Man müsste wieder einmal… Elias Canetti lesen

Als ich im Juni 2009 der U-Bahn Station ›Hampstead‹ entstieg und mich im Zentrum des gleichnamigen vornehmen und so gar nicht typischen Londoner Stadtteils befand, begab ich mich schnurstracks zur Adresse Thurlow Road 8. Vor diesem Haus angekommen war ich enttäuscht: ein eher unauffälliger Bau mit ganz gewöhnlichen Autos davor (ich hatte wenigstens auf einen Rolls-Royce oder Bentley gehofft). Und dabei wähnte ich mich an einem Ort, auf den doch wenigstens ein Schild sichtbar hindeuten sollte, zum Beispiel mit der Aufschrift: »Hier wohnte von 1948-1988 der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti.« Ich machte ein Foto und ging gedankenverloren weiter. Denn Elias Canetti war für mich nicht irgendwer. Nein, mit diesem Autor hatte ich mich im Studium und danach jahrelang intensiv beschäftigt und über ihn sogar promoviert. Ich hatte alle seine Bücher gelesen und noch viel mehr Bücher über ihn. Ich konnte stundenlang darüber reden, warum man diesen Schriftsteller kennen und seine Bedeutung erkennen muss. Als aber die wissenschaftlichen Lorbeeren errungen waren, erlahmte die Begeisterung. Jetzt wollte ich endlich einmal wieder etwas anderes lesen. Und so ging es über viele Jahre, bis eben zum Sommer 2009.

Aus London zurückgekehrt begab ich mich vor mein Bücherregal und blickte auf die 30cm breite Canetti-Front. Da stand natürlich, mit Klebezetteln und sichtbaren Gebrauchsspuren, Die Gerettete Zunge. Jenes herrliche Buch, das von Canettis Kindheit von 1905 bis 1916 erzählt, die er in Bulgarien, Manchester und Zürich verbracht hat. In dem er seine ersten Jahre ausbreitet, in der Sprach- und Schrifterwerb, Wissensaneignung und Ich-Werdung als scheinbar mühelose und vollkommen natürlich aus sich selbst hervorgehende Vorgänge beschrieben werden. Jenes Buch, das ihn erst im hohen Alter von 72 Jahren einem breiten Publikum überhaupt erst bekannt machte. Daneben gleich Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel, die beiden anderen von ihm noch zu Lebzeiten (Canetti starb 1994) herausgebrachten autobiografischen Bände, in denen er den Leser entführt in das Berlin und das Wien der 1920er und 1930er Jahre. Zwei Bücher voller brillanter sprachlicher Stadtansichten und scharsichtiger Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten jener Jahre (Karl Kraus, Fritz Wotruba, Hermann Broch, Hermann Scherchen, Alban Berg u.a.). Schließlich Party im Blitz, sein viertes lebensgeschichtliches Buch, das erst posthum erschien und in dem er den Schriftstelleralltag als Flüchtling während der Kriegsjahre in London skizziert. Der unbefangene Leser, wie ich es zunächst war, erstaunt vor einem solchen Leben zwischen vier Sprachen (Altspanisch als seine Muttersprache, dazu Englisch, Französisch und Deutsch) und drei Religionen (Canetti wuchs in einer spaniolischen, d.h. jüdischen Familie im türkisch besetzten Bulgarien auf und lebte ab dem 6. Lebensjahr im christlichen Kulturkreis). Die anderen 15cm im Regal vereinen in sich u.a. so rätselhaft wie originell benannte Titel wie Das Geheimherz der Uhr oder Die Fliegenpein (beides Aufzeichnungsbände, die vor überraschenden Gedanken und Ideen nur so sprühen), natürlich aber auch Masse und Macht (so der Titel der 1959 veröffentlichten, in den sozialistischen Ländern auf dem Index stehenden monumentalen anthropologisch-soziologischen Studie) und Die Blendung von 1934, Canettis einzigen Roman. Doch nichts davon eignet sich so wie Die Stimmen von Marrakesch, um den Zugang zu Canetti wieder neu und lustbetont zu erlangen. Ja, diesen genialen Entwurf einer Reise nach Marokko von 1954 werde ich mir wohl als erstes wieder vornehmen. Weil er auf nicht einmal 100 Seiten Canettis ganze Kunst vereint. Der erste von 30 möglichen Zentimetern – und so geht es los: »Dreimal kam ich mit Kamelen in Berührung und es endete jedes Mal auf tragische Weise…«

Bertram Kazmirowski

[V&R 11/2010, S. 1f.]

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