnung glaubt, und dass man weiß, dass die Pflege der körperlichen Gesundheit auch die geistige einschließen muss.
Magdalene Magirius

(1( Kleber, Dorothee: Zur Chronik des Krankenhauses. Das „Steinere Haus“ 1849 – 1999: Das erste Haus im Krankenhaus und seine Entwicklung,
in: Vorschau und Rückblick, November 1999,
S. 2 – 7
(2) Die Zahl der Patienten hatte sich innerhalb von zehn Jahren von 9 im Gründungsjahr 1863 auf 21 erhöht.
Vgl. dazu: Molwitz, P.: Jubiläumsbericht über die Entstehung des Siechenhauses Bethesda, Dresden 1888, S. 10 – 14
(3) 125 Jahre Krankenhaus Radebeul – Chronik der Gesundheitseinrichtung von 1863 bis 1988, Radebeul 1988, erarbeitet von Sabine Vosahlo, S. 10
(4) Molwitz 1888 (wie Anm. 2), S. 19
(5) Vgl. dazu: Helas, Volker: Maternihospital in Dresden, in: Gottfried Semper zum 100. Todestag, Semperehrung 1979/80, Dresden 1980, S. 251 f.
(6) So im „Lokalblatt“, das Molwitz (1888, wie Anm. 2, S. 23) zitiert: „Auf Schritt und Tritt überrascht die Einrichtung des Siechenhauses durch äußerste Zweckmäßigkeit (und) große Einfachheit …“

(7) Ein Krankenhausbau im „Rundbogenstil“ entwarf Semper 1844 für Bukarest. Vgl. dazu: Helas (wie Anm. 5), S. 252f.
(8) Viele Krankheiten, wie zum Beispiel die Tu-
berkulose, galten am Ende des 19. Jahrhunderts grundsätzlich als heilbar, die Kranken al-
so nicht mehr als „Sieche“. Vgl. dazu: Bethesda, Seine Geschichte 1863 – 1913 und
der Tag seines 50jährigen Jubiläums, 1913, 20 – 23
(9) 75 Jahre Bethesda, in: Kleine Chronik der ev. luth. Diakonissenanstalt zu Dresden, Jahrgang 63 (Sondernummer), Oktober 1938, S. 9
(10) Die Aufzeichnungen wurden von Schwester Edith Haufe zusammengestellt. Für ihre Auskünfte sei ihr an dieser Stelle ganz herzlich gedankt. Zu diesem Zeitabschnitt auch: Vosahlo 1988 (wie Anm. 3), S. 25
(11) Vosahlo, Sabine: Entwicklung der gesundheitlichen Betreuung im Raum Radebeul von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Diss. Dresden (masch.) 1989, 76
Herr Pfarrer Gehrt teilte mit, dass noch im Jahr 1966 in der Kapelle die Ordinierung der Pastorin Frau Ellen Brader stattfand.

 

schlechtbescheidenmittelmäßiggutexzellent (Noch nicht bewertet)
Loading...
1.561 Aufrufe

Kommentieren

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mittels * markiert.

*
*

Copyright © 2007-2019 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.