Ein Jahr Fechten in Radebeul

Felix mustert sein Gegenüber und hält Abstand. Er wirkt zögerlich. Da macht Luisa einen großen Schritt vor und sticht auch schon zu: Ihr Treffer landet an Felix’ Brust, unweit des Herzens. Zum Glück hat er eine Lederjacke an und ist nicht verletzt. Solche Szenen spielen sich in Radebeul jetzt öfters ab: Die beiden Kinder üben fechten. In der Sporthalle an der Kötzschenbrodaer Festwiese.

Fechten in der Elbsporthalle

Jeden Donnerstagnachmittag kann man erleben, wie sich die jüngsten Florett-Fechter in dieser eleganten Sportart messen. Die riesige Halle scheint zu groß für die Steppkes zwischen acht und elf Jahren. Deshalb hat Robert Peche, der Gründer und Vorsitzende des Fechtclubs Radebeul e. V., sie auch in drei Gruppen eingeteilt. Gleich am Eingang wird gar nicht gefochten: Da trainieren die Wettkampf-Erprobten einfach nur ihre Fitness mit Leichtathletik und Ballspiel. Schließlich haben sie Anfang Januar gerade erst an einem Turnier des Fechtclubs Leipzig in Mölkau teilgenommen – »und ich hab’ den 3. Platz gemacht«, ergänzt ein Mädchen namens Julie stolz. In der Mitte der Halle üben die Kleinsten, die teils noch im Kindergartenalter sind, die ersten Grundschritte mit einer Übungsleiterin. Der Chef selbst, Robert Peche, ist mit den 10- und 11-Jährigen schon weiter.

Sie tragen die Profi-Ausrüstung: weiße Westen oder Jacken, die wie Leder aussehen, aber aus einem speziellen Gewebe sind, das keine Hiebe durchlässt. Dazu Helme, die in der Fachsprache »Masken« heißen und wie übergroße Bienenkörbe um die kleinen Köpfe wirken. Die Hosen in schwarz sind teils kurz, teils lang, egal, da gibt es keine Vorschrift, und natürlich Turnschuhe. Jeweils zwei Personen – die Gegner – nehmen Aufstellung mit der richtigen »Mensur«. Das ist der Abstand, der anfangs durch die gekreuzten Florettspitzen bei angewinkeltem Arm bestimmt wird. Die Kinder lernen die richtige Körperhaltung, den Ausfallschritt, die Angriffsrechte und die Parade. Der 31-jährige Peche gibt freundlich, aber bestimmt seine Anweisungen; zwar ist seine Stimme durch die Maske und den Raumhall nicht so gut zu verstehen, aber die Kinder haben offensichtlich dabei kein Problem, das mag auch an den Wiederholungen liegen.

Vor einem Jahr, als der Inhaber der Fechtschule Dresden die ersten »Schnupperstunden« in Radebeul gab – in den Winterferien 2010 – da musste er sich noch mit der alten, ungeheizten Halle der ehemaligen Waldparkschule zufrieden geben, eine andere war nicht frei. Inzwischen ist nicht nur die Zahl der Interessenten gestiegen, sondern auch die Mitgliederzahl, so dass in der modernen Elbsporthalle trainiert werden kann, wenn die nicht gerade im Wasser steht. Stolze hundert Mitglieder zählt der »Fechtclub Radebeul« mittlerweile, auch Erwachsene gehören ihm an.

»Es ist ganz komisch«, meint Robert Peche, »wenn die Erwachsenen von Fechten hören, denken sie an die ›Mantel und Degen‹-Filme oder an die drei Musketiere, Kinder assoziieren dagegen ihre Helden aus ›Star Wars‹ mit Fechtszenen und fragen, ob denn auch mal mit Laser-Schwertern gekämpft wird.« Eines aber macht er von Anfang an für alle Altersgruppen deutlich: beim Fechten geht es um Sport und nicht um Show. Hier wird echt gekämpft, jeder Treffer zählt. Im Film und auf der Bühne dagegen muss die Choreographie so gut eingeübt sein, dass bei den Schauspielern keine Verletzungen erfolgen: Der Degen oder Säbel (seltener das Florett) muss eben kurz vor der Stirn halt machen, damit das ungeschützte Gesicht des Stars keinen Kratzer kriegt. Das ist die Kunst.

Wer sich die Fecht-Profis von Radebeul mal hautnah ansehen möchte, hat dazu am 11. und 12. Juni Gelegenheit: Da wird der 3. Radebeuler Fechtcup wieder in der Elbsporthalle ausgetragen. Mehr unter www.fechtclub-radebeul.de.

Karin Funke

[V&R 2/2011, S. 5f.]

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