Kynastweg 37 – ein übersehenes Winzerhaus?

Herr Georg Wulff hatte 2003 versucht, alle Radebeuler Winzerhäuser (immerhin hat er 34 gefunden) in einem Artikel für die Mappe „Beiträge zur Stadtkultur“ des Vereins Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. zu erfassen und darzustellen. Sicherlich war das verdienstvoll, vielleicht liegt aber die Schwierigkeit bei der Definition und Abgrenzung, wo spricht man von Winzerhaus und wo nicht mehr. Hinzu kommt, dass der Begriff „Gut“ sowohl für Weingut als auch für Bauerngut verwendet wurde und wie später von mir dargestellt, hier beide Nutzungen nacheinander stattgefunden hatten. In einigen Fällen sind die Grenzen wohl auch durch An- und Umbauten fließend. Jedenfalls taucht in seiner Auflistung das „Gut Baurick“, lange Zeit Kynastweg 35, jetzt aber Kynastweg 37, nicht auf. Es gibt unter den Winzerhäusern viele, deren Eigennamen wie „Haus Breitig“, „Haus Lotter“ oder „Bischofspresse“ in Radebeul durchaus geläufig sind. Wenn ich aber meine Freunde und Bekannten nach „Gut Baurick“ fragte, bekam ich als Antwort nur ein Kopfschütteln. Dem will ich Abhilfe schaffen!

Ansicht von Westen, um 1912
Bild: Sammlung H. Sparbert

Der Lehrer und verdienstvolle Heimatforscher Curt Reuter (1893-1967) hatte mal ein paar Namen und Fakten zur Geschichte dieses Grundstücks in Zitzschewig unter Brandcataster-Nr. 92 notiert, die will ich verwenden und ein wenig ergänzen. Demnach wurden im 17. Jahrhundert an diesem Ort unter Mitwirkung von Magister Daniel Hänichen lediglich zwei oder drei Weinberge (Mörisch, Gänsekragen, Cunzen- oder Katzenberg) jedoch kein Gebäude ge- bzw. verkauft. Diese Weinberge lassen sich heute kaum noch exakt zuordnen, bis auf den Gänsekragen, der mit dem Flurstück 362, Gem. Zitzschewig identisch sein dürfte, auf dem auch das Winzerhaus liegt.

Ölbild »Westansicht Gut Baurick« von Alfred Richter, 1958
Bild: Privat

Erst 1706 kauft lt. Kaufvertrag Hans Wolf von Schönberg zwei Weinberge mit Haus (bez. als Winzerhaus, Stall u. Presse). Demzufolge wird das Haus zwischen 1656 und 1706 errichtet worden sein, auf jeden Fall also nach dem Dreißigjährigen Krieg. 1736 verkauft Landkammerrat von Schönberg zwei Weinberge, ein Winzerhaus und ein Haus mit Presse an Kreisamtmann Johann Friedrich Fleuter. Im folgenden Verkauf 1778 an Johann August Stöckhardt werden ein Winzerhaus und vier Weinberge (Mierisch, Gänsekragen, Katzenberg und Dreizippler) aufgeführt – d.h., im Laufe der Geschichte des Winzerhauses werden unterschiedlich viele Weinberge mit z.T. unterschiedlicher Schreibweise (hier halte ich mich an Reuter) erwähnt. Dafür gibt es auch in Nieder- und Oberlößnitz verschiedene Vergleichsfälle.

Ansicht von Norden, 2018
Foto: D. Lohse

Zum alten Winzerhaus mit Durchfahrt kamen im Laufe des 18. Jh. weitere Gebäude hinzu, bzw. wurden umgebaut, so der ebenfalls unterkellerte zweigeschossige Westflügel und ein Wirtschaftsgebäude auf der Ostseite (könnte mit o.g. Stall identisch sein) und ein Gebäude mit der Weinpresse (hier wird der nördliche, derzeit ruinöse Anbau gemeint sein, der einst auch ein Satteldach trug), so dass ein u-förmiger, nach Süden offener Gebäudekomplex entstand, wie er auf dem Freiberger Meilenblatt von 1801 zu erkennen ist. Die bauliche Entwicklung lässt den Schluss zu, dass der Weinbau um diese Zeit wohl recht ertragreich gewesen war. Apropos Durchfahrt, das ist ein Detail, was ich so an keinem anderen Winzerhaus gesehen habe, also etwas Einmaliges. Hier dürfte es der Enge geschuldet sein, die wir heute noch am Kynastweg spürbar erleben können. Wenn wir das Fachwerkgefüge vom Hof aus betrachten, könnte man vermuten, dass es sich bei der Durchfahrt einschließlich des Raumes darüber um einen frühen Anbau vor 1854 an das Kerngebäude handeln könnte. Hierzu wären genauere Untersuchungen erforderlich. Eine Weinpresse existiert leider nicht mehr und auch zum früheren Standort derselben können heute nur Vermutungen angestellt werden.

Dann taucht 1836 mit Johann Gottlob Baurick in Reuters Eigentümerauflistung erstmals dieser Familienname auf. Der Besitz bleibt über 100 Jahre in der gleichen Familie, was der Grund ist, dass man in Zitzschewig lange Zeit vom „Gut Baurick“ sprach. Sein Besitz wird 1853 mit einem Winzerhaus mit Durchfahrt und Keller, einer angebauten Weinpresskammer und zwei Weinbergen beschrieben. Ab 1854 besitzt das Anwesen Carl Gottlob Baurick (wohl der Sohn des o.g.), der 1884 eine Scheune südlich errichten lässt und so ein Vierseithof entsteht. Daran erkennen wir, dass zu dem Zeitpunkt (zugleich Beginn des Reblausbefalls in der Lößnitz) der Weinbau hier zumindest rückläufig war und der Betrieb sich dem Gartenbau bzw. der Landwirtschaft zuwendete – ein Winzer braucht normalerweise keine Scheune.

Im gerodeten Weinberg dürften nun Bäume (Pfirsich, Pflaume oder Birne) gepflanzt und Obst und Gemüse (Erdbeere u. Spargel) angebaut worden sein. Auf einem Foto von Helmuth Sparbert (1893-1971) von 1912 erkennen wir jedenfalls Spargelzeilen. Im östlichen eingeschossigen Seitengebäude, das früher ein Satteldach hatte, könnten zeitweise auch etwa zwei Kühe, drei Schweine und Hühner gehalten worden sein. Ein weiterer Baurick, nämlich August Baurick, taucht 1897 erstmals auf und firmiert 1931 als Gartenbaubetrieb (Kynastweg 23). 1940 wird er im Adressbuch noch als Eigentümer von „Gut Baurick“ genannt, jedoch wohnhaft in Chemnitz. Hier wohnt zu dem Zeitpunkt im EG des Gutes noch die Tochter Antonie Baurick. Nach 1945 ist zunächst das Gebäude durch Flüchtlinge überbelegt und die Gärtnerei liegt brach. Dann herrscht hier Leerstand und Verfall, so dass Zitzschewiger Bewohner nicht mehr vom „Gut Baurick“ sondern sarkastisch von der „Rattenburg“ sprechen.

Ab Mitte der 20er Jahre des 20. Jh. wird eine Parzellierung des Grundstücks vorgenommen und erste kleinere Wohnhäuser entstehen (ein Indiz, dass auch der Gartenbau wenig Erfolg hatte), weitere solche dann in der DDR-Zeit und schließlich auch Neubauten ab 1990. Die Adressen Kynastweg 21, 23a, 25, 25a, 27, 29 u. 33 sowie Hausbergweg 35a, 37, 43, 45 u. 47 befinden sich auf dem ehemaligen Weinberg des „Gut Baurick“. Dadurch wurde die ehemals freie Lage des Winzerhauses in der Landschaft beeinträchtigt, muss aber letzten Endes durch den Wegfall des Weinanbaus so hingenommen werden. Etwas anders ist der Umbau der Scheune zu einem einfachen Wohnhaus in den 60er Jahren zu betrachten, hier wurde nach Teilung und Verkauf die Adresse Kynastweg 35 vergeben – das Winzerhaus (vormals Nr. 35) erhielt nun die Adresse Kynastweg 37. Der erste Umbau der Scheune genügte dann den heutigen Wohnanforderungen wohl nicht mehr, denn nach 1990 wurde nochmals umgebaut, jetzt kann man von einem Neubau anstelle der Scheune sprechen.

Ein erster Versuch um 2000 durch ein Künstlerpaar, das Winzerhaus wieder bewohnbar zu machen, führte leider nicht zum Ziel. Aber sie hatten die Durchfahrt zugemauert, dieser Fehler musste später korrigiert werden. Die neue Eigentümerin, Frau Dr. Evelyn Hoffmann, eine Urradebeulerin mit beruflichem Ausflug über Leipzig und nun wieder Radebeulerin, begann dann 2014 mit der Planung einer eigenen Wohnung und hatte mehr Glück. Die Firmen Graetz (Zimmermannsarbeiten), Zscherpe (Dachdecken) und Bialek (Baugewerke) – alle drei keine Neulinge in Sachen Denkmalpflege – verhalfen dem Gut wieder zu einer guten Bewohnbarkeit und erfüllten denkmalpflegerische Auflagen und nun ist es am Ausgang des Rietzschkegrundes für Vorbeikommende wieder ein „Hingucker“ geworden!

Schade, dass die Pappeln auf der Westseite entfernt werden mussten. Sie waren, wie wir auf alten Fotos erkennen eine Landmarke, die mit den Pappeln vom „Paulsberg“ korrespondierte.

Auch wenn noch Restarbeiten am nördlichen Anbau und Tor folgen, auch Hof und Garten fertig gestellt werden müssen, erkennen wir schon, dass sich hier eine interessante Gebäudegruppe zwischen Haus Kynast und dem Paulsberg abzeichnet, an der man lange achtlos vorbeigefahren war. Das höchste Gebäude ist das unterkellerte Winzerhaus mit massivem Erdgeschoss, auf der Hofseite sichtbarem Fachwerk im Obergeschoss und mit Biberschwanzziegeln gedecktem Walmdach einschließlich Fledermausgauben. Der etwas jüngere westliche Teil mit Krüppelwalm am Südende des Daches wurde weitestgehend gleich behandelt. Das ehemalige Stallgebäude ist mit einem Pultdach versehen und damit kann hier auf das Satteldach (historischer Zustand) verzichtet werden. Die farbliche Behandlung der Putzflächen mit Hellocker, des Fachwerks Dunkelbraun, der Holzfenster Blaugrau und dem Rotton der Dachziegel geht zum großen Teil auf Befunde zurück – der Gesamteindruck ist sehr ansprechend. Danken möchte ich Frau Hoffmann auch bei der Unterstützung meiner Recherche und wünsche ihr eine schöne Zeit im „Gut Baurick“ in Zitzschewig. Vielleicht könnten Fensterklappläden mit Kleeblattlöchern, da wo früher solche waren, später noch nachgerüstet werden.

Der Nachweis, dass es sich beim „Gut Baurick“ hauptsächlich um ein ehemaliges Winzerhaus handelt, dürfte damit erbracht worden sein.

Dietrich Lohse

Bildunterschriften:

1. Ansicht von Westen um 1912 (Sammlung H. Sparbert)

2. Ölbild „Westansicht Gut Baurick“ von Alfred Richter, 1958

3. Aktuelles Foto von Norden (D. Lohse)

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