»Damit der Volksmund Recht behält…«

Die Spitzhaustreppe ist die – nach Länge und Höhenmetern – größte barocke Treppenanlage Sachsens und inzwischen weit über Radebeul hinaus auch als Marathonlaufstrecke »zum Mount Everest« bekannt. Im Volksmund trägt das Bauwerk auch noch einen anderen Namen. Ein rühriger Vereinfreund wurde neulich, als er sich dort zu schaffen machte, sogar von einem dänischen Ehepaar darauf angesprochen, ob das denn hier die berühmte »Jahrestreppe« sei.

Zweifel waren den Touristen vermutlich deshalb gekommen, weil es beim Zählen mit den angeblich 365 auf 52 Absätze verteilten Stufen weder von oben noch von unten so richtig hinhauen wollte. Die Spitzhaustreppenläufer wissen es aus leidvoller Erfahrung wahrscheinlich am besten: Die »Jahrestreppe« hat 397 Stufen, keine mehr, aber eben auch keine weniger.

Spitzhaustreppe um 1910

Auf einer alten Ansichtskarte der Hoflößnitz von 1910 fand ich neulich gar die Angabe »Große Treppe mit 447 Stufen«, gezählt vermutlich etwa von der heutigen Hoflößnitzstraße aus. Wäre die Treppe im Jahre 708 nach Gründung der Ewigen Stadt von den alten Römern erbaut worden, hätte sie damit glatt als »Verworrene Jahrestreppe« durchgehen können, denn dieses »verworrene« Jahr vor Einführung des Julianischen Kalenders 45 v. Chr. hatte ja 445 Tage. Ganz so alt ist sie aber nicht. Genau genommen ist die heutige Spitzhaustreppe sogar noch ziemlich jung. Nach fast hundert Jahren andauernder Beschwerden über den zunehmend halsbrecherischen Charakter der sandsteinernen Himmelsleiter wurde die letzte grundlegende Erneuerung, bei der kein Stein auf dem andern blieb, erst 1992 abgeschlossen.

Die ursprünglich noch größere Beschwerlichkeit des Aufstiegs über die die Weinbergsterrassen verbindenden Treppchen und Steilpfade mag ein Grund dafür gewesen sein, dass August der Starke seinem Landbaumeister Pöppelmann Anfang des 18. Jahrhunderts den Auftrag erteilte, eine bequeme und standesgemäße Verbindungstreppe zwischen Herren- und Spitzhaus zu projektieren. Der ehrgeizige Plan von 1715, der auch die Errichtung eines prunkvollen Belvederes auf der Höhe vorsah, wurde aber aus Kostengründen zurückgestellt und erst von 1747 bis 1750 in einer deutlich abgespeckten Variante realisiert. In einem zeitgenössischen Aktenstück heißt es dazu: »Anno 1750 ist diese Treppe zu Ende gebracht [worden], und sind also überhaupt 325 Stuffen […] allemahl 6 Stuffen und hernach ein Fletz [= Absatz] durchgehends nauff.« Nach der planvollen Anlage einer »Jahrestreppe« klingt das nicht. Schon Staatsarchivar Hans Beschorner stellte 1904 in seinem Aufsatz »Die Hoflößnitz bei Dresden« fest, dass »dieser Treppe irrthümlicherweise im Volksmunde so viel Stufen, wie Tage im Jahre, zugeschrieben werden.« 1

Erfunden wurde die »Jahrestreppe« vermutlich erst nach einem kompletten Neuaufbau 1845/46, geleitet übrigens von Landbaumeister Karl Moritz Haenel, dessen Sohn im aktuellen Heft ein eigener Beitrag gewidmet ist. Dabei vereinheitlichte man die Treppengliederung, und die Abschnitte bekamen jeweils sieben Stufen. Anzunehmen ist, dass die Treppe damals noch nicht direkt am Eingang zum Goldenen Wagen begann, sondern erst weiter oben. Möglicherweise hat die Gesamtstufenzahl zeitweise wirklich um die 365 gelegen, aber sicher nicht lange.

Bei der neuerlichen Sanierung der Spitzhaustreppe 1992 kam dann jemand auf die charmante Idee, die Höhe zu markieren, wo, von unten aus, die letzten 365 Stufen beginnen. Eine Messingtafel wurde angefertigt, darauf der von Architekt Wolfram Sammler gedichtete Spruch:

»Damit der Volksmund Recht behält,

wird künftig erst ab hier gezählt.

Von hier an ist es wirklich wahr,

bis oben hin ergibt’s ein Jahr.«

Auf das Gute im Menschen vertrauend, erfolgte die Anbringung an der entsprechenden Stelle der Grundstücksmauer von Familie Landsberg mit gewöhnlichen Schrauben. Der Rest lässt sich denken – kurz darauf war das Schild geklaut und blieb verschwunden.

Dem Engagement und handwerklichen Geschick von Vereinsmitglied Christian Schramm ist es nun zu verdanken, dass die lange vermisste Tafel im April dieses Jahres durch eine neue ersetzt werden konnte (diesmal fest verankert). Bereitwillig unterstützt wurde Herr Schramm dabei von der Stadt und der Firma Werkzeughandel Paufler, Radebeul. Allen und besonders dem Initiator dafür herzlichen Dank!

Für akribische Zähler noch ein Hinweis: Sie haben Recht, oberhalb des Schildes kommen tatsächlich nur noch 364 Stufen. Zu ernst sollte man den Spaß aber auch nicht nehmen…

Frank Andert

[V&R 7/2010, S. 4-6]

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  1. Dresdner Geschichtsblätter, Jg. 1904, S. 239f.
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