Wolf Biermann zu Gast bei uns

Insbesondere im 30. Jahr der Deutschen Einheit wollen wir unsere zwölfteilige Lyrik-Seite programmatisch fortführen.
Mit Wolf Biermann konnten wir nun sicher den Künstler gewinnen, der wohl wie kaum ein zweiter stellvertretend für die Zerrissenheit der deutschen Teilung steht. 1936 in Hamburg geboren ist er mit nunmehr 83 Jahren auch heute noch im Rahmen von Lesungen und Konzerten mit seiner Frau Pamela unermüdlich unterwegs. Eine Konzertreise führte sie im Herbst 2019 gar bis Taipei (Taiwan), wo seine Texte simultan ins Chinesische übersetzt wurden.
Von früher Jugend an war Biermann von einem überaus starken politischen Sendungsbewusstsein geprägt, was sich durch sein ganzes Leben ziehen sollte. So liest sich seine Biographie geradezu wie ein gut gebauter Politthriller, für dessen Plott es große Phantasie gebraucht hätte.
Es ist in diesem Rahmen kaum möglich all die nennenswerten Facetten im Leben und Schaffen Biermanns hier auszuloten. Sein jüdischer und zugleich kommunistischer Vater, der Widerstand gegen die Nazis leistete, wurde 1943 im KZ-Auschwitz ermordet. Die Mutter entkam im gleichen Jahr mit ihrem Sohn durch einen Sprung in den Nordkanal dem Feuersturm auf Hamburg nur knapp dem Tod.
Bereits als Siebzehnjähriger suchte er den Weg in den Osten, wo er von der Stasi vergeblich als »Geheimer Informator« gewonnen werden sollte. Nach Abbruch seines Studiums der Politischen Ökonomie an der Humboldt-Universität in Berlin arbeitete er zwischenzeitlich als Regieassistent am Berliner Ensemble und studierte anschließend Philosophie und Mathematik.
Für seine weitere Entwicklung war 1960 die Begegnung mit Hanns Eisler von größter Bedeutung, der ihn ermutigte, Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter Theater (b.a.t.), wenig später wurden Inszenierungen verboten und schon 1963 musste das Theater geschlossen werden. Es folgten Auftrittsverbote, sein Wunsch in die
SED einzutreten wurde verwehrt und erste Auftritte 1964 in Westdeutschland verhärteten zunehmend die schwierigen Beziehungen zur Parteiführung. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965 verhängte schließlich ein vollständiges Auftritts- und Berufsverbot gegen ihn.
In diese Zeit (1968) fällt die legendäre Einspielung seiner ersten Langspielplatte »Chausseestraße 131« die konspirativ in eben dieser Wohnung mit improvisierter Tontechnik erfolgte.
Der große Wendepunkt in Biermanns Leben kam schließlich 1976 mit seiner Ausbürgerung, während einer Konzertreise in Westdeutschland. Der Aufschrei breiter Kreise von Künstlern und Intellektuellen war immens und führte zur wachsenden Bedeutung der Dissidenten-Szene in der DDR.
Die Jahre in der anderen deutschen Hälfte waren von großer Schaffenskraft geprägt. Biermann nahm aus der neuen Perspektive nun mehr und mehr Abstand von seinen kommunistischen Idealen, was ihm in der Rezeption Betitelungen wie »Wendehals« einbrachten. Mit dem Mauerfall von 1989 erfüllte sich auch für ihn das bis dahin Undenkbare und neue künstlerische Impulse folgten.
Biermann kann heute auf ein reiches Œuvre zurückblicken. Seine Gedichtbände zählen zu den meistverkauften der deutschen Nachkriegsliteratur. Für sein Lebenswerk kamen ihm in West- und Gesamtdeutschland zahlreiche Preise und Ehrungen zuteil.

Liebe Leserinnen und Leser,
eine Auswahl seiner Lyrik wird uns dieses Jahr an dieser Stelle begleiten. Eingefleischte Biermann-Kenner werden bei einigen Gedichten womöglich die Melodien seiner Vertonungen hören.
Seine Texte sind, wie Biermann eben, überaus politisch, widerborstig und münden unausweichlich in quälenden Reflexionen über das ach so zerrissene deutsche Vaterland.
Oder wie formulierte es einst Marcel Reich-Ranicki mit Wertschätzung so schön: »Eintracht zu stiften ist seine Sache nicht.«

Sascha Graedtke

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