Unsere alten Handwerksmeister – Hermann Claus

Als ich dem Radebeuler Hermann Claus gegenübersitze, fordere ich ihn mit der Frage „hat Handwerk wirklich goldenen Boden?“ etwas heraus. Ein kurzes Nachdenken und er sagt: „Ja, wenn man sein Fach gut gelernt hat, täglich fleißig ist und sich theoretisch und technisch auf dem Laufenden hält, kann man zu Wohlstand gelangen“. Ich bin neugierig geworden, wie sich diese Antwort in Leben und Beruf widerspiegelt.Herrmann Claus
Am 21. Januar 1926 wurde in der Familie des Installateurs und Klempners Johannes Claus der Sohn Hermann in der Leipziger Straße 50, heute Meißner Straße 118, in Radebeul geboren. An gleicher Stelle war auch der Großvater Herrmann Clauss (die Schreibweise hatte sich dann geändert), der das Handwerk 1882 begann und 1887/88 das zweigeschossige Wohnhaus durch die Gebr. Ziller ließ, tätig gewesen. So überrascht es kaum, dass Hermann nach Besuch der Rosegger- und Schillerschule von 1932 – 40 den Wunsch hatte, auch Installateur und Klempner zu werden.
Acht Jahre Schulbesuch waren damals üblich, nur wenige Schüler wollten oder konnten mit Mittlerer Reife oder Abitur abschließen. Im Gespräch erinnert sich Herr Claus, dass ihm besonders der Lehrer Robert Schaale ein gutes Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hatte. In seine Kindheit fällt auch das Interesse für Musik – die Mutter wollte, dass er Flöte spielen solle, er hat aber schon bald auf Akkordeon „umgesattelt“, besitzt bzw. besaß zwei entsprechende Hohner-Instrumente. So spielte er als junger Mann im Orchester, aber auch solistisch und trat zur Unterhaltungsmusik u.a. in der „Goldenen Weintraube“ auf.
Eine geplante Lehre bei einer Dresdner Firma zerschlug sich, weil bereits Krieg war und der Geselle in Vaters Geschäft eingezogen war, so lernte er doch beim Vater seinen Beruf. Dazu gehörte natürlich auch der Besuch der Berufsschule in der Criegernstraße, der heutigen Straße des Friedens. Unter den Kriegsbedingungen wurde die Lehrzeit von vier auf dreieinhalb Jahre verkürzt. Im Herbst 1943 hielt er den Facharbeiterbrief in den Händen, musste aber zunächst zum Arbeitsdienst, der mit seinem Beruf wenig zu tun hatte. Es folgte eine kurze Zeit der Arbeit beim Vater in Radebeul, die schließlich mit der Einberufung zum Militärdienst endete. Er wurde, vielleicht auch wegen seiner Fingerfertigkeiten als Musiker, als Funker eingesetzt. Nach schwerer Verletzung eines Beines durch Granatsplitter an der Ostfront fand Hermann Claus bei polnischen, katholischen Schwestern Unterschlupf, wo er gut gepflegt wurde und dadurch einer Gefangenschaft entging. Auf abenteuerlichen Wegen und ohne Ausweispapiere kam er am 12. Juli 1946 heim, musste aber dann doch noch mal unters Messer eines Chirurgen. Die wieder aufgenommene Arbeit in Vaters Geschäft führte 1949 zum Erhalt des Meisterbriefes in seinem Fach (1999 konnte er dann den „Goldenen Meisterbrief“ feiern).

Wohn- und Geschäftshaus, um 1900

Wohn- und Geschäftshaus, um 1900

Die Geschäftsübernahme des väterlichen Betriebes erfolgte per 1. Januar 1954, woran sich eine kontinuierliche Tätigkeit in seinem Beruf, besser gesagt in seinen zwei Berufen, bis 1994 anschloss. Zusammen mit seiner Frau – kürzlich erst wurde die Diamantene Hochzeit gefeiert – zog er zwei Töchter auf. Siegfried Kebschull, der Ehemann seiner Tochter Christina, übernahm in den neunziger Jahren die Werkstatt und eröffnete in der Meißner Straße 113 ein Geschäft für Sanitärtechnik, er hatte nun den Schwerpunkt auf den Installateur gelegt.
Was versteckt sich aber hinter dem Doppelberuf von Hermann Claus? Grob formuliert kümmert sich der Installateur um Gas-, Wasser- und Abwasserleitungen für Küchen, Bäder und Toiletten sowie Heizung einschließlich entsprechender Geräte. Der Klempner ist zuständig für Blecheindeckungen an Dächern und Türmen, Dachkehlen, Dachrinnen und Regenfallrohre sowie Teilverblechungen an Fassaden und arbeitet somit mehr im Freien als der Installateur. Er bearbeitet vorwiegend Metalle (Fertigteile oder Meterware) arbeitet aber auch mit Kunststoffen. Nun hat Hermann Claus in Zeiten gelebt, wo klassische Materialien wie zB. Kupfer und Zink erst kriegsbedingt, dann in der DDR aus anderen Gründen nicht verfügbar waren, da blieb nur verzinktes Blech, Aluminium oder eben Plaste. Aber geht nicht, gab’s nicht, eine Lösung fand sich immer! Erst in den letzten vier Jahren bekam er auch Kupfer auf die Werkbank.

Auf dem Dach des Meinholdschen Turmhauses

Auf dem Dach des
Meinholdschen Turmhauses

Wo waren nun die Baustellen von Herrn Claus gewesen, frage ich ihn. Nicht ohne Stolz erzählt er mir, dass der Großvater, der Vater und auch er zu verschiedenen Zeiten für Friedrich Eduard Bilz bzw. seine Familie im Bilzbad, im Sanatorium und der Villa arbeiten konnten. Ähnlich war es auch bei Karl und Clara May, dem Indianer- bzw. Karl-May-Museum. Bei Arbeiten für die Berufsschule schließt sich ein Kreis – wo er einst lernte, durfte er später Reparaturen ausführen. Tragisch war aber ein Fall in der Ahornstraße 2, die 1942/43 errichtet wurde, da hatte er mit seinem Vater gearbeitet. Im Februar 1945, also nach kaum zwei Jahren, wurde das Haus durch einen Bombentreffer zerstört, wobei 31 Menschen den Tod fanden. Mehrmals waren auch an der seinem Haus gegenüber stehenden Lutherkirche durch ihn Klempnerarbeiten ausgeführt worden. Natürlich arbeitete die Firma Claus auch für eine Vielzahl anderer privater Haushalte. Für einen Klempner ist die Errichtung oder die Reparatur von Wetterfahnen bzw. Turmkugeln in doppeltem Sinne ein Höhepunkt, leider gab es davon in DDR-Tagen wenige. An zwei aber erinnert er sich gern: am Meinhold’schen Turmhaus (damals Dr. Thenius) und an der Moritzburger Straße 1. Mit mehreren Radebeuler Firmen aus dem Baugewerbe, so der Fliesenlegerfirma Häse, den Dachdeckern Bock und Schneider, der PGH Empor (heute Radebeuler Dachdecker GmbH) oder dem Kreisbaubetrieb, gab es wiederholt Zusammenarbeit auf Baustellen. Auch bei den berühmt-berüchtigten Taktstraßen zur Gebäudesanierung in den 70-er und 80-er Jahren war die Firma Claus ein verlässlicher Partner.
Zur Lutherkirche hatte Herr Claus immer gute Beziehungen, so wirkte er auch eine Zeit lang im Kirchenvorstand mit. In der Innung der Installateure und Klempner hatte er später die Position des Obermeisters inne. Man kann Hermann Claus bescheinigen, dass er in Radebeul wirklich kein Unbekannter ist. Viel hat er im Laufe seines Berufslebens für die Radebeuler Häuser und deren Bewohner getan – die Summe der Details, ob Wasserhahn oder Regenfallrohr, und die Bereitschaft in Notfällen zu helfen, machen es aus! Ich konnte mich überzeugen, dass es ihm auch in seinem 88. Jahr gut geht, dass er am Geschehen in Radebeul unverändert interessiert ist und auf ein reiches Berufsleben zurückblicken darf. Zum Schluss möchte ich noch wissen, wie er den in den letzten 20 Jahren stark zugenommenen Verkehrslärm der Meißner Straße verkraftet und ob er nicht mal wegziehen wollte. Nein, daran hat er nicht gedacht und der Lärm hat sich ja über längere Zeit entwickelt, so dass er sich daran gewöhnen konnte. Und eine gut bekannte Adresse ist für einen Handwerker auch wegen der Tradition und Präsenz wichtig, seine Kunden sollen ihn finden.
Vielleicht, wenn nicht die Kriegsverletzung gewesen wäre, hätte er den vom Vater vorgelebten Klettersport in der Sächsischen Schweiz weiter betreiben können, so bleibt als Hobby das Musizieren auf „der Hohner“ mit ihren 120 Bässen.

Dietrich Lohse

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