Der Fotograf Christian Borchert (1942-2000)

Die große Retrospektive in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Christian Borchert in Radebeul und das Wohnhaus von Marie Pelz in Dresden

Als im Jahre 1954 ein gerade einmal 12-ähriger Junge mit seiner Bakelit-Amateurkamera die ersten Bilder schießt, kann noch niemand ahnen, dass er später einmal beispielsweise neben Evelyn Richter, Sibylle Bergmann und Arno Fischer zu den wichtigsten Fotografen in Ostdeutschland in der zweiten Hälfte des 20.Jh. gehören wird. Bereits diese frühen Aufnahmen, im Format 6×6, von der noch zu großen Teilen in Trümmern liegenden Innenstadt Dresdens, wird er später immer als Beginn seiner photographischen Arbeit bezeichnen. Dem Kind von damals, Christian Borchert,1942 in Dresden-Pieschen geboren, widmeten die SKD im Kupferstich-Kabinett von Oktober 2019 bis März dieses Jahres eine umfangreiche wohlkonzipierte große Retrospektive, die einen Einblick in sein äußerst umfangreiches Œuvre gab. Nach seinem Studium zum Kopierwerkstechniker, schloss er 1967 eine Ausbildung als Fotograf ab, von 1971 bis 1974 absolvierte er an der einzigen Ausbildungsstätte für Diplomfotografie in der DDR, der Hochschule für Grafik u. Buchkunst in Leipzig, ein Studium als Fotografiker ab. In dieser Zeit, Borchert lebt inzwischen in Ost-Berlin, war er als Bildreporter bei der „Neuen Berliner Zeitung“(NBI) tätig. Das Anstellungsverhältnis bot zwar Sicherheit, eine echte kreative Entfaltung und Unabhängigkeit die künstlerisches Arbeiten jedoch voraussetzen, war nicht möglich. Im März 1975 entschloss er sich, ausschließlich freischaffend zu arbeiten und bereits in diesem Zeitraum begann Christian Borchert mit seinen umfangreichen Porträtserien, die ihn berühmt machen sollten. Mit seiner außerordentlichen Begabung, Situationen und Augenblicke einfühlsam zu erfassen, fand er zu seiner Bildsprache, die seine späteren Arbeiten und v.a.seine ab ca.1982 entstandenen Serien von weit mehr als 130 Familienporträts, zu beeindruckenden Zeitdokumenten werden ließen.

Bild: Wikipedia


Bekanntheit erlangte der Fotograf auch mit Aufnahmen von Landschaften und unverfänglichen Alltagssituationen in der DDR. Als Pendler zwischen Berlin-Pankow und Dresden konnte er die stillen Veränderungen vor allem hier beobachten und festhalten und so mit seinem fotografischen, subtilen Blick bis weit in die Nachwende 90er Jahre eine eindrucksvolle Chronik des Lebens in Ostdeutschland hinterlassen.

Verschiedene Schaffensschwerpunkte überlagern und verschieben sich, entstehen parallel. So verdanken wir Christian Borchert in der Zeit von 1977 bis 1985 mit ca.10.000 Fotos, die umfangreichste fotografische Dokumentation des Wiederaufbaues der Semperoper in Dresden. Anfangs aus eigenem Interesse, geschieht dies später im Auftrag des Verlages der Kunst. Dem so entstandenen opulenten Bildband „Bilder einer Baulandschaft“ wo etwa 200 Aufnahmen des Bauprozesses vereint sind, wird in der Dresdner Schau, wie auch anderen wunderbaren Bildbänden, ein gebührender Platz eingeräumt.

1978 porträtierte er im Auftrag eines Verlages die Mitglieder der Akademie der Künste. Die teilweise in der Ausstellung gezeigten Künstlerporträts sind es, die eine besondere Anziehungskraft auf den Autor auswirkten. Die Eindringlichkeit und Unverfälschtheit der Physiognomien eines Fritz Cremer, Hermann Glöckner, der Schöpferin wunderbarer Tierplastiken Etha Richter, Charlotte E.Pauli, Christa Wolf oder des gerade 44-jährigen Claus Weidensdorfer haben etwas Magisches. Borchert legte großen Wert darauf, das alle Porträtierten frontal in die Kamera schauen. Der daraus resultierende unmittelbare Blickkontakt wird persönlich, der Betrachter kann kaum ausweichen, er will es auch nicht,sondern lässt sich auf die scheinbare Zwiesprache gern ein. Ganz ähnlich die Wirkung, die sich bei der Betrachtung der gezeigten Familienporträts entfaltet. Borchert verfährt auch hier konsequent nach sich wiederholenden Mustern: die Abgelichteten, stellen immer (zumindest nach außen) intakte Familienverbände dar und beide Eltern sind berufstätig, sie werden stets frontal aufgenommen, immer im Querformat sogar mit der selben Kamera und stets mittlerer Brennweite. Und doch, individueller hätten die Menschen unterschiedlichster Berufsgruppen nicht gezeigt werden können,in ihrem wohnlichen Umfeld, in Gestus und Mimik, sie zeigen sich selbstbewusst und offen. In das Wo und Wie der Anordnungen der Personen vor der Kamera hat Borchert interessanterweise nicht eingegriffen. Vielmehr hat er dies den Familien selber überlassen, was uns wiederum auf das systemische Verhältnis der Familienmitglieder untereinander viel verrät. Jahre später, zwischen 1993/94 kommt es mit ca.40 Familien zu einer (fotografischen) Wiederbegegnung. Möglich wird dies durch ein Arbeitsstipendium des Kunstfonds Bonn. Auch diese Bilder werden als Gegenüberstellung gezeigt,die Eltern nun sichtbar älter, die Kinder von einst nicht mehr schutzbedürftig auf dem Schoß oder an der Hand. Borcherts fotografischer Blick ist unaufgeregt und präzise. Sie geben uns Einblick in Alltägliches und werden so zu sozialhistorischen Bildquellen.

Der West-Berliner Verleger Hansgert Lambers lernte Christian Borchert 1979 bei einem Besuch im Osten kennen. Er beschreibt Borchert als jemanden, „der sehr sanft aufgetreten sei, mit viel sächsischem Charme, und das meine ich ganz ernst. Die zurückhaltend freundliche Art öffnete dem Fotografen die Türen. Die DDR-Gesellschaft sei in diesem Punkt sehr offen gewesen, Misstrauen gegenüber dem Fremden, der bis ins Wohnzimmer kam, gab es nicht. Oft sei er sogar weiterempfohlen worden, etwa durch den Pfarrer einer Gemeinde, oder er fand seine Protagonisten per Zeitungsannonce.“ 1983 fotografierte Christian Borchert ein großes Treffen von „Indianistikgruppen“ in Radebeul. Das Kupferstichkabinett zeigte zahlreiche kleinformatige Karteikarten mit Kontaktabzügen die das Ereignis dokumentieren. 1985 beginnt die Arbeit an einem weiteren Projekt, welches Christian Borchert bereits lange interessierte. Aus Dokumentarfilmen zur Geschichte Dresdens aus den Jahren 1910 bis 1949 entstehen bis in die Zeit nach dem Ende der DDR, Hunderte von Einzelbildern. Nur diesen Bildern aus Dokumentarfilmen ist im übrigen das einzige Foto, welches die Straße Am See in der Dresdner Seevorstadt vor ihrer Zerstörung zeigt, zu verdanken. Der Autor konnte das Wohnhaus seiner Ur-Ur-Großmutter Marie Pelz,geb. Brenner auf besagtem Foto ausfindig machen.

Beim kompletten Untergang des Stadtteiles im Februar 1945 sollte auch sie wenige Tage vor ihrem 66.Geburtstag den Tod finden. Der Verleger Hansgert Lambers über Christian Borchert: „Ihm ging es darum, dass andere – jetzt oder später oder an fremden Orten – sich eine Vorstellung machen können von Situationen und Verhältnissen. Es ist Fotografie gegen das Verschwinden.“ Im Alter von 58 Jahren ertrinkt Christian Borchert im Juli des Jahres 2000 in einem Berliner See. Sein immenses Schaffenswerk besteht aus 230.000 s/w Negativen, 2.300 Kleinbilddias u.a.sind archiviert im Kupferstich-Kabinett Dresden und der Berlinischen Galerie in Berlin. Mit Unterstützung der Zeit-Stiftung konnte die Deutsche Fotothek 18.000 Arbeitsabzüge aus seinem Nachlass erwerben, wovon über 12.000 in der dortigen Datenbank abrufbar sind. Wir haben dem Fotografen Christian Borchert viel zu verdanken. Mit seinen Arbeiten hilft er uns beim Innehalten und Rückblick auf unser eigenes Leben. Den Menschen aus den alten Bundesländern, die nach dem Mauerfall gern bei uns leben wollten, hätte ein Studium seiner Bilder sicher geholfen, die Seele der Ostdeutschen besser zu verstehen. Zur Nachhilfe für die Einen und uns allen zur Freude, sei deshalb zum Abschluss auf den umfangreichen Band „Tektonik der Erinnerung“ (Verlag Spector Books, Leipzig 2020), trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit, ausdrücklich hingewiesen.

Uwe Wittig

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