Ein Künstler aus dem Volke

Zur Erinnerung an den Radebeuler Maler und Grafiker Horst Hille (1941-2015)

»Meine Bilder sind meine eigene
nicht endende Geschichte
und diese ist voller Menschen.«

Horst Hille, Tagebuchaufzeichnungen

Horst Hille im Oktober 2014, Foto: K. Baum

Horst Hille im Oktober 2014, Foto: K. Baum

Am 26. Januar 2015 verstarb im Alter von 73 Jahren der Radebeuler Maler und Grafiker Horst Hille. Sein künstlerisches Wirken war eng mit der Lößnitzstadt verbunden, die für ihn seit 1947 zur zweiten Heimat wurde und eine unerschöpfliche Fülle an darstellenswerten Motiven bot. Zu seinem 70. Geburtstag machte sich Horst Hille ein Geschenk. Er malte seinen Lebenslauf als eine Bildergeschichte und nannte diese »Verlorenes-Gefundenes Zuhause«. Zu sehen sind auf dem Tafelbild wichtige Stationen seines Lebens: Die Vertreibung im Jahr 1946 aus dem Elternhaus in Aussig (heute Ústí nad Labem in Tschechien) – die Fahrt mit der Zille auf der Elbe – das Umsteigen im zerstörten Dresden – der kalte Winter auf Rügen – Radebeul Weinhängen, Elbe und Altkötzschenbroda – das Grab des Vaters – die Beerdigung der Mutter – die Arbeit auf dem Bau – die Armeezeit – das Atelier und natürlich auch Ute (Gebauer), welche ihm Geliebte, Muse, Modell und Partnerin war. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges hinterließen bei Horst Hille tiefe Spuren. Verlust und Neubeginn wirkten prägend. Der Vater starb in der Kriegsgefangenschaft. Als die Mutter aus dem Leben schied, war er neun und seine Schwester elf Jahre alt. Die Geschwister wuchsen bei der Großmutter mit Onkel, Tante und Cousine auf. Das Geld war knapp, die Großmutter musste oft anschreiben lassen. Zur Schule ging er in Kötzschenbroda. Beim Radebeuler Baumeister Max Umlauft hat er gelernt und als Maurer gearbeitet. Freundschaften sind in jener Zeit entstanden und viele haben ein Leben lang gehalten. Nachdem Horst Hille seine Tätigkeit als Maurer aus gesundheitlichen Gründen beenden musste, wendete er sich ab 1970 verstärkt dem künstlerischen Schaffen zu. Den staatlichen Organen war er ein Dorn im Auge. Wer zu jener Zeit in der DDR keine feste Anstellung nachweisen konnte, galt als arbeitsscheu. Mehr schlecht als recht bestritt er seinen Lebensunterhalt. Hilles Domizil befand sich zunächst auf der Vorwerkstraße in Kötzschenbroda. Später bezog er ein kleines Hinterhaus auf der Kottenleite. Mit Freunden wurde es zum Wohnatelier ausgebaut. Die Behausung war recht bizarr – so ganz anders als das, was zu DDR-Zeiten üblich war. Darin dicht gedrängt, in wohlüberlegter Ordnung: Plastiken, Malutensilien, Bilder, Bücher, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs und verschiedenstes Sammelgut, was Hilles Sinn für schöne Details und handwerkliche Solidität offenbarte. Richtungsweisend wirkte sich die Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit dem Maler und Grafiker Gunter Herrmann aus, der Horst Hille zum Erproben druckgrafischer Techniken anregte und ihm schließlich vorschlug, sich um die Aufnahme im Verband Bildender Künstler zu bewerben, damit er eine Steuer- Nummer bekommt und abgesichert ist. In den Verband Bildender Künstler aufgenommen zu werden, war allerdings nicht leicht. Es galten strenge Regeln und eine Aufnahmekommission wachte drei Jahre über die Kandidatur. Gunter Herrmann wurde Horst Hilles Mentor. Die erste große Ausstellung fand 1978 in der Alten Pfefferküchlerei/Weißenberg statt. Die Verbandsaufnahme erfolgte 1979. Der Druck existenzieller Unsicherheit begann
zu weichen. Er war bekennender Autodidakt und galt in der Kunstszene als eine Art Exot. Ab Mitte der 1980er Jahre genoss er öffentliche Anerkennung über Radebeul hinaus und war mit seinen Bildern in der IX. und X. DDR-Kunstausstellung vertreten.

»Selbst« 1988, Tusche , Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

»Selbst« 1988, Tusche , Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

Horst Hille gehörte zu den Mitinitiatoren des Radebeuler Grafikmarktes, an dem er sich alljährlich mit kleinformatigen Grafiken, Zeichnungen und Aquarellen beteiligte. Zur Radebeuler Stadtgalerie pflegte er seit deren Bestehen eine sich gegenseitig befruchtende Beziehung, was nicht zuletzt in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen zum Ausdruck kam. Er hielt die Augen stets offen für das, was um ihn herum geschah. Mit seiner Kunst hat er sich immer wieder eingemischt auf leise, freundliche, humorvolle Art und trotzdem sehr eindringlich und klar. Aufregen konnte er sich über zerstörerische Eingriffe in die Natur, den Verfall oder die Verschandelung alter Gebäude. Bedroht fühlte er sich von Hubschraubern, Kreissägen und Rasenmähern. Szenen des Alltags setzte er vor allem in seinen kleinformatigen Tafelbildern häufig in ein gesellschaftliches Bezugssystem.

»Sterbendes Gehöft« 1988, Tusche, Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

»Sterbendes Gehöft« 1988, Tusche, Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

Gunter Herrmann stellte 1988 in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung in der Kleinen Galerie Radebeul sehr zutreffend fest: »Horst Hille ist Arbeiter. Er ist es auch als Künstler und will nichts anderes sein …Das Kleinbürgerliche ist eines seiner Hauptthemen in einer für ihn typischen Ironisierung. Seine Ironie ist gleichermaßen entlarvend wie auch liebevoll, verständnisvoll. Vielleicht ist es diese Art der Menschlichkeit, die den Arbeiten von Horst Hille die weite Verbreitung brachte.« Werke von Horst Hille befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Zwei kleine Ölbilder besitzt die Stadt Radebeul.

Carnevale »Fleisch lebewohl« 2001, Öl auf Hartfaser, Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

Carnevale »Fleisch lebewohl« 2001, Öl auf Hartfaser, Bild: Archiv Stadtgallerie Radebeul

Seine Grafiken, Bilder und handlichen Kleinplastiken kann man aber auch in den Wohnungen vieler Menschen entdecken, die sich daran tagtäglich erfreuen. Diese große Popularität und Akzeptanz erlangte Horst Hille, weil er die Sprache breiter Schichten des Volkes sprach und von diesen verstanden wurde. Weit über hundert Trauernde kamen zur Beerdigung auf den Kötzschenbrodaer Friedhof, um von Horst Hille Abschied zu nehmen. Er wird uns sehr fehlen. Was bleibt, ist seine Kunst. Was bleibt, sind die Erinnerungen an einen warmherzigen Menschen, der auch mit unserem Leben eng verbunden war, insofern verlieren wir mit ihm auch ein Stück von uns selbst.

Karin Baum

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2 Kommentare

  1. Bernd Hoffmann
    Veröffentlicht am Mo, 16. Jan. 2017 um 17:42 | Permanenter Link

    Seit unserem gemeinsamen VBK-Kandidatenlehrgang 1979 in Rammenau
    hatten wir lockeren Kontakt und schickten uns jedes Jahr eine selbstgestaltete Neujahrskarte.
    Ich habe eben erst vom Tod Horsts erfahren und bin erschüttert und traurig.
    Bernd Hoffmann

  2. Manfred J. Matschke
    Veröffentlicht am Sa, 23. Dez. 2017 um 23:39 | Permanenter Link

    Ich habe heute nach dem Umzug viele Bilder von Horst Hille an den Wänden neu platziert und wollte mich nun nach langer Zeit – Anfang der 1990er Jahre – nach ihm erkundigen, um mich erneut mit ihm in Verbindung zu setzen. Damals war ich öfter bei ihm in Radebeul und habe Vor- und Nach-Wende-Kunst von ihm gekauft. Leider ist nun ein Zusammentreffen mit ihm nicht mehr möglich. Ich bin darüber sehr traurig, aber seine Kunst wird mich weiter erfreuen.
    Prof. Dr. Manfred Jürgen Matschke

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