Mit Tom Tagtraum durch das Jahr 2016

Du musst Träumen ihre Entstehung zulassen, denn nur so kann irgendwann ein Teil davon auch Wirklichkeit werden.

Kapitel 3:

Zur Insel Golanzkanafuetenero

Es muss ein Jahr gewesen sein, in dem 13 Monate hintereinander November hießen. Und nicht mal solche ruhigen November, wie wir sie vielleicht mit Spaziergängen auf ockerbuntem Lärchennadelteppich, Drachensteigen und bei heißem Holunderbeersaft angenehm in Erinnerung haben, sondern jene, für die der arme Monat oft als schlechter Vergleich herhalten muss: Nebel, Sturm über Stürme, Nasskälte und peitschender Regen, ein Gefühl, als ob der alte Friedhof noch der lebendigste Ort weit und breit wäre. An solch einem Tag, es mag noch nicht der 35., vielleicht der 34. aber ganz bestimmt schon der 33. November sein, verlässt Tom Tagtraum ganz früh das Haus. Seine quietschgelbe Straßenbahn bringt ihn im müden Tempo zum noch leeren, auch längst noch nicht ausgeschlafenen dunkelroten Zug, und als der seine Fahrt in einem Tunnelterminal beendet, wartet zwei Etagen darüber schon Toms kleines, hellblaues Flugzeug. Über eine schmale Leiter klettert Tom mit seinem Gepäck hinauf, Thomas, der Pilot, grüßt ihn mit Handschlag und Schulterklopfen. Wie nur lassen wir den Piloten Thomas aussehen, nach der doch so ulkigen Verkleidung des Fahrers der quietschgelben Straßenbahn? An dieser Stelle fallen dem Erzähler zwei Möglichkeiten ein: Entweder ein Flugkapitän alter Schule in dunkelblauer Uniform, mit Schirmmütze und vier goldfarbenen Ärmelstreifen oder eine Art Comicfigur in einer zum Flugzeugmodell umgeschmiedeten Ritterrüstung mit einer Amtskette aus lauter Schlagsahne-Windbeuteln um den Hals. Es stünde die Frage, ob Tom eine Reise als Beinahe-Diplomat anträte in ein gediegenes Hotel nach Paris, New York, Moskau oder Brüssel, oder eher nach Fantasialand, dorthin, wo alle Comics ihr Zuhause haben. Aber unsere Frage erübrigt sich. Durch die Fenster des Flugplatzcafés ist trotz des Morgendunkelgraus nicht nur zu erkennen, wie Tom im kleinen, hellblauen Flugzeug verschwindet, sondern auch wie Thomas, der Pilot, in Jeans und Kurzarmhemd die Tür verschließt. Noch ehe eine weitere Tasse Kaffee bestellt ist, saust der kleine Flieger auch schon los und ist schnell mit Tom Tagtraum über all den Grauwolken in die Morgensonne aufgestiegen. Tanja, die Stewardess, bringt Tom einen Schokoladeneisbecher mit vielen Früchten, Schlagsahne, Himbeerstreuseln, Quittensirup und Vanillewaffel. Fort geht’s aus dem Novembergrau zur Sonneninsel Golanzkanafuetenero.

Diesmal ist Tom längst nicht der einzige Gast, der auf dem Flugplatz der Sonneninsel landet. Massen von Menschen warten auf ihr Gepäck, drängeln sich in der Ankunftshalle, warten, bis sie zu den Taxis und Bussen können, die sie in ihre Ferienhotels bringen sollen. Aber Tom weiß längst, wo sich sein Zimmerchen auf der Sonneninsel befindet, gleich hinter den zwei Bergen am Ende der Meeresbucht ist es. Aus dem Handgepäck holt er seine mausgrauen Meilensprung-Stiefeletten, die, mit einem zusätzlichen, riesig-stahlschwarzen Hufeisenmagneten versehen auch gleich seinen großen Reiserucksack aus all den Gepäckmassen ziehen. Schritt-Sprung-Schritt-Sprung-Sprung. Schon blickt Tom vom Balkon seines Zimmerchens aufs Meer, und als dann noch ein geheimnisvolles Geräusch wie pengknatterdieuff-uff zu vernehmen ist, liegt das große Tom-Abenteuer-Notizbuch auf dem Tisch, sind alle T-Shirts, Schlüpfer, Shorts und Sandalen im Schrank verstaut, steht das Waschzeug im Bad in Reih und Glied und sein Handy tankt Strom an der Steckdose. Das dies alles in bester Ordnung geschah, wird Tom später feststellen, denn längst schwimmt er im Meer, springt in die kleinen Wellen, taucht über den sandigen Grund, lässt sich in der Sonne trocknen, rennt den Strand auf und ab… Wie hatte doch gleich der Tag heute begonnen?
Nun, sein kleines Flugzeug in Hellblau wird die nächsten Tage etwas verschlafen sein, wie die quietschgelbe Straßenbahn und der dunkelrote Zug am Morgen. Termine hin und Schulferien her, ein Weile wird Tom auf der Sonneninsel Golanzkanafuetenero bleiben, bevor er wieder die mausgrauen Meilensprung-Stiefeletten hervorholt, um vom Ende der Seebucht über die zwei Berge zurück zum Flugplatz zu gelangen. Schließlich gibt es auch etwas, das ihn immer wieder nach Hause zieht.

Tobias Märksch

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