„Da steckt viel Herzblut drin.“

Ein Gespräch mit Herbert Graedtke als Rückblick und Vorschau

Worte und Blumen vor der Premiere Foto: B. Kazmirowski

Endlich, endlich wurde in Radebeul wieder Theater gespielt! Die neugeschaffene Interimsspielstätte der Landesbühnen im Lößnitzgrund war am 29. Mai ausverkauft, als sich an die 40 Akteure daran machten, „Winnetou I“ (Regie: Manuel Schöbel) zur Premiere zu verhelfen. Der Abend begann aber anders als es die Zuschauer erwartet hatten: Landesbühnenintendant Schöbel begrüßte im Beisein vom Radebeuler Oberbürgermeister Bert Wendsche besonders herzlich Herbert Graedtke. Dessen öffentliche Würdigung nahm ich zum Anlass, mit dem langjährigen Ensemblemitglied der Landesbühnen Sachsen über seine Beziehung zu Karl May und der Umsetzung seiner Stoffe auf der Felsenbühne Rathen ins Gespräch zu kommen.
Sie wurden vor der Premiere der Neuinszenierung von „Winnetou I“ von Landesbühnenintendant Manuel Schöbel vor dem Publikum für Ihre Verdienste als Akteur bei Karl-May-Inszenierungen gewürdigt. Welche Gefühle bewegten sie in diesem Moment?
Über die herzlichen Worte meines Intendanten und über den herrlichen Blumenstrauß, überreicht von meiner lieben Kollegin Christin Rettig, habe ich mich sehr gefreut – so wie über den Applaus der Anwesenden, die mit mir die Wiederaufführung von „Winnetou I“ genossen haben. Und wenn mir von der Bühne die vertrauten Kollegen aus ihrer Rolle heraus zuwinken, das wärmt natürlich mein Herz.
Als Sie 1984 die Rolle des Old Shatterhand übernahmen, war gerade die Karl-May-Renaissance in der DDR angebrochen. Welche Erinnerungen haben Sie an den „Schatz im Silbersee“, an diese allererste May-Inszenierung auf der Felsenbühne?
Ich muss daran denken, dass die Premiere beinahe ohne mich gelaufen wäre, weil ich meine rechte Hand beim Fangen eines Theatergewehrs schwer verletzt hatte. Nach einer schnellen OP spielte ich schließlich mit Binde – und alles mit Links. Eigentlich hat die Renaissance, wie Sie es nennen, mit dem Sternritt angefangen. Diese landesweite Veranstaltung mit dem Ziel der Landesbühnen brachte viel Aufmerksamkeit für indianische Themen und unsere Felsenbühne, wo sie aufgeführt wurden. Zu erleben, dass kleine und große Leute die Straßen säumten und ihre Freude daran hatten, dass „echte Menschen“ die Personen der Karl-May-Bücher lebendig machten, hat uns sehr beflügelt. Angefangen haben wir mit dreißig Pferden, zuletzt waren es an die dreihundert. Mit jeder neuen Inszenierung wuchsen die Besucherströme auf die Felsenbühne Rathen. Eine große Schar von Theaterleuten hat im Laufe der Jahre dazu beigetragen, dass Karl-May-Aufführungen hierzulande Kultstatus erlangt haben. Da steckt viel Herzblut drin und es hat das ganze Karl-May-Völkchen nah zusammengebracht.
Wie kam es, dass Sie nach drei erfolgreichen Spielzeiten als Old Shatterhand für die Produktion des „Winnetou“ 1987 die Regie übernahmen? Waren Sie der Rolle des tapferen Deutschen im Wilden Westen überdrüssig geworden?
Überdruss gibt für einen Schauspieler eigentlich nie. Man kann auch einen Shatterhand immer wieder anders sehen und interpretieren. Zur Glorifizierung der Figur war nicht die Zeit. Besetzungen wechseln, und das ist auch gut. Die große Verantwortung zu übernehmen, ein so großes Ensemble dann als Regisseur zu führen, macht auch viel Freude. Es geht darum, alle Beteiligten zur besten Wirkung zu bringen. Ich sage immer: Es gibt keine kleinen Rollen, es gibt nur kleine Schauspieler.
Zu den legendären Ereignissen rund um Ihr Engagement für Karl May und die Verbreitung von dessen Werk gehört sicherlich der 21. Juli 1988, als Sie DEN Winnetou-Darsteller, den auch in der DDR hochgeschätzten Pierre Brice nach Radebeul holten. Brachten Sie damit die örtlichen Funktionäre zum Schwitzen?
Weniger als um die Person Karl May geht es wohl um die Gedanken von Respekt und Anerkennung verschiedener Kulturen, die er formuliert hat und die es zu verbreiten gilt. Das verbindet die vielen Darstellerinnen und Darsteller der gesamten Karl-May-Szene, und darin war ich mir mit Pierre Brice und auch mit Gojko Mitic immer einig. Ich habe Pierre nicht lange bitten müssen, er ist sehr gerne von Bad Segeberg zu uns gekommen. Dass die Verantwortlichen damals bei seinem Besuch in Radebeul und Rathen ins Schwitzen kamen, war zu erwarten. So waren dann einige Plätze in den ersten Reihen von Trenchcoatträgern mit sehr ernsten Gesichtern besetzt und ich bekam die Anweisung, keine Interviews zu geben. Aber all das blieb für das Publikum verborgen. Es war ein wunderschöner Nachmittag mit einer Friedenskette auf der Bühne, mit enthusiasmierten Menschen, die ihre Begeisterung sicherlich weitergetragen haben.
Auf welche Weise gelang es Ihnen, den Kontakt zu Pierre Brice zu halten? Schließlich kam Ihr französischer Kollege ja 2011 zu den Karl-May-Festtagen als Schirmherr zurück …

Seit 1989 war es möglich, telefonisch Kontakt zu halten. Pierre hat mich zu Premieren eingeladen, einmal konnten wir eine Busfahrt mit dem Schauspielensemble nach Bad Segeberg organisieren. Schauspieler beobachten sich aber auch aus der Ferne sehr aufmerksam. So kommt es, dass sie dann, wenn sie sich tatsächlich begegnen, eine große Verbundenheit verspüren können. Pierre Brice war besonders warmherzig und achtungsvoll seinen Berufskollegen gegenüber. Mit Lex Barker verband ihn eine innige Freundschaft und er erzählte uns, wie schmerzlich er ihn vermisste. Ich habe ihn als aufmerksamen Gesprächspartner geschätzt und ihn sehr gern gehabt. Es war gut zu wissen, dass er mit Hella eine so fürsorgliche, liebevolle Frau an seiner Seite hatte.
Sie haben einen Papagei, den Sie auf den Namen „Gojko“ getauft haben. Ein Name, der Ihnen viel bedeutet?
Gojko der Papagei lebt bei uns und spricht seinen Namen aus – weil wir ihn so nennen. Leider hat der echte Gojko ihn noch nie auf die Hand nehmen können. Die Zeit ist ja immer total ausgeplant, wenn er hier ist. Aber wir haben uns gesehen, konnten über vieles reden, und es war sehr schön, mit ihm durch den Lößnitzgrund zu reiten. Gojko Miti? ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Verbundenheit in der Szene gepflegt wird: Er hat der Spielgemeinschaft in Bischofswerda seinen Namen gegeben. Dort gibt es nun Deutschlands kleinste Karl-May-Spiele mit den jüngsten Darstellern auf einer Waldbühne und er kümmert sich um sie. Gojko hat dieser Tage einen runden Geburtstag – ich möchte ihm von hier aus ganz herzlich gratulieren!
Sie gehörten Anfang der 1990er Jahre zu den Initiatoren der Radebeuler Karl-May-Festtage, die nun bereits das zweite Jahr in Folge pandemiebedingt nicht stattfinden konnten. Wie optimistisch sind sie, dass ab nächstem Jahr der Funke wieder zündet und die Besucher wie gewohnt strömen?
Ich bin sehr optimistisch, dass wir – angepasst an die jeweiligen Bedingungen – immer wieder neue Formen einer lebendigen Kultur im Sinne von Karl May zelebrieren können. Die Landesbühnen sind da sehr erfinderisch, wie die neue Aufführungsserie im Lößnitzgrund beweist. Und die Funken sind in den Herzen der Theaterleute wie der Zuschauenden. Da kann es auch mal kalt und nass sein, das hält niemanden auf.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über etwas anderes sprechen. Sie sind seit 2006 Kunstpreisträger der Stadt Radebeul und waren auch kommunalpolitisch für die SPD als Stadtrat aktiv. Wie blicken Sie heute auf Radebeul und die Entwicklung, die es genommen hat? Sind Sie zufrieden?
Es gibt hier zahlreiche gute Initiativen und Anstrengungen, reichhaltige Kultur und Kunst. Jedoch muss ich beobachten, dass viele Mühen, gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen, vergeblich bleiben. Weil unter dem Mantel des Konservatismus Unzufriedene schädliches Gedankengut aufrufen, verbreiten und leider zu viele das dulden. Damit kann ich nicht zufrieden sein. Ich wünsche inständig, dass weniger getäuscht und mehr wirklich aufeinander eingegangen wird. Das würde die Arbeit im Stadtrat zu einer erfüllenden Tätigkeit machen.
Im Dezember vollenden Sie Ihr achtes Lebensjahrzehnt. Welche Wünsche haben Sie, was würden Sie gern noch erleben?
Dass die Welt gerechter und friedvoller wird – und dass wir in Radebeul damit anfangen!
Vielen Dank und alles Gute!

Bertram Kazmirowski

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