„Mein Naundorf lob ich mir“

Häuser am Dorfanger Foto: Fam. Zscheischler

Ein Radebeuler Dorf feiert Mitte Juni seine 875. urkundliche Erwähnung

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es in Naundorf alles, was ein Dorf ausmachte: Bäcker, Böttcher, Fleischer, Stellmacher, Schmied, Schnitter, Winzer und Waschfrau, und Hebamme, Briefträger, Schulmeister und Bahnhofsvorsteher und nicht zuletzt die vorlauten Buben in kurzen Hosen, doch heimlich bewundert von den allzu braven bezopften Mädels.
Kinder und Schule spielten in Naundorf schon immer eine große Rolle und wir hatten ja auch eine besonders schöne, moderne und weithin sichtbare Schule.
Gleich nach der Wende riet ein ehemaliger Naundorfer Schüler, Erich Meitzner, Lehrer in Schleswig-Holstein, der damaligen Direktorin, doch einen Schulverein zu gründen und spendete als Grundstock dafür 100 Westmark. An eine Vereinsgründung dachten aber auch weitere Naundorfer Bürger, wie z. B. Gabi Bäßler, die später auch den ersten Naundorfer Schul- und Dorfverein leitete, Gabi Werner, Gottfried Thiele, der an einer aktuellen Ortschronik schrieb und weitere Naundorfer Bürger, wie z.B. Steffen Meißner, Hans-Georg Staudte und Ralf-Torsten Linke, denen Naundorf sehr am Herzen lag.
Nicht zu vergessen sind die vielen Naundorfer Familien, wie z. B. die Familie Stephan Große, die sich großartig für das kulturelle Leben in Naundorf einsetzten und noch immer aktiv tätig sind. Das 850-jährige Jubiläum der Erwähnung Naundorfs stand bevor und sollte mit einem großen Dorffest befeiert werden. Auf das erste Dorffest 1994 folgten weitere mit jeweils tausenden von Besuchern. 2019 ist es nun wieder so weit. Am Wochenende des 14.,15.und 16. Juni 2019 feiert Naundorf wieder ein Dorffest zum 875. Jahrestag seiner Erwähnung.
Sämtliche Aktivitäten des mittlerweile fast auf 100 Personen angewachsenen Vereins werden von Anfang an von einer Dorfzeitung, den „Naundorfer Nachrichten“, mit eigenem Logo begleitet. Das von ansässigen Gewerbetreibenden mit Anzeigen finanzierte Blättchen erscheint zweimal im Jahr. Steffen Meißner, Isolde Klemmt und Gudrun Täubert bilden die Redaktion und haben sich 25 Jahre durch die Dorfgeschichte geschrieben. Ein fleißiger Schreiber war auch der 2006 verstorbene Gottfried Thiele, der 1994 die Ortschronik verfasste. Gemeinsam gingen sie der Historie der Höfe und der Familien des Rundlings nach und brachten ihren Lesern Geschichte und Geschichtchen rund um den Dorfteich nahe, schrieben über die Höfe, die Feuerwehr, über Bauern, Winzer, Handwerker und Gasthöfe, über Flurnamen und über den Bierkrieg in der Lößnitz und über die Notlandung eines Militär-Doppeldeckers im Ersten Weltkrieg. Über die Eingliederung der Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien nach dem 2. Weltkrieg schrieb Eva Schindler 2016 für ihren Schaukasten, der auf dem Dorfanger steht. Nach 1989 kamen wieder neue Leute aus dem Westen nach Naundorf. Auch sie ließen sich nach und nach integrieren, brachten gute Ideen ein und übernahmen sogar auch einige Jahre die Leitung des Vereins, wie z.B. Inge Plinta-Müller, die nicht nur leiten, sondern auch historische Köstüme entwerfen und nähen kann. Heute leitet den Verein Karin Roßberg, deren Vorfahre ein bekannter und beliebter Naundorfer Lehrer war.
Ein rühriger Verein mit einigen Dutzend fleißiger Mitarbeiter, flankiert durch das Blättchen „Naundorfer Nachrichten“, sorgen jetzt unter ihrer Leitung für ein aktives Dorfleben. Eine Website hat Naundorf heute auch. Haben wir schon erwähnt, dass die Naundorfer sogar eine eigene Hymne haben? „Mein Naundorf lob ich mir“. Zu den mehr oder weniger regelmäßigen Aktivitäten gehören der alljährliche Frühjahrsputz, das Flechten der Osterkrone für den Dorfbrunnnen, das Gedenken am Kriegerdenkmal und die Bestückung des Schaukastens daneben, das Sonnenwendfeuer, historische Spaziergänge mit Stephan Große und mit größtem Aufwand: die Vorbereitung auf das Dorffest unter wechselndem Motto. Anlass geben Bau-Jubiläen der Schule, der Kirche und des Dorfes. Dorfbewohner Udo Schindler sorgt mit seinen weitreichenden Kontakten für ein sehenswertes Treffen von Oldtimern auf zwei und vier Rädern sowie einer Ausfahrt durchs Elbtal, andere sorgen für Lustbarkeiten für die Youngtimer, wie Schubkarren- oder Seifenkistenrennen oder für feuchtfröhliche Balanceakte über wacklige Pontonbrücken auf dem Dorfteich. Und zusammen feiern die Naundorfer mit „do-r Nobber“, mit dem Nachbarn, ob dies- und jenseits der Elbe lebend.
Spätestens an dieser Stelle ist ein wichtiger Name zu nennen: Isolde Klemmt. Mit um die 70 übernahm sie die Leitung und führte, emsig vom einen Dorfende zum anderen und wieder zurück radelnd, den Verein und das Dorf mit viel Herz und unnachahmlichem Engagement zur Blüte. Sie choreographierte zwei sagenhafte Umzüge bei Dorffesten und nähte dutzendweise Hemden für „Waschfrauen“, „Bauern“ und „Winzer“.Und immer wieder glänzte sie in ihrer Paraderolle als rothaarige „Feuer-Jule“, die schreiend von Haus zu Haus läuft, um vor dem großen Feuer zu warnen, welches 1822 das Dorf in Schutt und Asche legte. So avancierte Isolde Klemmt zur heimlichen Naundorfer Bürgermeisterin, was sich in einem entsprechenden Auflauf bei ihrer Beerdigung im Januar 2009 manifestierte.
So sorgen das gemeinsame Engagement beim Dorffest und auch mal „zwischendrin“ für den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen von Alteingesessenen und Zugezogenen. Das wird sich beim Dorffest im Juni wieder zeigen, wenn die Naundorfer feiern, mit „do-r Nobber“. Wir werden sie alle wieder sehen: Bäcker, Böttcher, Fleischer, Stellmacher, Schmied, Schnitter, Winzer und Waschfrau, und Hebamme, Briefträger, Schulmeister und Bahnhofsvorsteher, die sich necken lassen müssen von vorlauten Buben in kurzen Hosen, doch heimlich bewundert von den allzu braven bezopften Mädels.

Burkhard Zscheischler und Gudrun Täubert

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