Die Hoflößnitz – 100 Jahre öffentliches Denkmal

»Schon lange steht nun das Hoflößnitzer Herrenhaus leer«, schreibt Staatsarchivar Dr. Hans Beschorner 1905 in der wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung und fragt: »Was wird sein künftiges Schicksal sein? Wird es vom Erdboden verschwinden? Oder wird es einen kunstsinnigen Eigentümer finden, der liebevoll seine Hand über all die Herrlichkeiten aus längst vergangenen Tagen breitet? Hoffen wir das letztere!« Was genau das für Herrlichkeiten waren, die das einstige Lust- und Berghaus der sächsischen Kurfürsten in seinem Innern barg, hatte die interessierte Öffentlichkeit erst ein Jahr zuvor erfahren, als Beschorner, der bei einem Spaziergang durch die Lößnitz zufällig auf das äußerlich anspruchslose Gebäude aufmerksam geworden war, in den ›Dresdner Geschichtsblättern‹ einen längeren Aufsatz darüber veröffentlichte. Im gleichen Jahr war auch der die Oberlößnitz einschließende Band der ›Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen‹ erschienen, wo Cornelius Gurlitt das in seiner alten Einrichtung erhaltene Obergeschoss des Berghauses als »eines der bemerkenswertesten Beispiele der Dekorationsweise des 17. Jahrhunderts« im Detail vorstellte.

»Schloss Hoflößnitz« 1910

Die im einleitenden Zitat angedeutete Sorge um den Bestand der Hoflößnitz war nicht unbegründet. Nach der Aufgabe der fiskalischen Weinberge im Gefolge der Reblauskatastrophe war das Grundstück ab 1889 parzelliert und in Privathand verkauft worden. Auch große Teile des beweglichen Inventars des Weinbergsschlösschens wurden damals verauktioniert und in alle Winde zerstreut. Der russische General Suckanoff-Podkolzine, der den Gutshof mit Berghaus und Wirtschaftsgebäuden 1899 erworben hatte, wusste den Denkmalwert der Anlage zwar durchaus zu schätzen, war aber bereits im Jahr darauf verstorben, und seine Erbin, Gräfin Anna v. Zolotoff in St. Petersburg, zeigte wenig Interesse an ihrer neuen, nur für gelegentliche Sommeraufenthalte genutzten Besitzung. Aus dem Oberlößnitzer Bebauungsplan war zu ersehen, dass das Schlösschen bald von neuen Villen eingekreist sein würde; die erste, »Villa Franziska«, Hoflößnitzstraße 58, befand sich bei Erscheinen des zitierten Artikels gerade im Bau. Und dafür, was mit »hinderlichen« oder in angestammter Form wirtschaftlich nur schwer verwertbaren historischen Bauten inmitten neuer Villenkolonien geschehen konnte, gab es in der Lößnitz damals schon etliche Beispiele, die aus denkmalpflegerischer Sicht nichts Gutes erahnen ließen, so den Umbau des Herrenhauses Altfriedstein 1902 und den etwa zeitgleich erfolgten Abriss von Haus Rennerberg, an das heute nur noch ein Straßenname erinnert.

Vor genau 100 Jahren und, wie sich bald herausstellte, gerade noch rechtzeitig, um die vom Verfall bedrohte Innenausstattung zu retten, erfüllte sich die 1905 von Hans Beschorner artikulierte Hoffnung, dass sich ein kunstsinniger neuer Eigentümer für die Hoflößnitz finden werde: Am 15. Juli 1912 gingen das Berghaus und das umgebende Grundstück in den Besitz des kurz vorher gegründeten Hoflößnitz-Vereins über. Dieser hatte sich nicht allein die Instandsetzung und Erhaltung des »kunstgeschichtlich überaus wertvollen, namentlich in seiner inneren Ausstattung einzigartigen Weinbergschlösschens« zum Zweck gesetzt, sondern auch seine öffentliche Nutzung als Museum sowohl für die Geschichte der Lößnitzortschaften wie die des sächsischen Weinbaus. Initiator der Vereinsgründung war der aus Oberlößnitz stammende Geheime Finanzrat Dr. Haase, wohl ein Enkel des in der Januar-Vorschau vorgestellten Arztes Carl Friedrich Haase, der nach einer Karriere in der preußischen Steuerverwaltung 1911 in die sächsische Heimat zurückgekehrt war und die Bedrohung des aus Kindertagen vertrauten Wahrzeichens der Lößnitz offenbar als dringenden Anlass zum Handeln empfand. Durch Vermittlung des in Niederlößnitz ansässigen Archivrats Dr. Woldemar Lippert, der als Vorstandsmitglied im königlich sächsischen Altertumsverein hervorragende Kontakte besaß, gelang es Haase schnell, eine breite und namhafte Unterstützung für sein Projekt zu mobilisieren. Insbesondere bei der vom Niederlößnitzer Schuldirektor Emanuel Erler geleiteten Ortsgruppe des Vereins für sächsische Volkskunde, die bereits auf der großen Kötzschenbrodaer Gewerbeausstellung von 1909 eine Ausstellung zur örtlichen Weinbaugeschichte präsentiert hatte und sich – wegen des positiven Echos darauf und einer entsprechenden Ermunterung von König Friedrich August III. – seitdem mit Plänen für die Einrichtung einer dauerhaften Ausstellung trug, rannte Haase offene Türen ein.
Als sich der Hoflößnitz-Verein am 20. März 1912 in der Grundschänke konstituierte, übernahm Dr. Haase den Vorsitz, Dr. Lippert wurde sein Stellvertreter, Dr. Beschorner Schriftführer und Schuldirektor Erler Museumsvorstand. Als Beisitzer des Vorstands konnte u.a. der seit Ende 1911 als Professor für Raumkunst an der TH Dresden tätige Architekt und Kunstgewerbler Emil Högg gewonnen werden, der dann auch ab Sommer 1912 die Instandsetzungsarbeiten am Weinbergschlösschen und den Nebengebäuden leitete. Der Vorsitzende bewies zunächst außerordentliches Geschick dabei, von wohlwollenden Gönnern des Vorhabens vor allem aus Kreisen der Industrie Geldspenden in bedeutender Höhe einzuwerben, die den Kauf der Immobilie und mehrerer Nachbargrundstücke ermöglichten. Die schon im Vorfeld begonnenen bautechnischen Untersuchungen ergaben allerdings, dass das Lust- und Berghaus weit baufälliger war als ursprünglich angenommen. Das seit langem dick verputzte Fachwerk des Obergeschosses war stark angegriffen und die Dachkonstruktion durch die 1899 erfolgte unsachgemäße Aufsetzung eines nur von Ferne imposanten Dachreiters inzwischen so stark verformt, dass eindringendes Wasser die Deckengemälde des Festsaals beschädigt hatte.

Lust- und Berghaus Hoflößnitz nach dem Umbau, 1914

Die sofort eingeleiteten und in bis heute musterhafter Weise ausgeführten Restaurierungsarbeiten konnten diese Übelstände zwar beheben und die Schäden beseitigen, zehrten jedoch binnen kurzem das Vereinsvermögen auf und riefen zudem Proteste von Seiten der Einwohnerschaft hervor. Die zumindest optische Wiederherstellung des äußeren Zustands zur Erbauungszeit um 1650 – ohne Dachreiter und mit offenem Fachwerk – wurde von vielen als Verlust empfunden. Ein Schloss stellte man sich anders vor. Dieser Umschwung der öffentlichen Meinung wird dazu beigetragen haben, die Spendenquellen versiegen zu lassen, bevor der Topf voll genug war, um das von vornherein ehrgeizige Finanzierungskonzept des Unternehmens auch nur ansatzweise zu realisieren. Geplant gewesen war, sämtliche Nebengebäude zu Wohnzwecken umzubauen und darüber hinaus noch drei Doppelhäuser zu errichten, was dauerhafte Mieteinkünfte generieren sollte. Von den schon genehmigten Neubauten musste schließlich ganz abgesehen werden, während die Umbauten am Pressen- und Kavalierhaus deutlich sparsamer ausfielen als vorgesehen – beides aus heutiger Sicht eher ein Glücksfall. Auch die zusätzlich ins Auge gefasste Wiederaufrebung der ehemaligen Weinbergsflächen stieß auf äußere Schwierigkeiten, die der zunehmend eigenmächtig agierende Vereinsvorsitzende durch kostspielige Fehlentscheidungen noch verschlimmerte. Schon nach gut einem Jahr steckte der Verein tief in den roten Zahlen und wurde der Gründungsvorsitzende durch eine Palastrevolution zum Rücktritt gezwungen. Unter neuem Vorstand, dem von den bisherigen Mitgliedern nur noch Lehrer Erler1, der Oberlößnitzer Gemeindevorstand Bruno Hörning und Prof. Högg angehörten, konnte man sich zwar wieder berappeln, doch spätestens eine Steuernachforderung des sächsischen Staates besiegelte 1914 die faktische Insolvenz. Kurz darauf brach der Krieg aus, der alles Interesse und alle Ressourcen verschlang, so dass dem Hoflößnitz-Verein als einzige Option ein geordnetes Konkursverfahren blieb. Dieses wusste man geschickt so zu lenken, dass die Gemeinde Oberlößnitz als Hauptgläubiger im Sommer 1915 für eine vergleichsweise bescheidene Summe in den Besitz des Grundstücks gelangte und sich ihrerseits zur Einhaltung denkmalpflegerischer und Nutzungsauflagen verpflichtete, die einen Fortbestand des in drei Jahren Vereinsarbeit Erreichten sicherstellen sollten. Trotz mancher innerer Querelen und seines unrühmlichen Endes hatte der Verein seinen Zweck erfüllt: Das Lust- und Berghaus war gerettet und saniert, ein bescheidenes Museum eingerichtet.

Als Hans Beschorner seine Forschungen zur Geschichte der Hoflößnitz 1931 in einer kleinen Broschüre zusammenfasste, leitete er diese mit einer Feststellung ein, die noch heute seltsam aktuell wirkt. Es sei sonderbar, schreibt er, »wie unbekannt den Dresdnern, ja selbst den Lößnitzern diese Sehenswürdigkeit ist. Die Sektkellerei kennt jeder, die Hoflößnitz so gut wie niemand.« Wer sich beim Lesen dieser Zeilen ertappt fühlt, sollte sich bei Gelegenheit einmal aufmachen, dieses besondere Denkmal, das seit hundert Jahren uns allen gehört, auch endlich oder wieder einmal persönlich in Besitz zu nehmen. Wer außerdem mehr über die eindrucksvolle Biographie und das vielfältige Wirken des Radebeuler Architekten und Denkmalpflegers Emil Högg (1867-1954) erfahren möchte, der ab 1912 maßgeblich an der baukünstlerischen Wiederherstellung der Hoflößnitz beteiligt war, dem sei die neue Ausstellung der AG Stadtmuseum empfohlen, die bis Jahresende jeden letzten Mittwoch im Monat von 15 bis 19 Uhr im Radebeuler Museumsdepot, Wasastraße 21, zu besichtigen ist.

Frank Andert

  1. Einem Brief, in dem sich der inzwischen 88-jährige und schon lange in München lebende Emanuel Erler 1961 an den Radebeuler Bürgermeister wandte, um die in der Ausstellung damals mit keinem Wort erwähnte Entstehungsgeschichte des Museums Hoflößnitz in Erinnerung zu rufen, ist auch zu entnehmen, dass er im hohen Alter zu den regelmäßigen Lesern der ›Vorschau‹ gehörte, die für ihn »eine liebe, sehr willkommene Verbindung zur alten Heimat«darstellte.
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  1. Von Hoflößnitz | Wissen von A-Z am Fr, 7. Feb. 2014 um 17:47

    […] Andert: Die Hoflößnitz – 100 Jahre öffentliches Denkmal. In: Vorschau & Rückblick; Monatsheft für Radebeul und Umgebung. Radebeuler Monatshefte […]

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