Geschichtlicher und wirtschaftlicher Abriss von NIEDERLÖSSNITZ anhand seiner Straßen und Bauwerke

Die Radebeuler Gemeinden von Nieder- und Oberlößnitz wurden spät, erst 1839, gegründet. Die anderen Altgemeinden bestanden nach urkundlichen Erwähnungen bereits seit dem 13. und 14. Jahrhundert.
Niederlößnitz liegt etwa in der Mitte der Altgemeinden Naundorf, Lindenau-Oberort, Wahnsdorf, Oberlößnitz, Serkowitz und Kötzschenbroda und war vor 1839 eine sehr dünn besiedelte landwirtschaftliche Fläche. Die Hauptkultur war der Weinbau sowohl in Steillagen als auch in flacheren Lagen. Hier gab es nur ein paar Winzerhäuser und einige Herrenhäuser, meist mit großen Abständen untereinander.

Ehemaliges Rathaus Niederlößnitz,
Rosa-Luxemburg-Platz 1 (1892-95) Foto: D. Lohse

Niederlößnitz erstreckt sich über ca. 3km von Ost nach West und ca. 1,5km von Nord nach Süd – auf der Karte bildet es ein lang gestrecktes Dreieck vom Lößnitzbach bis zu Wacker-barth’s Ruhe und von der oberen Hangkante etwa bis zur Meißner Straße.
Nur wenige archäologische Funde wie südlich vom „Luisenstift“, deuten auf eine ältere Besiedlung vor dem 16. Jahrhundert hin. So könnten auch einzelne Gebäude im 30-jährigen Krieg (1618-1648) total zerstört und nicht wieder aufgebaut worden seien. Größere Häuser, die nach diesem Krieg in Niederlößnitz errichtet und z.T. später umgebaut wurden, sind: Schloß Wackerbarth’s Ruhe, Altfriedstein, das Mohrenhaus, die Friedensburg, Haus Minckwitz und der Grundhof. Daneben existierten noch die kleineren Winzerhäuser u.a. „Fliegenwedel“, „Liborius“, „Lotter“, „Reinhardsberg“, „Möbius“, „Claus“ und „Barnewitz“ in Niederlößnitz.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts war der Weinanbau auf der Heidesandterrasse allmählich rückläufig und wurde schließlich durch die Reblauskatastrophe nach 1885 völlig beendet. Nach 1830 entstanden neben o.g. Winzerhäusern ein paar einzelne Wohnhäuser, u.a. Winzerstr. 1, und ab 1860 setzte in Niederlößnitz schließlich der große „Bauboom“ mit Landhäusern, Wohnhäusern und kleinen und auch großen Villen ein. Den größten Anteil am Aufbau in Niederlößnitz hatten die Baumeisterfamilien Große (Kötzschenbroda) und Gebr. Ziller (Serkowitz). Das spiegelte sich natürlich in der Bevölkerungsentwicklung von Niederlößnitz wider: 1856 nur 668 Einwohner und 1890 schon 2981, was fast einer Verfünffachung entsprach. Niederlößnitz lag damit nach Kötzschenbroda (1890 mit 4577 Einwohnern) auf dem zweiten Platz aller 10 Altgemeinden, hier zum Vergleich die 2017 für Niederlößnitz ermittelte Einwohnerzahl: 8521! Oberlößnitz hat eine ganz ähnliche Entwicklung genommen.
Das hatte auch auf das Straßen- und Wegesystem im Niederlößnitzer Revier Einfluss. Gab es vor 1860 nur Wirtschaftswege, Verbindungen zwischen den Winzer- und Herrenhäusern, Wege die der Topografie folgten – untere, mittlere und obere Bergstraße, diagonal verlaufende, unbefestigte Viehtriebe, so wurde das ehemalige Weingelände nun kleinteilig parzelliert und einem Rastersystem folgend, befestigte Straßen angelegt, parallel verlaufend und sich rechtwinklig kreuzend. So entspricht z.B. der Verlauf der heutigen Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße dem alten Wegesystem, und der der Hohen Straße dagegen dem neueren System. Mit dem neuen Straßensystem entstanden auch kleinere Plätze, wie der Rosa-Luxemburg-Platz oder der Zillerplatz.
Mit Gärten, Parks und Straßenbäumen in Niederlößnitz kam es zu einer überdurchschnittlichen Begrünung und damit zu einer guten Lebensqualität – zum Vergleich muss man nicht Stadtteile von Radebeul ansehen, sondern sollte andere Städte mit geschlossener Bebauung wie Meißen oder Großenhain betrachten.

Siedlungshaus, Rosa-Luxemburg-Platz 3 (1924) Foto: D. Lohse

In der Zeit des Aufschwungs – auch als Gründerzeit bezeichnet – entstanden in Niederlößnitz Schulen (Luisenstift), Kranken- und Pflegeeinrichtungen (Krankenhaus Heinrich-Zille-Str.), Verwaltungs- (Rathaus Niederlößnitz) und Handelseinrichtungen (priv. Läden), Gaststätten (Goldne Weintraube), etliche Gartenbaubetriebe und einzelne andere Betriebe (Bussard-Sekt-Kellerei), also ein funktionierendes Gemeinwesen. Die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts brachten für Niederlößnitz ein paar neue Siedlungshäuser (Gebiet zwischen Heinrich-Zille-Str. und Winzerstr.), eine katholische Kapelle an der Borstraße (die spätere Kirche) und den Verwaltungsbau des Elektrobetriebes Gröbawerke im Körnerweg. In jener Zeit bestand in Niederlößnitz ein dichtes Netz von Läden und Versorgungseinrichtungen mit kurzen Wegen für die Anwohner – über diese gute Versorgung können wir heute nur staunen!
Zerstörungen aus dem 2. Weltkrieg sind in Niederlößnitz zum Glück nicht zu beklagen gewesen. Zwischen 1945 und 1989 änderte sich hier wenig, es entstand ein Theater, die Landesbühnen Sachsen in der ehem. Goldenen Weintraube, eine Reihe von DDR-mäßigen, größeren Neubauten (Hohe Straße), ein paar Typen-Einfamiliehäuser kamen hinzu, Kindergärten entstanden in alten Villen oder auch als Neubau, ein Krankenhausneubau und eine neue Kaufhalle am Rosa-Luxemburg-Platz wurden errichtet, dafür schlossen ein paar kleinere Läden – der Charakter unseres Stadtteils blieb aber im Wesentlichen erhalten.
Ab 1990 erkennen wir dann ein paar weitere Veränderungen in Niederlößnitz. Von den vielen bis dahin noch arbeitenden Gärtnereien schließt eine nach der anderen, u.a. weil der holländische Einfluss auf diesem Wirtschaftssektor zu stark war. Die Suche nach Baulücken (da gibt es durchaus einen Zusammenhang mit o.g. Gärtnereien) und darauf fußend der Wunsch, sich ein möglichst individuelles Eigenheim oder ein eher rentierliches Mehrfamilienhaus bauen zu lassen wuchs, sowohl durch immer hier ansässige, wie auch durch zugereiste Bauherren, von denen ein paar inzwischen auch Niederlößnitzer geworden sind und sich hier wohl fühlen. Schule und Krankenhaus konnten abermals erweitert werden und beim Krankenhaus (Elblandkliniken) wird demnächst eine erneute Erweiterung vollendet werden. Niederlößnitz hat mehrere Pflegeheime, teils in Altbauten, teils als Neubau. In Radebeul insgesamt gesehen kamen einige neue Kaufhallen hinzu und zwangsläufig änderte sich erneut das Kaufverhalten, was dazu führte, dass der Einzelhandel in Niederlößnitz abermals, fast könnte man von „gegen Null“ sprechen, zurückging. Mein Bäcker Ecke Humboldtstraße/ Winzerstraße blieb uns bis jetzt aber erhalten! Aus ehemaligen Eckläden entstanden jetzt in den meisten Fällen Wohnungen. Hausabrisse blieben die Ausnahme (wie der ehem. Ratskeller Niederlößnitz), dafür wurden viele Häuser (stellvertretend seien die Gröba-Häuser an der Ostflanke des Rosa-Luxemburg-Platzes genannt) und Villen saniert. Wir stellen fest: Niederlößnitz ist immer noch relativ locker bebaut, gut durchgrünt und lebenswert. Und nun wird gerade zum Fest die Neugestaltung des zentralen Rosa-Luxemburg-Platzes fertig sein, na ja, sagen wir fast fertig, da dürfen wir uns doch freuen!
Die für mich über die Zeit auffälligsten Veränderungen sehe ich beim Wegfall der ehemals zahlreichen Gartenbaubetriebe und privaten Läden im Kernbereich von Niederlößnitz, also im Radius von etwa 500m um das ehem. Rathaus und dafür aber eine Zunahme von Wohnbebauung.

Dietrich Lohse

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