Neuer Weinschank im Paradiesberg

Eine gertenschlanke blonde Frau schafft sich am steilen wildverwachsenen Südhang und rodet Brombeergestrüpp, Strauchwerk und sogar Stuppen von gefällten Eichen. Zäh, zielstrebig, ohne Rücksicht auf ihre zarten Rückenwirbel.

Weinschank im Paradiesberg

Immer freier wird der Fernblick auf Dresden, umrahmt links und rechts von den Hängen eingangs des Lößnitzgrundes.

Neben Haushalt und der Betreuung vierer Kinder will sie einen Weinberg pflanzen. Der Mann kann nur an Wochenenden helfen, wenn er als „Pendler“ aus der Ferne heimkommt.

Und dabei noch bürokratische Hürden. Wo Wildwuchs gerodet wird muss eine Ausgleichspflanzung her, sogar für Brombeerfilz, so will es der NABU. Dann kann auch nicht jeder pflanzen was er will auf seinem Acker. Pflanzrechte, von der EU geregelt, muss man beantragen und dem Amt zäh abringen, wer mehr als hundert Quadratmeter Reben pflanzen will. Aber zäh ist sie ja, die Frau.

Da war der leider inzwischen verstorbene Besitzer des Reblandes generöser. Der Freimaurer Barnewitz war seines Standes gerecht und verpachtete ihn zu sehr kulanter Kondition. Dann, nach dem Pflanzen der Pfropfreben wieder mühsames Erwerben des Spaliermaterials. Um Kosten herabzusetzen wurden freigegebene Robinien gefällt. Ein Teil, der über Nacht am Fällort geblieben war, war andern morgens von Feuerholzdieben geklaut worden.

Aber nun steht der Berg. Er soll weitgehend in ökologischer Weise bewirtschaftet werden, zumal dort die natürliche Begrünung sehr vielgestaltig ist. Nur müsste eben ernsthaft entschieden werden zwischen reichhaltiger Blumenwiese und der Wirtschaftlichkeit der Rebanlage, beides geht auf Dauer nicht, selbst wenn man die Messlatte akribischer perfekter Weinbautechnologen nicht anlegen will. Steil- und Terrassenlagen großer konventionell arbeitender Weinbaubetriebe haben oft auch ganzjährig ihr Wildkraut stehen und kämen ohne Herbizidpower nicht aus.

Inzwischen wuchsen die ersten Erträge; es liegen einige hundert Liter Wein im Keller und am 17. Mai dieses Jahres, eröffnete Familie Hertel am ehemaligen Barnewitzer Weinberg ihre Straußwirtschaft. Auf einer Terrasse mitten im Hang vor einer gemütlichen Berghütte wird von Mitte Mai bis Juli und von Mitte August bis Oktober ausgeschänkt von Donnerstag bis Samstag ab 11Uhr. Von dem 0,3 ha großen Berg mit 1400 Stöcken gibt es Ruländer, Kerner, Müller-Thurgau, Goldriesling, Riesling und alten sächsischen Schloss-Traminer.

Zu erreichen vom Höhenweg (Paradies) oder zu Anfang der Jägerhofstraße links ab, dann ganz oben.

Wem es nicht genügt, weiteres ist zu erfahren bei www.Winzerei-Paradiesberg.de, was aber kein Ersatz für Antje Hertels gelungene Weine ist. Sie ist Autodidaktin im Winzerfach, hatte aber ein bio-chemisches Studium an der Forstakademie Tharandt besucht.

Straußwirtschaften werden mehr im Elbtal und sie unterfüttern still mit Gemütlichkeit und Harmonie die große spektakuläre Weinwirtschaft. Man kann nur wünschen, unterstützen und dort im Weinberg dabei immer neue Weine probieren. Der Weg vom Fass zur Zunge sollte möglichst der kürzere sein.

Reiner Roßberg

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