Ein seltener Glücksfall

Künstlerischer Nachlass von Karl Sinkwitz (1886-1933) in der Radebeuler Stadtgalerie

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Karl Sinkwitz »Kötzschenbroda Hauptstraße«, Aquarell, Mai 1909        Repro: Radebeuler Stadtgalerie

Die interessierten Kunstfreunde können sich freuen. Erstmals gibt eine Ausstellung umfassenden Einblick in das Schaffen des Malers und Grafikers Karl Sinkwitz, der sich zu Lebzeiten als talentierter Architektur-, Landschafts- und Porträtmaler sowie als Gebrauchsgraphiker einen Namen gemacht hatte. Bekannt wurde er vor allem durch seine Stadtbilder von Bautzen, für die er öffentliche Anerkennung erfuhr. Wenngleich der Künstler über eine längere Zeit in Bautzen wirkte, befand sich sein eigentlicher Wohnsitz in der Landgemeinde Niederlößnitz (heute ein Ortsteil von Radebeul) auf der Blumenstraße 5. Dort lebte er am Fuße der Lößnitzhänge in der eigenen kleinen Villa mit seiner Frau Charlotte und den beiden Söhnen Bernhard und Hermann. Auch die heimische Kulturlandschaft bot ihm Anregung und viele darstellenswerte Motive.

Nach dem frühzeitigen Ableben im Jahr 1933 geriet der Künstler nahezu in Vergessenheit.

Acht Jahrzehnte später ereignete sich ein seltener Glücksfall. Die Städtische Kunstsammlung Radebeul erhielt von der „Erbengemeinschaft Sinkwitz“ im Jahr 2012 eine sehr umfangreiche Schenkung. Damit war sie dem Wunsch von Bernhard Sinkwitz nachgekommen, den künstlerischen Nachlass seines Vaters an dessen Heimatstadt zu übergeben.

Obwohl Bernhard Sinkwitz – ein Pfarrer im Ruhestand – seit vielen Jahren in Freiberg lebte, ist seine Bindung zur Lößnitzstadt nie abgerissen. Wenn er in Radebeul weilte, besuchte er sein Elternhaus und das Familiengrab auf dem Friedhof in Radebeul-West. Hin und wieder kam er dann auch in die Stadtgalerie und erzählte von seinem Vater, dem Kunstmaler Karl Sinkwitz. Besonderes Interesse zeigte er an der Gedenkausstellung zum 125. Geburtstag von Paul Wilhelm (1886-1965), einem engen Freund des Vaters.

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Karl Sinkwitz »Selbstbildnis«, Kohle/LW, o. J.         Repro: Radebeuler Stadtgalerie

Im Frühjahr 2012 erreichte die Galerie ein Anruf. Die Nachlasspflegerin Carola Kamptner teilte mit, dass Bernhard Sinkwitz im Juni 2011 verstorben sei und der Radebeuler Stadtgalerie die Bilder seines Vaters hinterlassen habe.

Das Konvolut umfasste insgesamt knapp 400 Einzelexponate, wobei es sich – das muss einschränkend angemerkt werden – dabei nicht ausschließlich um Werke von Karl Sinkwitz handelte. Manches Blatt mag ihm als anregende Vorlage gedient haben und auch Sohn Bernhard hatte wohl alles, was ihm an Arbeiten (auch von anderen Künstlern) aufhebenswert erschien, in den Grafikmappen des Vaters deponiert.

In diesen vier Mappen befanden sich Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Grafiken, Skizzen und Entwürfe, dazwischen Unmengen von vergilbtem Seiden- und Pergamentpapier. Die gerahmten Bilder hingen zum Teil noch an den Wänden. Außerdem gehörten zum Konvolut zwei Skizzenbücher und einige Druckplatten sowie eine kleinere Mappe mit Briefen und Postkarten.

Die Art der Lagerung hatte den Arbeiten im Laufe der Zeit stark zugesetzt. Die Blätter waren stockfleckig und von Schädlingen befallen, was die Begutachtung durch einen Papierrestaurator dringend erforderlich macht. Trotz des bedenklichen Zustandes stellte sich recht schnell heraus, dass mit der Schenkung des Konvolutes, welches Werke aus nahezu allen Schaffensperioden enthielt, ein nahezu weißer Fleck in der Radebeuler Künstlerlandschaft endlich mit Farbe gefüllt werden kann.

Obwohl Karl Sinkwitz mit Paul Wilhelm, Karl Kröner, Theodor Rosenhauer, Ruth Meier und Burkhart Ebe den kollegialen Austausch pflegte und durch jene große Wertschätzung genoss, ist er heute nur noch wenigen Kunstfreunden ein Begriff.

Selbst im Aufsatz „Die Lößnitz und ihre Künstler“, verfasst von dem profunden Kenner der Radebeuler Kunstszene Dieter Hoffmann, welcher 1998 in der Reihe „Dresdner Hefte“ erschien, sucht man den Namen Karl Sinkwitz vergebens. Und sogar im Radebeuler Stadtlexikon wurde nicht der 9. April, sondern fälschlicherweise der 9. März 1886 als Geburtsdatum ausgewiesen.

Im Auftrag der Stadtgalerie recherchierte die Dresdner Kunsthistorikerin Katrin Bielmeier zu Karl Sinkwitz in Archiven, Museen und sonstigen Einrichtungen. So wissen wir nun, bei welchen Lehrern und mit wem er an der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule studierte und dass sich Werke von Karl Sinkwitz in Museen der Städte Bautzen, Zittau, Görlitz und Dresden befinden. In verschiedenen Textbeiträgen fanden sich Hinweise auf Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Aussagen zur Biografie und zum künstlerischen Werdegang waren jedoch rar.

Völlig unerwartet geschah dann wiederum etwas ganz Erstaunliches. Zu Beginn des Jahres 2016 kam ein Anruf von den Bewohnerinnen der Villa auf der Blumenstraße, in welcher die Witwe des Künstlers noch bis zu ihrem Tode im Jahr 1977 gelebt hatte. Sie fragten an, ob die Stadtgalerie an zwei Bildern von Karl Sinkwitz als Leihgaben für die geplante Gedenkausstellung Interesse habe. Aus Platzgründen wurde das Angebot höflich abgelehnt, die Einladung zum Kaffeetrinken hingegen freudig angenommen, bot sich doch damit eine gute Gelegenheit, Haus, Atelieranbau, Garten und natürlich auch die zwei erwähnten Bilder einmal näher in Augenschein zu nehmen. Allerdings ließ an diesem Ort kaum noch etwas auf das Wirken des Künstlers schließen. Und doch sollte der Nachmittag eine große Überraschung bieten. Für die Kunstsammlung wurden sieben Schreibmaschinenseiten übergeben. Es handelte sich dabei um die Erinnerungen von Dr. Fritz Hempel, den um zwei Jahre jüngeren Vetter von Karl Sinkwitz, die er 1964 zu Papier gebracht hatte. Die Aufzeichnungen waren für die Zuordnung der Werke, welche sich in der Nachlassschenkung befanden, äußerst hilfreich. Sehr einfühlsam und kenntnisreich hatte der fast Gleichaltrige Lebensumstände und künstlerische Intentionen von Karl Sinkwitz beschrieben.

Sowohl die Aufzeichnungen von Dr. Fritz Hempel als auch der im Konvolut befindliche Briefwechsel zwischen Karl und Charlotte Sinkwitz lassen das Hin- und Hergerissensein des Künstlers zwischen notwendigem Broterwerb, künstlerischem Selbstfindungsprozess, öffentlicher Anerkennung und der Sehnsucht nach einer eigenen Familie mit Frau und Kindern in schwierigen Zeiten unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, während der Inflation und vor der Machtergreifung Hitlers erahnen.

Dass das nachgelassene Werk des früh verstorbenen Künstlers Karl Sinkwitz in der Region erhalten bleibt und öffentliche Verbreitung erfährt, dafür will die Radebeuler Stadtgalerie gern ihren Beitrag leisten. Mit dieser Gedenkausstellung wurde nun der vielversprechende Anfang gemacht für eine kunstwissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung.

Karin (Gerhardt) Baum

Zum 130. Geburtstag von Karl Sinkwitz findet am 9. April um 11 Uhr auf dem Friedhof in Radebeul-West ein stilles Gedenken statt.

Ein weiterer Beitrag, der ausführlich auf Leben und Werk des Künstlers eingehen wird, erscheint in der nächsten Ausgabe des kulturellen Monatsheftes.

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