Ein Gedenkblatt für Gerhart Hauptmann

Palle fährt heute nach Stockholm. Mit diesem lapidaren Satz kündigte Eckart Hauptmann in einem Brief vom 7.12.1912 seiner Mutter Marie ein Ereignis an, das uns auch heute, hundert Jahre später, noch beschäftigt: Sein Vater Gerhart Hauptmann erhielt am 10. gleichen Monats den Literaturnobelpreis. Palles Rede in Stockholm war auch schön. Er beherrscht das Gebiet jetzt. Die Rede von Leipzig besitze ich wörtlich gedruckt… antwortete die Mutter wenige Tage darauf dem Sohn.

In der Aula der Leipziger Universität hatte er am 23. November gesprochen. Aus Anlass seines 50. Geburtstages hatte dort eine Feier stattgefunden mit Ansprachen und Lesungen aus seinen Stücken. Die Künstler, sagte er bei dieser Gelegenheit, die Dichter insonderheit, sind Gewächse, die an unerwarteter Stelle zu unerwarteter Blüte heranwachsen. Sollte ich etwas von mir selbst sagen, so wäre auch das Ungesuchte, das Unerwartete als das Bestimmende in meiner Entwicklung anzusprechen.

Gerhart Hauptmann und Marie Thienemann, 1881

Diese Worte hörend und später noch so manches Mal wiederlesend wird sich Marie Hauptmann auch an die so ungesuchte wie unerwartete erste Begegnung mit ihm 1881 im Thienemannschen Park des Hohen Hauses erinnert haben, an den Eindruck, den der damals noch nicht Neunzehnjährige mit seinem Liebesfrühling auf die Hochzeitsgesellschaft und vor allem auf sie selbst gemacht hatte. Vom ersten Augenblick an hatte sie an sein Genie geglaubt, auch wenn sie so früh an einen Nobelpreis schon deswegen nicht hatte denken können, weil es den zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Und bis zuletzt erfüllte es sie mit tiefem Schmerz, dass in seiner Treue gegen sich selbst und (der) Liebe zur Wahrheit, die er in Leipzig zu recht für sich in Anspruch nahm, für sie selbst als Frau und Mutter seiner älteren Söhne auf Dauer kein Platz gewesen war. Ich saß 2 Reihen incognito hinter Frau Grete u. das Herz brannte mir, aber ich genoss doch sehr die Vorlesung von Odysseus Bogen u. die schwungvolle, sich steigernde Rede (…)! Die Florian Geyer Aufführung war großartig!

Wenige Worte erhellen schon, wie stark Marie Hauptmann darunter gelitten haben mag, dass sie nun abseits stehen musste und nur ein allzu schwacher Wiederschein auf sie fiel des Glanzes, den er verbreitete. Mit aller Konsequenz, wusste sie, war er seinen Weg gegangen, einen Weg, den zu suchen und zu finden sie ihm ermöglicht und auf dem zu folgen sie sehr rasch nicht mehr vermocht hatte. Oft genug hat sie ihn dafür angeklagt, verurteilt hat sie ihn nie. Sie wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als sein Leben zu leben.

Es war ein Leben, das ein Werk hervorgebracht hat, das bis heute seinesgleichen sucht. Mögen andere bessere Wege einschlagen, hatte er in Leipzig gesagt, mir kommt es darauf an, ein möglichst phrasenloses, ein möglichst erlebtes Werk zu hinterlassen.

Hohenhaus in Zitzschewig bei Dresden, früher Bischofsberg genannt

Gerhart Hauptmann hat an diesem Anspruch bis zur letzten Minute festgehalten. Damals, 1912, konnte er noch die Hoffnung verbreiten, das von Alfred Nobel intendierte Ideal des Weltfriedens ließe sich absehbar und auf geradem Wege verfolgen. Voraussehen, welchen Prüfungen sein Deutschland würde zu bestehen haben, konnte er nicht. Und lange Zeit weigerte er sich auch zu glauben, wie wenig es diesen Prüfungen gewachsen war. Und es ist eine gefährliche Illusion, wenn heute, angesichts des Friedensnobelpreises für die Europäische Union von Politikern aller Farben verbreitet wird, Ähnliches könne nie wieder geschehen. Was Gerhart Hauptmann am Ende blieb, und was ihm sauer genug wurde, war die Treue des Künstlers gegen sich selbst.

Auf Initiative des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul und der AG Stadtmuseum gedenkt die Stadt Radebeul dieses Dichters, der sich seines erwachenden Talentes im Park an der Berglehne bewusst geworden war und der so seinen Weg zur Weltbedeutung von Kötzschenbroda aus begann, mit einer Ausstellung im Foyer der Landesbühnen Sachsen: „Gerhart Hauptmann und das Riesengebirge“ und „die schwarze Maske“.

Zur Eröffnung am 13. November um Uhr 19 Uhr spricht Frau Julita Zaprucka, die Direktorin des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Jagniatkow (Agnetendorf) über das Hauptmann-Jahr in Jelenia Gora. Im Anschluss werden Dichterworte aus Polen und Radebeul zu hören sein. Die Veranstaltung wird von Benni Gerlach mit Improvisationen auf dem E-Cello umrahmt.

Im Anschluss an die Finisage am 7. Dezember um 17 Uhr steht ab 19.30 Uhr Gerhart Hauptmanns soziales Drama Die Ratten auf dem Spielplan der Landesbühnen.

Mit dieser Ehrung ruft sich Radebeul in Erinnerung, was dem Dichter Zeit seines Lebens bewusst gewesen ist, und nicht zuletzt in der von Paul Schlenther überlieferten Anekdote eindrucksvoll belegt wird: Als ich mit ihm im Dezember 1891 von Berlin nach Wien reiste, (…) und wir kurz vor Dresden in den Bahnhof Kötzschenbroda einfahren sollten, sprang mein Reisegefährte (…) vom Polster auf, wischte eifrig den Frostschweiß vom linken Fensterglas weg, starrte eine Weile ins Dunkel der Nacht und rief dann in Unternehmungsgeist: Wenn ich mal einen Sommernachtstraum schreiben sollte, so kann er nur dort oben liegen! (…) denn dort oben liegt Hohenhaus!

Thomas Gerlach, Dr. Jens Baumann

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