Entdeckungen und Begegnungen links der Elbe

Portal »Gnomenstieg«

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Was für ein Name: Gnomenstieg! Was für ein Weg, nein: Stieg, denn „steigen“ muss ich, muss auf einem schmalen Pfad das Tal verlassen und Höhe gewinnen, bis ich endlich oben stehe. Ich bin auf der Herrenkuppe, mit immerhin 211m höchste Erhebung des ältesten Cossebauder Weinbergs, der mit seiner urkundlichen Ersterwähnung im Jahre 1311 auch gleichzeitig einer der ältesten Weinberge im ganzen oberelbischen Weinland ist. Verblüfft stelle ich mit einem Blick auf die Karte fest, dass genau nördlich gegenüber, auf der anderen, auf „unserer“ Seite die Weinberge oberhalb von Schloss Wackerbarth sein müssen, die hoch gewachsenen Bäume verwehren jedoch den Blick. Zugegeben: Nur entfernt erinnert es hier noch an Weinbau, weil lediglich Freizeitwinzer kleinere Lagen der historischen, ortsüblich „Vorderberg“ genannten und ehedem immerhin 8,8ha großen Fläche bewirtschaften. Die Reblaus hatte 1890/91 eben auch linkselbisch gewütet, weshalb statt praller Reben an diesem prominentem Platz ein Denkmal dominiert, das sich bei näherem Blick als Bismarckturm entpuppt. Bismarckturm? Nun ja, eher ein Türmchen ohne Spitze, dafür aber liebevoll renoviert durch den Cossebauder Heimatverein, der sich im letzten Jahr darum kümmerte, das 1913 erbaute Denkmal jubiläumsgerecht herzurichten. Also ein Pendant zur Radebeuler Seite, zwar kleiner, aber feiner. Der nach Nordosten hin unbewachsene Berg gibt ungeahnte Perspektiven auf die Landeshauptstadt frei, die sich Cossebaude übrigens erst 1997 einverleibt hat. Apropos „einverleiben“: Zu Urgroßmutters Zeiten pendelten die Städter mit der ab 1906 fahrenden Straßenbahn nach Cossebaude, um besonders zur legendären Obstbaumblüte (Obstbäume waren schließlich vor der Reblaus sicher!) in Restaurationen wie der „Parkschänke“, der „Liebenecke“ oder im gewaltigen, neugotisch anmutenden „Osterberg“ des Sonntags Köstlichkeiten zu genießen. Leider gibt es diese Lokale heute nicht mehr, denn eine Stärkung käme mir jetzt ganz gelegen. Ich beginne zu ahnen, dass Cossebaude viele bezaubernde Ecken hatte und noch immer hat. Weshalb ich weiter gehe und bereits nach wenigen Metern eine eindrucksvolle Toranlage passiere, die allein schon den Aufstieg gelohnt hätte (siehe Bild). Bald schon erreiche ich die Weinbergstraße und schaue mich um, ob sie ihrem Namen noch so gerecht wird wie ihre Schwester in Oberlößnitz. Und tatsächlich, am oberen Ende dehnen sich Zeilen südlich aus, eine kleine Terrassenlage, was ja an sich schon eine Besonderheit ist.
„Entschuldigung, darf ich hier durchgehen?“, frage ich einen Mann mit Weste und Hut, dem man ansieht, dass er wind- und wetterfest, sich für Arbeit im Freien nicht zu schade ist. Wie es der Zufall will, begegne ich Rolf Fehrmann, dem einzigen hauptberuflichen Winzer in Cossebaude, der hier seit 1998 eine bis dahin zum Staatsweingut Wackerbarth gehörige Fläche bewirtschaftet. Ob er ein paar Minuten Zeit für mich hat? Er nimmt mich mit auf einen Gang durch seinen Weinberg, was für ein Glück! „Auf knapp 4 Hektar, davon überwiegend in Steillage, wird vor allem Weißburgunder und Blauer Spätburgunder angebaut, aber auch Dornfelder, Traminer und Pinotin.“ Nun würde ich mich zwar nicht als Fachmann bezeichnen, aber die gängigen Rebsorten kenne ich dem Namen nach. Doch „Pinotin“ sagt mir gar nichts. „Pinotin ist eine recht neue, auf dem Blauen Spätburgunder basierende Rebsorte, die sehr resistent gegen Mehltau und auch widerstandsfähig gegen Spätfröste ist“, erklärt mir der Winzer. Während wir durch den Weinberg gehen, erfahre ich, dass Rolf Fehrmann das Gut überwiegend allein bewirtschaftet, nur im Sommerhalbjahr unterstützt durch einen Angestellten. Kein Wunder, dass zur Lese dann Familie und Freunde mithelfen müssen, um die Reben einzubringen. Von oben schweift mein Blick talwärts und bleibt am Winzerhof hängen. „Den haben wir völlig marode übernommen und mussten 2 Jahre bauen, ehe wir ihn 2002 als Wohnhaus beziehen konnten.“ Und darin wird auch der Wein gekeltert, nehme ich an? „Nein, wir sind klassischer Traubenerzeuger. Ausgebaut wird unser Wein bisher fast ausschließlich im Meißner Weinhaus von Georg Prinz zur Lippe, dessen Etikett die Flaschen dann auch tragen.“ Schade, ich hätte doch gern mal etwas von dem probiert, was hier sonnenverwöhnt reifte. „Kommen Sie mal, ich hätte da etwas für Sie.“ Neugierig folge ich dem Winzer die steilen Treppen hinunter, bis er mir im kleinen Gastraum eine Auswahl an Flaschen zeigt, die alle das Etikett „Weinbau Fehrmann“ tragen. „Das sind meine Hausweine, die Sie nirgendwo kaufen oder bestellen können, die gibt es nur bei mir! Denn eine kleine Menge lasse ich in der Nachbarschaft so keltern, wie ich es mir vorstelle!“ Dem ersten Schluck folgt ein zweiter, diesem ein dritter, bis ich mich danach erkundige, wann man denn offiziell und in größerer Runde einkehren könnte, denn eine Straußenwirtschaft wird ja offensichtlich nicht betrieben. „Kommen Sie zu den Adventssonntagen, oder nächstes Jahr zu Ostern oder Pfingsten. Oder Sie mieten sich einmal für eine Feier bei mir ein, das geht auch.“

Weingut Fehrmann

Weingut Fehrmann

Nun wird es aber Zeit, dass ich mich wieder auf den Weg mache. Beschwingten Schrittes geht es die Talstraße hinab, immer entlang des Lotzebachs, bis ich wieder am Ausgangspunkt in der Nähe der Bahngleise lande. Gnomenstieg. Was für ein Nachmittag!
Bertram Kazmirowski

Kontakt: Weinbau Fehrmann, Talstraße 62, 01156 Dresden, info@weinbau-fehrmann.de oder
http://www.weinbau-fehrmann.de

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