Reif für die Insel?

Die talseitige Inselspitze Foto: D. Lohse

Ich weiß nicht, verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, ob Sie gerade jetzt „reif für die Insel“ sind. Ich glaube vielmehr, alle haben nach der langen Stillhaltezeit Lust auf Urlaub und denken da vielleicht an eine der Inseln Hiddensee, Sylt oder Mallorca.
Aber man kann es auch viel näher haben zu einer Insel als Halbtagsausflug – ich meine die Gauernitzer Insel an der Elbe. Hier möchte ich erst mal klarstellen, dass der Begriff Insel nur zeitweise zutreffend ist, früher, also vor 1879, war es immer eine Insel gewesen. Von 1877 bis 79 wurde am rechten Elbufer und dem östlichen Ende der Insel ein Damm mit einer Abdeckung aus Sandsteinstücken gebaut, seit dem müsste man, mal abgesehen von Hochwasser, eigentlich von einer Halbinsel sprechen, was aber keiner tut. Der Damm diente sowohl zur Regulierung der Elbe aber auch zur früheren Bewirtschaftung der Insel. Die Gauernitzer Insel steht unter Naturschutz

Das Denkmal auf einem Foto um 1920, Foto: Otto Ehrhardt

Warum wurde diese Insel nahe am Dorf Kötitz (heute Ortsteil von Coswig) aber nicht Kötitzer Insel genannt, sondern mit Gauernitz ein Namensgeber vom linken Elbufer bemüht? Das hängt mit den historischen Besitzverhältnissen der Insel zusammen, denn die Insel gehörte seit alter Zeit dem Rittergut, bzw. dem Schloß Gauernitz, also den Herren und Damen von Ziegler, von Pflugk, von Miltitz und von Zinzendorf ua.
In diesem Elbabschnitt gab es früher sogar mal drei Inseln. Die beiden kleineren verschwanden im Rahmen der Flußregulierung von 1860, während die größte Insel, die Gauernitzer, bestehen blieb. Diese ist etwa 800m lang und hat eine Fläche von 6,5 ha. Sie ist zum überwiegenden Teil mit Hochwald (verwilderter Park) bestanden, im östlichen Teil dominiert dagegen eine Buschzone. Heute ist diese Insel, wie die Pillnitzer Elbinsel, als Naturschutzgebiet ausgewiesen; Ziel ist die Unterschutzstellung eines Auenwaldes; man könnte von Urwald sprechen, wo die Forstwirtschaft nicht regelnd eingreift. Wir finden hier Exemplare von Schwarzpappel, Winterlinde, Berg- und Spitzahorn, Flatter-, Berg- und Feldulme und Traubenkirsche. Zugleich spielt der Vogelschutz im Bereich der Insel eine Rolle. Ich sah viele Kormorane und ein paar Reiher. Es sollen auch schon Biber hier gesehen worden sein. Und ich weiß, dass eine Zunahme der Waschbären für die Insel ein Problem werden könnte.
Ich hatte immer gedacht, dass man die Insel gar nicht betreten darf und im Prinzip stimmt das auch. Ein gut informierter Bekannter aus Coswig erklärte mir aber, man könne die Gauernitzer Insel zu bestimmten Zeiten (außerhalb der Brutzeiten der Vögel) und wenn man sich in die Stille, die meist auf der Insel herrscht, einfügen kann, auch betreten. Im Allgemeinen darf man Naturschutzgebiete nur auf vorhandenen Wegen begehen, aber die Wege einer alten Parkgestaltung befinden sich auf der Kerninsel. Mich interessierte vor allem ein einsames Denkmal, das in der Inselmitte zu finden sei. In der Tagespresse hatte ich gelesen, dass dieser Sandsteinzylinder mit einer Inschrift aus dem 18. Jh. restauriert worden sei. Einen direkten Weg dahin gibt es nicht, die alten Schneisen sind durch Samenanflug zugewachsen. Ich weiß jetzt, dass feste

Heutiger Zustand des Denkmals und seines Umfelds Foto: D. Lohse

Wanderschuhe besser gewesen wären und dass ich die Sonntagsklamotten getrost hätte zuhause lassen können. Aber die Entdeckertour hat einen speziellen Reiz, ich fühlte mich ein bisschen so, wie sich Alexander von Humboldt auf seiner Südamerikareise bewegt haben muss! Dann kam ich schließlich am Denkstein an und hatte noch genug Licht, um ein paar Fotos zu machen. Aber wer kam eigentlich auf die Idee, hier einen Park anzulegen, wusste derjenige denn nicht, daß der Park jährlichen Überschwemmungen ausgesetzt sein würde? Durch Heirat mit Johanne Magdalene von Miltitz kam 1707 Graf Otto Christian von Zinzendorf (aus dem Herrnhuter Zinzendorfgeschlecht) nach Gauernitz. Sie gestalteten den Schlosspark um und das Rittergut widmete sich unter ihrer Regie verstärkt dem Obstanbau. Aber erst eine spätere Generation dieser Familie, Graf Friedrich August von Zinzendorf und seine Frau Luise Sophia Johanne, geb. von Bylandt nahmen sich vor, die zu ihrem Besitz gehörende Insel zu gestalten, denn sie war vom Schloss Gauernitz aus immer zu sehen. Die langgestreckte Insel erhielt 1781 acht vom Zentrum strahlenförmig ausgehende, unterschiedlich lange Alleen, die durch Lindenbäume gesäumt wurden. Jede der Alleen war so ausgerichtet, dass Blickbeziehungen zu Schlössern und Kirchen der Umgebung bestanden haben sollen – so außer zum Schloss Gauernitz zum Schloss Scharfenberg und angeblich sogar zum Schloss Wackerbarths Ruhe. Im Zentrum befand sich ein runder Platz mit dem Denkstein in der Mitte und rundum ein paar steinerne Bänke und Tische, letztere sind, durch Überschwemmungen und wohl auch durch Vandalismus, aber ganz verschwunden. Der Denkstein, der an die Verdienste der Luise Sophia Johanne von Zinzendorf

Die Gauernitzer Insel steht unter Naturschutz Foto: D. Lohse

erinnert, hat eine aufgesetzte Vase oder Urne, aber ein Grab hat es hier auf der Insel nie gegeben. Diese Situation war um 1920 noch komplett erhalten, wie eine Fotografie aus der Zeit verdeutlicht (Danke an das Stadtmuseum Coswig für die Erlaubnis das Bild in V&R verwenden zu dürfen). Die Idee dieser Gestaltung würde ich dem Zeitalter der Empfindsamkeit zurechnen und läßt m.E. Vergleiche zum Park im Seifersdorfer Tal zu. Zuerst war die Planung korrekt umgesetzt worden, aber man rechnete allmählich mit veränderten Bildern, weil man um die verändernde Kraft der Elbe wusste. Dass auf der Insel das Wachsen und Vergehen der Natur überlassen bleibt und die alte Parkgestaltung, also die alten Alleen, eben von dieser Natur zunehmend negiert wird, lässt den Naturschützern und den Denkmalschützern diverse Spielräume ihre unterschiedlichen Argumente auszutauschen, bzw. auch zu streiten.
Der heutige Zustand lässt aber kaum romantische Gedanken aufkommen, wenn man das von den letzten Überschwemmungen liegen gebliebene Schwemmgut – alte Bretter, halbe Zaunfelder, Glas- und Plasteflaschen und vieles mehr – sieht. Aber vielleicht würde ja eine Beräumungsaktion die Vogelwelt stören?
Mein Artikel soll mit ein paar Infos zum Wesen der Insel und ihrer Geschichte und zur besseren Kenntnis beitragen, weniger aber als Aufforderung verstanden werden, die Insel zu begehen!

Dietrich Lohse

Quellen: „Landkreis Meißen – seine Städte und Dörfer“, Günter Neumann,
Kreissparkasse Meißen, 1998
„Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen“, Jahrbuch 2013
Nora Kindermann, Schloß und Park Gauernitz

Bildunterschriften:

1. Das Denkmal auf einem Foto um 1920, Aufn. von Otto Ehrhardt
2. Die Gauernitzer Insel steht unter Naturschutz
3. Heutiger Zustand des Denkmals und seines Umfelds
4. Inselwald vom linkselbischen Ufer aus
5. Die talseitige Inselspitze

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