„Die Diele “- eine Einstimmung auf die kommende Bauherrenpreisvergabe in diesem Jahr

Diele eines Hauses in Niederlößnitz Foto: G. Täubert;

Fragt man Einheimische oder Gäste, welche Besonderheit Radebeul so einmalig macht, hört man meist: Ja, das sind vor allem die Weinberge und die vielen Villen mit ihren großzügig angelegten Gärten, das macht Radebeul aus. Für jeden, der in den Genuss kommt, hier wohnen zu dürfen, ist das sehr angenehm zu hören und man ist auch ein bisschen stolz darauf.
Was die meisten aber nicht wissen ist, dass alle Grundstücke dieser Art nur mit „Personal“ zu halten waren. Bis in die 70er gab es hier in Radebeul noch in einigen Grundstücken einen privaten Gärtner, der für die Grundordnung im Garten sorgte und auch das frühere Dienstmädchen, die das Treppenhaus und vor allem die Diele putzte. War das nicht der Fall, hatte man als Mieter gemeinsam mit den anderen lange Gänge und vielen Stufen wöchentlich zu wischen, zu bohnern und blankzureiben. Darauf wurde Wert gelegt. Bohnerwachs kaufte man nicht in kleinen Schachteln, sondern in Eimern und in Drogerien. Der große,oft geschnitzte Dielenschrank, die Treppenaufgänge und die vielen kleinen Extras durften beim Staubwischen nicht vergessen werden. Schließlich war die Diele noch immer ein wichtiger Repräsentationsort, auch wenn der Besitzer sein Grundstück verlassen hatte.
In der Diele empfing man die Gäste. Sie war der Dreh- und Zentralpunkt des Hauses. Alle konnten alles hören und von hier führten die Wege nach unten, nach oben, nach innen und außen und in den Garten. Eine Diele betrat man nicht so einfach. Bei meinem Beispiel in der Lößnitzgrundstraße öffnete man zuerst die Gartenpforte, ging den Kiesweg hinan, erreichte über sechs Stufen die erste Haustür. Hier stand man unter Dach und der Besitzer konnte über ein kleines Fenster, Spion genannt, registrieren, wer kommt. Wenn man genehm war, durfte man die erste schwere Tür zum Vorflur öffnen, danach noch eine zweite und jetzt die Flügeltür. Sie gab den Blick zur Diele frei. Dieser erste Blick war gut inszeniert: der holzgetäfelte Raum bekam durch ein über zwei Stockwerke gehendes farbiges Glasfenster Wärme und Licht. Und abends übernahm ein großer schmiedeeiserner Leuchter die Belichtung oder Beleuchtung der Diele.
„Ach, wie schön war das früher, als auf unserer Diele noch getanzt und gefeiert wurde“, schwärmte uns „Tante Frieda“ vor. So durfte meine Tochter das einstmalige Dienstmädchen nennen, das mit dem Haus und der Familie noch eng verknüpft war. Sie, die fast zwergenhafte Frau saß früher bei den großen Festen auf der nach oben führenden Dielentreppe und sah den tanzenden Paaren zu. Sie selbst besaß früher in dem großen und mit vielen Zimmern ausgestatteten Haus nur eine winzige Kammer auf dem Boden.
Aber nach dem 2.Weltkrieg veränderten sich die Verhältnisse. Flüchtlinge und in Dresden Ausgebombte kamen. In jedem Zimmer wohnte nun eine ganze Familie. Auf der Diele stand, was in den Räumen keinen Platz mehr fand. Kalt war es außerdem, die Zentralheizung funktionierte nicht mehr, es zog ständig im Haus. Bei Starkregen mussten auf dem Dachboden Schüsseln aufgestellt werden. In anderen Radebeuler Häusern war es ebenso, bei manchen schlimmer. Aber die Nachkriegszeit ging vorbei.
Der Wille zur Erhaltung der alten Bausubstanz war gerade in dieser nachfolgenden Periode stärker, als man heute glauben will. Es es gibt abenteuerliche Geschichten. Schade, dass sie nicht aufgeschrieben werden. Manche Männer waren Baumfäller, Maurer, Klempner und Maler zugleich. Man hört ihnen heute noch gespannt zu, auch wenn sie über die Restaurierung ihrer eigene Diele sprechen, die auch heute nicht
mehr nur von einer, sondern meist von zwei Familien genutzt wird. Gemeinsamkeit und Trennung ist architektonisch gar nicht so einfach zu lösen.
Bei „Tante Frieda“ war das einfacher. Sie bekam schon vor meiner Zeit in diesem Haus ein Zimmer vom Wohnungsamt zugewiesen, ein schönes großes Zimmer, das direkt mit der Diele in Verbindung stand.

Gudrun Täubert

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