Trotz Regen ein schönes Fest

24. Radebeuler Kasperiade

»Da steht ein Haus auf
freiem Feld, ein Häuschen,
kein großes Haus, doch auch kein Zelt, ein Häuschen.«

So beginnt Steffi Lampe, die Puppenspielerin aus Leipzig, in der Märchenstube zur 24. Radebeuler Kasperiade ihre Geschichte zu erzählen. Das vom russisch/sowjetischen Schriftsteller Samuil Marschak als Verserzählung verfasste Stück »Das Tierhäuschen« avancierte zu einem Klassiker der Kinderliteratur. Mit seinen einfachen wie knappen Dialogen und übersichtlichen Handlungen ist es auch für ein jüngeres Publikum gut verständlich. Erzählt wird von der Inbesitznahme eines leerstehenden Hauses durch bedürftige Tiere und vom missglückten Raubzug von Fuchs, Wolf und Bär. Dieser liebevollen, einfühlsamen wie erfrischenden Tischvariante mit schönen Figuren und phantasievollem Bühnenbild sowie dem Charme der Spielerin konnte man sich nicht entziehen.

Die Bandbreite der Angebote zur 24. Radebeuler Kasperiade war vielfältig. Vom einfachen Animieren bis zur Bühnenshow spannten sich die Inszenierungen der 14 Figurentheater, welche 37 Aufführungen in acht Stunden auf sieben Bühnen zeigten. Zu sehen waren sowohl traditionelle Kasperletheaterstücke, wie auch Inszenierungen mit Stabmarionetten, Tisch- und Handpuppen.

Die Eröffnung mit dem Festivalkasper und den Spielern fand diesmal nicht auf dem Anger statt, sondern situativ auf dem Hof Altkötzschenborda 21, denn die historische Drehorgel des Altmeisters Dr. Klimt und seiner Frau ist leider nicht wetterfest. Die Stimmung war trotzdem ausgezeichnet, glänzte doch das Programm mit national wie international agierenden Theatern, darunter sieben Erstteilnehmern.

»Zirkus Gockelini«, Pororielova und Anton Dusa

Nach über 20jähriger Pause war auch das Fundus-Marionettentheater mit Dr. Olaf Bernstengel wieder mit dabei. Auf nahezu allen wichtigen Festivals dieser Erde zu Hause, zeigte der Dresdner Puppenspieler im Theaterschuppen mit seinem berühmten »Zirkus Gockelini« eine traditionelle Spieltechnik mit Fadenmarionetten aus vergangenen Tagen: eine auf dem Seil laufende Henne, ein mit Eiern jonglierender Hase oder Zirkusdirektor Gockelini, der einen Hasen aus seinem Zylinder zauberte. Die prächtigen Marionetten aus Holz von Jana Pogorielova und Anton Dusa begeisterten die Zuschauer ein aufs andere Mal.

»sommerHeiß & erdbeerEis«, Susanne Olbrich

Eine bezaubernde Geschichte ganz anderer Art erzählte die Berliner Spielerin Susanne Olbrich vom Theater Fusion. Aus ihrem Jahreszeitenzyklus brachte sie für Zuschauer ab 2 Jahre das Stück »sommerHeiß& erdbeerEis« mit nach Radebeul. In einfacher Form, wie auch mit Wortspielen und Reimen, näherte sie sich dem Thema »Sommer«. Dabei wurde keine geschlossene Geschichte vorgetragen. Vielmehr vermittelte sie Wahrnehmungen, Gefühle sowie Empfindlichkeiten und ging sehr einfühlsam auf die kleinen Zuschauer ein. Am Ende der 35 Minuten sangen alle gemeinsam begeistert das Eingangslied.

Das »Weite Theater« aus Berlin hatte das traditionelle Stück »Die Bremer Stadtmusikanten« im Gepäck. Nichts Aufregendes könnte man denken. Diese meisterhaft, bis in die feinsten Verästelungen durchgearbeitete Inszenierung, vermochte dem Stoff viele neue Seiten abzugewinnen. Christine Müller und Martin Karl spielten ihre Figuren so empfindsam, dass deren Beweggründe, anders als in der literarischen Vorlage, sehr gut nachempfunden werden konnten. Zusätzlichen Genuss brachten sowohl das Spiel auf zwei Ebenen (Mensch/Figur), deren Übergänge fließend waren, als auch der Einsatz einer Ukulele und eines Akkordeons, welches auch als Tierkörper Verwendung fand.

»Rotbällchen«, Eva Kaufmann

Mit einem minimalen Aufwand, aber dafür reichlich Platz, zeigte Eva Kaufmann aus Berlin, eine gebürtige Österreicherin, was sich alles mit einem roten und einem weißen Schaumgummibällchen anstellen lässt. Die Inszenierung erinnerte einen an die Anfänge des legendären sowjetischen Puppenspielers Sergej Obraszow. Kaufmann agierte vor einer leeren Wand, einziges, fast einziges Requisit – ihre Hände. Ein Spiel des Entdeckens, Verschwindens und Ergründens begann. Schauplätze hierbei bildeten ein kleines Podest, eine Glasschüssel und oft auch der Körper der Spielerin. Erst tauchte ein, dann ein zweites Bällchen auf. Schließlich kamen Nasen und Augen dazu. Aus den Bällchen wurden kleine eigenständige Wesen, mit denen sich das Publikum schnell anfreundete. Man fühlte mit, wenn eines dieser Wesen durch die mit Wasser gefüllte Glasschüssel tauchend, die Zuschauer herausfordernd ansah. Ein hoch poetisches, leises Spiel, welches streng im vorgegebenen Rahmen blieb.

»Der große Zauberer und der kleine Hase«, Christine Müller und Björn Langhans

Viele der dargebotenen Inszenierungen müssten noch angesprochen werden, wie etwa die Bühnenshow »Der große Zauberer und der kleine Hase« (»Theater des Lachens«/Frankfurt), »Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam« (Märchentheater Fingerhut/Leipzig) oder »Balthasars große Reise« (die exen/Leipzig), um nur einige zu nennen. Erstmals hatten die vier Veranstalter einen Leipzigschwerpunkt gesetzt. Neben den bereits aufgeführten Theatern, trat noch das Theater im Globus mit »Der Wolf und die sieben Geißlein« auf.

Für die Veranstalter war die 24. Radebeuler Kasperiade ein noch größerer Kraftakt als in den vergangenen Jahren. Dies lag nicht nur daran, dass die Anforderungen der Theater zugenommen haben und die Mittel vom Kulturraum gekürzt wurden. Sondern es lag auch daran, dass eine erzwungene Verschiebung des traditionellen Kasperiade-Termins zu weiteren Belastungen führte. Ob das bisher Erreichte zum Jubiläum im kommenden Jahr noch zu überbieten sein wird, bleibt deshalb fraglich.

Die 24. Radebeuler Kasperiade bot jedenfalls trotz des ungewöhnlich kalten und nassen Juli-Anfangs das bisher beste Programm seit ihrer Neuauflage in Altkötzschenbroda. Obwohl es teilweise in Strömen goss, war in und an den Spielstätten nicht nur der Teufel los. Selbst die Vorstellungen im Freien verfolgten die Zuschauer sehr aufmerksam, beschützt von Schirmen und Regencapes. Alle Vorstellungen fanden statt! Die 900 Zuschauer als auch die Spieler haben die ungewohnt »entspannte« Lage überaus genossen, musste doch keiner wegen überfüllten Spielstätten draußen bleiben. Wie auch, bei dem Regen.

Karl Uwe Baum

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